Über eine
Kommunalka
in der späten
Sowjetunion
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(C) Esra Rotthoff
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Bewertung:
Am 11. März 1985 stirbt der Generalsekretär der KPdSU Andrej Tschernenko nach nur dreizehn Monaten im Amt. Ihm wird Michail Gorbatschow folgen und mit Perestroika und Glasnost so etwas wie eine Zeitenwende in der damaligen Sowjetunion einläuten. Das können weit ab von Moskau die Bewohner einer sogenannten Kommunalka in Katerina Poladjans 2022 erschienenen Roman Zukunftsmusik noch nicht wissen. Sie träumen im sowjetischen Winter von ihrer Zukunft und versuchen mit den Widrigkeiten der Gegenwart klarzukommen. Nun hat am Maxim Gorki Theater Hausregisseur Nurkan Erpulat den Roman für die Bühne adaptiert. Es ist seine letzte Arbeit am Haus, dem in der nächsten Spielzeit ein Intendanzwechsel bevorsteht. Zeitenwende also auch am Gorki. Aber zunächst streiken immer noch die Gewerke für einen besseren Tarifvertrag, und der Abenddienst verteilt Flyer von Verdi.
Dann erklingt auf der Bühne Chopins Trauermarsch, das untrügliche Zeichen dafür, dass in Moskau ein hohes Tier verstorben ist. Wer, weiß man hier im sibirischen Winter nicht. Man hat eh ganz andere Probleme in der kleinen Zwangsgemeinschaft mit 6 Mietparteien, die sich Bad, Toilette und Küche teilen. In einem der Zimmer wohnen Urgroßmutter Warwara (Ursula Werner), Großmutter Maria (Çiğdem Teke) und deren Tochter Janka (Via Jikeli), Mutter der kleinen Kroschka. Dazu gesellen sich illustre andere Figuren, wie der Ingenieur Matwej (Doğa Gürer), der einst wegen ein paar Gedichten denunziert und in die Produktion verbannt wurde. Nun legt er Karteikarten über die Mitbewohner an und haust auf der Bühne in einem Schubladenzimmerchen. Hier kommen sich er und die einsame Maria bei einer Flasche armenischem Cognac näher. Warwara trifft sich heimlich im Bett mit ihrem verheirateter Liebhaber Ippolit (Marc Benner). Pawel (Aysima Ergün) und Andrej (Marc Benner) buhlen um die Gunst der unentschlossenen Janka, die der Arbeit in der Fabrik nach Leningrad entkommen will. Sie hofft als Musikerin entdeckt zu werden und veranstaltet in der Kommunalka ein Kwartirnik genanntes Küchenkonzert, bei dem ein ominöser, einflussreicher Journalist namens B.G. auftauchen soll.
Dass das irgendwie auch etwas nach modernem Tschechow klingt, ist von der Autorin durchaus beabsichtigt. Und da gibt es hier neben den nach Glück und Liebe sehnsüchtigen Frauen (wie bei den Drei Schwestern) auch so etwas wie ein Kirschgarten-Ende. Das Haus soll abgerissen oder umgebaut werden. Wohin die Reise geht, wissen die auf gepackten Koffern Sitzenden aber auch noch nicht. Eine kleine Reminiszenz darauf, dass Regisseur Erpulat zu Beginn der Intendanz von Shermin Langhoff Tschechows Kirschgarten hier inszeniert hat. Nun lässt er sein Ensemble in dem engen Drehbühnenbild von Magda Willi von Zimmer zu Zimmer wandern und Episoden aus dem Roman mit Hang zum Slapstick spielen. An den Schultern stark ausgepolstert (Kostüme: Miriam Marto) sehen alle ein wenig wie Karikaturen aus den 1980er Jahre aus. Sie spielen eine sozialistische Wartegemeinschaf, die geduldig in der Schlange steht, obwohl keiner weiß, was es gibt. Ein langer Teppich im Bus wird über den Köpfen jongliert. Für einen Sturm zerren Çiğdem Teke und Doğa Gürer einfach nur an ihren Kostümen.
Für eine Romanadaption kommt die Inszenierung mit verhältnismäßig wenig epischen Passagen aus. Nicht alle Figuren des Romans treten auf, und nicht alle Nebenhandlungen werden auserzählt. Dafür gibt es sehnsüchtige, russisch gesungene Lieder (Musik: Tobias Schwencke), deren Übersetzung in Übertiteln zu lesen ist. Persönliches Glück gegen sozialistisches Allgemeinwohl. Während Maria konstatiert, dass es kein Recht auf erwiderte Liebe gibt, hofft Janka auf ein Leben, das sie noch nicht gelebt hat. Wie, das bleibt hier offen, so wie es auch keinen geraden Link von der sowjetischen Vergangenheit in die russische Zukunft gibt. Den bringen dann nach der Vorstellung die 18-jährige Sängerin Naoko und der 22-jährige Gitarrist Alexandr Orlow von der Band Stoptime. 2025 wurden sie in St. Petersburg beim Spielen verbotener Lieder auf der Straße verhaftet. Nach Berlin emigriert spielen sie nun nach jeder Vorstellung ein Set von 5 Songs u.a. auch Soldat, ein kritisches Lied über den Krieg, der in Russland so nicht heißen darf. Meine Träume könnt ihr mir nicht nehmen, heißt es passend zum Abend in einem weiteren Song.
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Zukunftsmusik am Maxim Gorki Theater Berlin | (C) Ute Langkafel MAIFOTO
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Stefan Bock - 29. Januar 2026 ID 15672
ZUKUNFTSMUSIK (Maxim Gorki Theater, 27.01.2026)
nach dem Roman von Katerina Poladjan
Regie: Nurkan Erpulat
Bühne: Magda Willi
Kostüme: Miriam Marto
Musik: Tobias Schwencke
Lichtdesign: Connor Dreibelbis
Dramaturgie: Johannes Kirsten, Clara Probst
Dramaturgische Mitarbeit: Paula Rave
Mit: Marc Benner, Aysima Ergün, Doğa Gürer, Via Jikeli, Çiğdem Teke und Ursula Werner
Premiere war am 24. Januar 2026.
Weitere Termine: 03., 04.02.2026
Weitere Infos siehe auch: https://www.gorki.de/de/
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