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Repertoire

Wenn alles

darnieder

sinkt



Imke Siebert als Elin in Und alle so still am Theater Bonn | Foto © Matthias Jung

Bewertung:    



Elin (Imke Siebert) zupft, wischt und schiebt geschäftig an ihrem hautengen Outfit. Sie trägt verlängerte Wimpern und betont die Konturen ihres Gesichts mit ausgeprägtem Make-up. Die Mittzwanzigerin posiert mit überschlagenen, nackten Knien und hochhackigen Reißverschluss-Stiefeletten auf einem Einkaufswagen. Lebhaft und eifrig empfiehlt die Influencerin sodann ihren Followern und Fans die neuesten Pflegeprodukte und Kosmetikcremes.

Gedrängt aneinandergereiht stehen hinter Elin helle Raumelemente mit Zuziehvorhängen. Auf diese werden nun Bewegtbotschaften mit ihr und Social Media-Brandingzahlen eingeblendet (Ausstattung und Video: Djamilja Brandt). Das Bühnenbild erweitern verschiebbare Einkaufswagen und Treppenbausteine, die während der Produktion verschiedentlich zum Einsatz kommen.

Elin antwortet während ihrer Moderation floskelhaft auf interessierte Kommentare, die aus dem Off zugespielt werden. Dabei ignoriert sie jedoch Provokationen von möglichen Cyber-Trollen, welche das Niveau der Unterhaltung mit verletzenden oder respektlosen Anfeindungen drücken. Nach wenigen Minuten wiederholt sie eine Abmoderation wie bei einem YouTube-Tutorial. Die lichtdurchfluteten Botschaften brechen ab. Das Publikum in der Bonner Werkstatt wird sogleich nach der letzten Verabschiedung mit einem rauen Aufschrei konfrontiert. Elin reagiert mit Wut auf den Druck der durchwachsenen Reaktionen ihrer Fangemeinschaft. Auch empfindet sie ihre Konsumempfehlungen zunehmend als hohl und leer. Hier kündigt sich der innere Konflikt einer Figur an.

Laura Ollech inszenierte Und alle so still (nach Mareike Fallwickls gleichnamigem Romanbestseller von 2024) in der Bonner Werkstatt. Sie unterbricht Szenenfolgen durch laute House-Beats. Auf der Bühne lernen wir bald auch Nuri (Till Krüger) kennen, der sich mit drei Nebenjobs über Wasser hält. Er jobbt mehr schlecht als recht als Fahrradkurier, Gelegenheits-Barkeeper und beim Bettenfahrdienst im Krankenhaus. Schließlich ist da auch noch die pflichtbewusste, aber überforderte Pflegefachkraft Ruth (Ursula Grossenbacher). Alle Figuren liebäugeln mit einer wachsenden Bewegung von Frauen, die sich kollektiv reglos aus Protest auf die Straße legen. Werden die drei Figuren auch gegen Vorgesetzte aufbegehren oder in die Fußstapfen der Frauen treten, die leise protestieren?

Beinahe uferlos werden klischeehaft die Entbehrungen der drei arbeitenden Figuren aneinandergereiht. Leider wirkt jedoch die auf der Bühne dargebotene Lösung, sich auf die Straße zu legen, etwas pathetisch, hilflos und platt. Hierzu passt es, dass sich Elin und Nuri, erklärte Sympathisanten der Bewegung, bald naiv und selbstgefährdend mit sauren Fruchtgummischlangen oder Brausepulver auf offener Bühne den Bauch vollschlagen. Deutet sich hier etwa auch kindlicher Protest an?



Und alle so still am Theater Bonn | Foto © Matthias Jung

*

Und alle so still ist sonst jedoch recht nah an den Alltagssorgen und der Realität vieler Bürger. Menschen mit kleinen Einkommen treffen aktuell steigende Wohnkosten und hohe Lebensmittelpreise für Grundnahrungsmittel besonders. Auch in der Bundesstadt legten 2026 Pflegekräfte im Zuge eines Streikaufrufs der Gewerkschaft ihre Arbeit nieder.

Männer verdienen tatsächlich oft mehr als Frauen, wie in mehreren Kurzvideos der Produktion problematisiert wird. Hier wäre jedoch ein aktueller Verweis sinnvoll: Bis zum 7. Juni 2026 soll hierzulande die Entgelttransparenzrichtlinie der EU durchgesetzt werden, die dafür sorgen soll, dass Frauen im Job künftig nicht mehr schlechter bezahlt werden als Männer. Auf solche grenzüberschreitende Bemühungen hin zur Entgeltgleichheit könnten Ollech und ihr Team doch auch referenzieren, um einen wirkungsvollen Ausblick in die Zukunft zu geben.

Es ist richtig, dass untere Lohngruppen mehr Gehalt fordern sollten. Es ist erschreckend, dass bei der Bundestagswahl 2025 laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung 34 Prozent der Arbeitslosen für die AfD stimmten. Sie schaden ihrem eigenen Wohl, da die AfD prinzipiell gegen Sozialleistungen, höhere Löhne, Arbeitnehmerrechte und die Besteuerung von Reichen votieren dürfte. Glücklicherweise verdoppelten auch die Linken die Zahl ihrer Mitglieder. Während die AfD eher von Männern getragen wird, wird die Linke weiblicher und westdeutscher als die alte Partei.

* *

Und alle so still ist ein aktivistisches, politisches und feministisches Werk. Ollechs Inszenierung zeigt auf, dass es eine neue Art der politischen Kommunikation braucht. Die Politik sollte wieder mehr für das Volk und weniger für eine Elite gemacht werden. Während große Vermögen höher besteuert werden sollten, sollte die Gesamtbevölkerung mehr an Gewinnen beteiligt werden.

Ansgar Skoda - 20. Januar 2026
ID 15660
UND ALLE SO STILL (Werkstatt, 17.01.2026)
nach dem Roman von Mareike Fallwickl

Regie: Laura Ollech
Ausstattung und Video: Djamilja Brandt
Licht: Ewa Górecki
Dramaturgie: Susanne Röskens
Musik: Mo Sommer
Choreografie: Hannes-Michael Bronczkowski
Mit: Ursula Grossenbacher, Till Krüger und Imke Siebert
Premiere am Theater Bonn: 05.12.2025
Weitere Termine: 24.02./ 13., 23., 27.02./ 27.03.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.theater-bonn.de


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