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WIR HABEN ES NICHT GUT GEMACHT (frei nach Briefen von Ingeborg Bachmann & Max Frisch) am Schauspiel Frankfurt

Bewertung:    



Ingeborg Bachmann (1926-1973) war eine schillernde Persönlichkeit. Die Liebesbeziehungen der vielleicht bedeutendsten deutschsprachigen Autorin des 20. Jahrhunderts sind legendär. Max Frisch (1911-1991) ist wieder in aller Munde, nachdem im Oktober 2025 Stefan Haupts starbesetzte Verfilmung von Frischs Roman Stiller in den Kinos anlief. Beide Autoren erhielten zu Lebzeiten renommierte Preise und verarbeiteten ihre Lebenskrisen künstlerisch.

Bachmann und Frisch waren vom Sommer 1958 bis zum Jahr 1963 das wohl berühmteste Paar der deutschsprachigen Literatur. Sie lebten zeitweise in gemeinsamen Wohnungen zusammen. 2022 erschien Bachmanns Briefwechsel mit dem Schriftsteller Frisch. Er belegt einmal mehr, dass beide ein inniges Liebesverhältnis und darüber hinaus intensive Auseinandersetzungen verband. Geprägt wurde ihr Leben durch die NS-Katastrophe. Mit ihrer Sprachskepsis reagierten die Autoren ähnlich auf das Problem der Erzählbarkeit nach 1945. Sie nahmen nicht nur regelmäßig in ihren Veröffentlichungen aufeinander Bezug, sondern begegneten einander auch in ihren Briefen mitunter poetisch, liebevoll und sehr persönlich.

In den Kammerspielen vom Schauspiel Frankfurt setzt Susanne Frieling ih ihrer Bühnenfassung den Briefwechsel der beiden Schriftsteller szenisch um. Boden und Wände sind in Grau gehalten. Sebastian Kuschmann tritt als Frisch stattlich mit weit geöffneten Hemd und Goldkette von rechts auf (Kostüme: Anna Sünkel). Er wartet zunächst ungeduldig - bis Manja Kuhl von rechts mit klackernden Stöckelschuhen und adrett im grau-schwarzen Kostüm hinzutritt. Sie öffnen zwei graue Wandvorhänge, wobei Bachmann Frisch zur Hand geht. Hinter den Wandvorhängen sehen wir einen Wohnbereich mit gestapelten Gegenständen und zahlreichen Umzugskästen (Bühne: Devin McDonough). In der intimen Atmosphäre fallen liebevolle Details in der Ausstattung direkt ins Auge, etwa ein kleiner Tisch mit einem Schachspiel und zwei Stühlen. Sogleich platziert Bachmann hier die Figuren neu.

Gespielt wird ein hypothetischer Abend. Es kommt zu einem finalen Austausch. Es kommt zu Liebesbekenntnissen, Spannungen und Vorwürfen. Beide streiten, versuchen einander loszulassen und doch aneinander festzuhalten. Während der Szenenabfolge sitzt Manja Kuhl in der Rolle der Bachmann oft Zigarette rauchend im Innenbereich. Sie entledigt sich ihrer Schuhe, agiert barfuß und wechselt mehrfach ihre Garderobe. Sebastian Kuschmann in der Rolle Frischs steht meist einige Meter entfernt im grauen Außenbereich der Wohnung. Das deutet eine räumliche Entfernung an zwischen Bachmann, die unter anderem in Rom und Berlin lebte, und dem in Zürich geborenen Frisch, der unter unter anderem im Tessin und in New York wohnte. Die Distanz der beiden Liebenden und ihre gleichzeitige Verbindung kommen wirkungsvoll zur Geltung. Bachmann trägt Fotos, Schallplatten und eine Schreibmaschine in den Außenbereich, wobei sie die Gegenstände auf den Boden verteilt. Frisch ist sichtlich bemüht, die Objekte zurückzutragen.

Beide verletzen sich gegenseitig durch Vertrauensbrüche. Sie liest und verbrennt eines seiner Tagebücher und fordert ihre an ihn gesendeten Briefe zurück. Er weigert sich, ihr diese auszuhändigen. Er verarbeitete ihre Person nach ihrem Tod literarisch in seiner Erzählung Montauk. Etwa zwei Stunden lang werden im Wechsel Auszüge aus Briefen vorgetragen. Beide Autoren ringen oft um die richtigen Worte, mit denen sie einander begegnen möchten. Der Zuschauer scheint bei der Gedankenfindung ihrer Briefe dabei zu sein. Er nimmt Anteil an den mit ihnen verbundenen Hoffnungen. Der jeweilige Empfänger liest, oft um Fassung ringend, Briefzeilen der oder des anderen vor. Eine Annäherung der beiden Autoren aneinander wird szenisch auch in kurzen, spannungsvollen und zärtlichen Annäherungen dargestellt. Eingespielte dramatische Musik und atmosphärische Lichtsetzungen unterstreichen Phasen der Einsamkeit und Zweisamkeit. Am Ende ist die Bühne bedrückend dunkel.

Wichtige, prominente Weggefährten Bachmanns, wie Paul Celan, Hans Magnus Enzensberger und Adolf Opel sowie Frischs zweite Ehefrau, die Übersetzerin Marianne Oellers, werden erwähnt. Eine durch die Verhältnisse der 15 Jahre jüngeren Bachmann motivierte Eifersucht Frischs deutet sich szenisch an. Die Eifersucht auf den Erfolg der oder des Geliebten findet ebenfalls in den vorgetragenen Briefen Ausdruck. Beide unterhalten sich über das Für und Wider von Bachmanns Poetikdozentur in Frankfurt, worüber in den Frankfurter Theaterreihen geschmunzelt wird; ist ihre Eröffnung der sogenannten Poetik-Vorlesungen 1959/60 doch längst legendär.

In der szenischen Umsetzung liegt das Hauptaugenmerk des Publikums oft auf Bachmann-Darstellerin Manja Kuhl, die durch lebendigen Vortrag und mit Intensität des Spiels hervorsticht. Sebastian Kuschmann erscheint als Frisch gefestigter in seinem Auftreten und seinen Entscheidungen. Er fordert seine einstige Gefährtin forsch heraus, stößt sie von sich weg und sucht nur in seltenen Momenten auch körperlich ihre Nähe. In einer Szene gegen Ende trifft Kuhls Rezitation auch den so charakteristischen, lakonischen Bachmann-Ton. Eine Sprachlosigkeit und das Fehlen der Worte werden seitens der Bachmann-Figur pointiert verkörpert. Die Einsamkeit der liebenden Schriftstellerin stellt Kuhl heraus, wenn sie sichtlich bewegt langsamen Schrittes gegen Ende mehrere Vasen mit roten Rosen auf den Boden platziert. Tobias Lauber und Max Windisch-Spoerk holen mit ihrer Licht- respektive Sounddramaturgie gekonnt Emotionen aus dem Bühnenraum heraus.

Bachmann wehrte sich zeitlebens gegen Vereinnahmungen und Darstellungen ihrer Person, etwa in Romanen und Erzählungen Max Frischs. Insbesondere in ihrem Spätwerk, dem Todesarten-Zyklus, verarbeitete sie gescheiterte Liebeserfahrungen und psychische Lebenskrisen künstlerisch.

Vielleicht hätte eine loyalere, ehrlichere und offenere Bindung länger gehalten; sicherlich wäre sie nicht so spannungsvoll gewesen und hätte den Mythos um das berühmte schreibende Paar weniger befeuert.



Sebastian Kuschmann und Manja Kuhl in Wir haben es nicht gut gemacht am Schauspiel Frankfurt | Foto (C) Felix Grünschloß

Ansgar Skoda - 31. Dezember 2025
ID 15629
WIR HABEN ES NICHT GUT GEMACHT (Kammerspiele, 30.12.2025)
Regie: Susanne Frieling
Bühne: Devin McDonough
Kostüme: Anna Sünkel
Musik & Video: Max Windisch-Spoerk
Dramaturgie: Katrin Spira
Licht: Tobias Lauber
Mit: Manja Kuhl und Sebastian Kuschmann
Premiere war am 17. Januar 2025.
Weiterer Termin: 01.02.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspielfrankfurt.de


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