Macht Spaß
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Was ihr wollt am Berliner Ensemble Foto (C) Jörg Brüggemann
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Bewertung:
Wer mal wieder rein aus Amüsement ins Theater gehen will, der ist in Antú Romero Nunes‘ Inszenierung von William Shakespeares Komödie Was ihr wollt am Berliner Ensemble bestens aufgehoben. Ein wenig scheint hier auch der Geist des alten Hausherrn Claus Peymann noch mal durch die Reihen des Saals zu wabern, zieht doch irgendwann auch eine verschleierte Trauergemeinde über die Bühne. Hatte Peymann eigentlich mit Komödien nicht viel am Hut, hat er seinen Shakespeare noch immer sehr ernst genommen. Das soll kein verspäteter Nachruf werden, aber ein bisschen Wehmut darf schon mal sein. Nachdem Peymanns Geist von Nachfolgeintendant Oliver Reese längst ausgeräuchert worden ist, darf nun endlich der Spaß ran. Und der ist bei Regisseur Nunes fast schon garantiert. Auch wenn es hier zu Beginn ein wenig wie Animierbetrieb wirkt, wenn BE-Urgestein Veit Schubert als clownesk angemalter Narr und Maeve Metelka als gendergeswitchter immer schwankender Sir Toby Rülps im sandsteinfarbenen Cordanzug (Kostüme: Magdalena Schön, Helen Stein) das Publikum mitsummen lassen. Musik ist in Shakespeares Komödien fester Bestandteil, und auch bei Nunes wird kräftig auf die Pauke gehauen, Klavier und spanische Gitarre gespielt. Und natürlich auch lauthals betrunken "Halt dein Maul" gesungen.
Die Kritik ist damit hoffentlich nicht gemeint. Aber Niveau ist hier laut zickiger Zöpfchenzofe Maria (Pauline Knof) keine Handcreme und der Narr vielleicht noch der mit dem meisten Verstand. Ein paar Zoten hat Veit Schubert dann als angestellter und abhängig bezahlter Witzemacher auch parat. Damit hatte Shakespeare schon ein Problem zu seiner Zeit. Damals waren es die Puritaner, die ihm den Spaß am Spiel verderben wollten, heute versucht das die AfD mit komischen Anfragen in den Länderparlamenten zur richtigen Kulturausrichtung. Oder die Spaßverderber in Regierungsverantwortung drehen selbst den Geldhahn zu. Bis die Kassen leer sind, kann seit Oktober letzten Jahres im Berliner Ensemble also noch gelacht werden. Das Stückpersonal darf bei Nunes nun auch ordentlich Slapstick und Klamauk machen. Und das Niveau ist dann eigentlich gar nicht so unterirdisch. Spielfreude ist oberstes Gebot, und alle legen ordentlich selbst Hand an den Plot mit Windmaschinen, Plastikfolien und selbsterzeugten Geräuschen zum Schiffsuntergang. Das ist bei Nunes nicht unüblich und hilft aufwendige Bühnenmaschinerie zu sparen.
Die Bühne von Matthias Koch ist dann bis auf einen durchsichtigen Folienvorhang relativ leer. Bei Bedarf werden Kisten mit Requisiten oder ein Klavier reingeschoben. Alles andere wird einfach mit „Schmeiß“ und „Blink Blink“ angedeutet. Die Fantasie blüht, und die Geschlechter wechseln hier in den Rollen, wie es gerade gefällt. Die in Illyrien gestrandete Viola (Amelie Willberg) wird zum jung-androgynen Cesario und verdreht so ungewollt Herzog Orsino (Oliver Kraushaar) und Gräfin Olivia (Sebastian Zimmler) gleichermaßen den Kopf. Zimmler versprüht große Eleganz und ist in Fummel und selbst unter Trauerschleier mehr als bloße Travestie. Die Liebeswirrungen und urkomisch verzweifelt aufgeführten Werbungsszenen der jugendlich energischen Viola als verkleideter Cesario im Auftrag des Herzogs an seine Angebetete Gräfin sorgen hier für viel Vergnügen. Liebesleid und -freud wechseln beständig. Nichts ist, was es scheint, und Shakespeares Stück ist von jeher großes Schauspielfutter.
Marc Oliver Schulze gibt seine vermeintlich kleinen Nebenrollen als Kapitän und Antonio mit genauso viel Hingabe wie Maximilian Diehle seinen schlaksigen, peinlich verblödeten Ritter Sir Andrew Leichenwang mit viel Hysterie („Mir ist nicht gut.“) in die alberne Farce treibt. Max Gindorff als irgendwann wieder aufgetauchter Zwillingsbruder Sebastian weiß hier auch nicht wirklich, wie ihm geschieht. Als einzig tragische Figur in all dem lustigen Treiben bleibt wie immer der mit Puritaner-Halskrause ausstaffierte, steife Haushofmeister Malvolio, den Bettina Hoppe zunächst noch viel Grandezza verleiht, von der nach dem urkomischem Brief-Intrigenspiel des Trios Maria, Sir Tobi und Sir Andrew nicht mehr viel übrigbleibt außer dem ewigen Wunsch nach Rache (Achtung! „Ausrotten“). Am Ende drehen Nunes und sein spielfreudiges Ensemble vielleicht ein paar kleine Pirouetten zu viel, aber umsonst ist der Abend ganz sicherlich nicht.
Zum Theatertreffen wie noch 2023 Nunes‘ Basler Sommernachtstraum hat es nicht gereicht. Einen Publikumsmagneten hat des BE damit aber schon.
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Was ihr wollt am Berliner Ensemble | Foto (C) Jörg Brüggemann
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Stefan Bock - 22. Januar 2026 ID 15663
WAS IHR WOLLT (Berliner Ensemble, 20.01.2026)
von William Shakespeare
Aus dem Englischen von Thomas Brasch
Regie: Antú Romero Nunes
Bühne: Matthias Koch
Kostüme: Magdalena Schön und Helen Stein
Musik: Pablo Chemor
Licht: Hans Fründt
Dramaturgie: Amelie Joana Haag
Mit: Maximilian Diehle, Max Gindorff, Bettina Hoppe, Pauline Knof, Oliver Kraushaar, Maeve Metelka, Veit Schubert, Marc Oliver Schulze. Amelie Willberg und Sebastian Zimmler
Premiere war am 31. Oktober 2025.
Weitere Termine: 07., 08., 26., 27.02.2026
Weitere Infos siehe auch: https://www.berliner-ensemble.de
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