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nachDRUCK # 6

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Tanz

Zwischen Karneval

und kolonialem

Trauma



Mal – Embriaguez Divina von Marlene Monteiro Freitas | Foto (c) Peter Hönnemann

Bewertung:    



„Fuck you“, „Fuck this“ oder „Fuck the system“ – Fragmente wie diese werden im schnellen Tempo live vorgetragen, zusammen mit juristischen Begriffen, religiösen Verdammnissen und weiteren Schimpfwörtern. Der rhythmische, verbale Strom erzeugt eine beklemmende Atmosphäre, während auf der hinteren Bühne Volleyball gespielt wird. Im Vordergrund präsentiert ein Mann in Soldatenmontur sein Gewehr wie während eines Überwachungsrituals.

Die kapverdische Choreografin Marlene Monteiro Freitas erkundet in Mal – Embriaguez Divina die Ambivalenz des sogenannten Bösen. Das portugiesische Wort „mal“ lässt sich nicht eindeutig übersetzen. Vielschichtig bedeutet es zugleich das Schlechte, das Böse, Leid, Qual, Unbehagen oder Übel. Der Zusatz „embriaguez divina“ (göttlicher Rausch / göttlicher Wahn) stellt dem Schrecken eine ekstatische, entgrenzende Ausflucht gegenüber.

Ein neunköpfiges, internationales Ensemble aus Tänzern und Schauspielern verschiedener Generationen und Staturen tritt anfangs wie ein antiker Chor auf. Sie bewegen sich in kleinen Gruppen synchron und marionettenartig.

Später agieren sie als Jury, Sezierende in einem Labor, Bürokraten, Vögel oder eben als hysterisches Theaterpublikum. Eine provokante Szene ist es, wenn sie als hämischer Chor auf der Tribüne sitzen und penetrant repetitiv und grimassenschneidend die Zuschauer anstarren.

Absurdes Theater trifft hier auf Clownerie, wenn die Akteure nicht nur ihren Körper, den Rumpf oder die Glieder bewegen, sondern auch die Zunge herausstrecken und ihre Münder zu grotesken Grimassen verziehen. Auch stimmliche Ausrufe werden laut, etwa ein Flüstern, Schreien, Summen, Fiep-, Quietsch- und Grunzgeräusche oder verzerrte Lautmalereien. Die Tonebene verlangt dem Publikum durch extreme Lautstärken viel ab. Die Sounddesigner Rui Antunes und Rui Dâmaso arbeiten mit harten Kontrasten zwischen Lärm und Stille. Abstrakte Soundcollagen und rhythmische Karnevalsmärsche wechseln abrupt mit Momenten, in denen man nur die Geräusche der Darsteller hört.

Neben spielerischen Elementen des kapverdischen Karnevals gibt es auch subtile Anspielungen auf Spuren des Kolonialismus und postkoloniale Machtstrukturen. So deuten eingespieltes ohrenbetäubendes Krachen und maschinelles Dröhnen Gewalt- und Kolonialstrukturen an. Es ist ein Sound von Zerstörung und Umbruch. In den ehemaligen Kolonien war der Karneval historisch oft ein Ventil und ein Raum des lautstarken Widerstands gegen die Unterdrücker. Auf der Bühne eignen sich die Performer durch den ohrenbetäubenden Lärm den Raum eigenmächtig wieder an und übertönen möglicherweise eine kühle, bürokratische Verwaltung der Macht totalitärer Herrschaftssysteme.

In einer Szene basteln sich die Akteure aus weißen Dokumentenbüscheln Kopfbedeckungen und ziehen so Symbole westlicher Dominanz ins Lächerliche. Die Musik von Tschaikowskis Ballett Schwanensee wird eingespielt. Die Performer sitzen dabei wie ein Ballettpublikum auf der Tribüne, tragen lila Gummihandschuhe und klatschen in einem schier endlosen Applaus. Das laute, flappende Latex der elastischen Überzieher imitiert dabei parodistisch den wehrlosen Flügelschlag des sterbenden Schwans. Dabei verstecken die Akteure ihre Köpfe hinter den zum Klatschen erhobenen Händen und Armen und ahmen so einen Schwan nach. Freitas nutzt auch zentrale Motive aus Andrew Lloyd Webbers Rock-Oper Jesus Christ Superstar, um eine sakrale Ekstase heraufzubeschwören, die zwischen totalitärer Kontrolle und religiösem Wahn schwankt.

Marlene Monteiro Freitas steht als Mastermind des Stücks selbst auf der Bühne und treibt ihr Ensemble als choreografischer Motor an. Die mosambikanische Tänzerin und Choreografin Mariana Tembe, die infolge eines schweren Autounfalls ihre Beine verlor, vollführt mit einer außergewöhnlichen Rumpf- und Armkraft im Bühnenraum komplexe, rhythmische Bewegungen auf Tischen und Tribünenstufen. Die taiwanische Tänzerin Hsin-Yi Hsiang besticht durch feine Bewegungspräzision und faszinierende Wandelbarkeit bei den synchronen Gruppenchoreografien. Der aus Westafrika stammende Joãozinho da Costa glänzt durch physische Präsenz und Körperspannung bei grotesken Bewegungsabfolgen. Auch der französische Performer Henri „Cookie“ Lesguillier, der US-amerikanische Tänzer Kyle Scheurich und die portugiesischen Künstler Francisco Rolo, Miguel Filipe und Tónan Quito tragen mit immenser Wandelbarkeit, Ausdauer und schauspielerischer sowie akustischer Präsenz zur kollektiven Dynamik bei.

Ein Abend voller Intensität, Rhythmik und Tempo, der durch eine surreale Hinterfragung von Grenzen irritiert. Freitas bricht Sehgewohnheiten des klassischen Balletts auf und wurde für ihre visionäre Ästhetik unter anderem mit dem Silbernen Löwen der Biennale di Venezia (2018) geehrt.



Mal – Embriaguez Divina von Marlene Monteiro Freitas | Foto (c) Peter Hönnemann

Ansgar Skoda - 7. November 2026
ID 16139
https://www.schauspiel.koeln/produktion/mal-embriaguez-divina


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