Zäh nacherzählt
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Heimsuchung von Jenny Erpenbeck - am Deutschen Theater Berlin | Foto (C) Eike Walenhorst
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Bewertung:
Wenn ein Theater einen Roman, der gerade erst zur Abiturlektüre erkoren wurde, auf die Bühne bringen will, kann man schon mal skeptisch sein. Heimsuchung, 2008 von Jenny Erpenbeck geschrieben, bringt aber eigentlich alles mit, was eine historische Erzählung zum interessanten Schulstoff machen könnte. Der Roman spannt den Bogen über fast ein ganzes Jahrhundert deutsche Geschichte von der Kaiserzeit, der Zeit vor und während der Naziherrschaft, den Zweiten Weltkrieg und die darauffolgende Teilung bis zur Wiedervereinigung, erzählt anhand eines Hauses und seinen wechselnden BewohnerInnen. Außerdem ist die 1967 in Ost-Berlin geborene Schriftstellerin 2024 für ihren Roman Kairos mit dem Booker Prize ausgezeichnet worden. Ebenfalls eine Geschichte mit toxischer Wirkung aus dem letzten Jahrzehnt der DDR bis zu ihrem Untergang, die als Schulstoff allerdings wesentlich sperriger sein dürfte, am Staatstheater Cottbus 2023 aber doch recht überzeugend für die dortige Kammerbühne adaptiert wurde. Am Deutschen Theater Berlin bringt nun Hausregisseur Alexander Eisenach, der für solche Experimente abonniert zu sein scheint, Heimsuchung erstmals auf die große Bühne des Hauses.
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Ganz so einfach ist das mit der Bühnentauglichkeit dieses rein erzählerischen Werks aber nicht. Erpenbeck hat die Geschichte des Sommerhauses ihrer Großeltern, die beide ebenfalls schriftstellerisch tätig waren, am Scharmützelsee recherchiert und ihre Kindheitserinnerungen mit der deutschen Geschichte aus Judenverfolgung, Flucht, Exil, Vernichtung und Krieg, Enteignung und Restitution sowie Schuld und Erinnerungskultur verknüpft. In epischen Kapiteln über die BewohnerInnen und einer sehr poetischen Sprache entsteht dabei ein Panorama einer idyllischen Landschaft zu verschiedenen, besseren oder schlechteren Zeiten, ihrer Menschen mit ihren Träumen und Schicksalen, die einen nicht unberührt lassen. Die Autorin geht dabei nicht rein chronologisch vor, sondern erzählt in der dritten Person aus der Perspektive der einzelnen Personen, die für eine jeweils längere oder kürzere Zeit in dem Haus leben.
Regisseur Eisenach versucht das mit einem Ensemble von acht SchauspielerInnen, einem Kind und zwei Live-Musikern (Sven Michelson & Niklas Kraft an Schlagzeug und Klavier) szenisch umzusetzen. Er geht dabei nun doch ganz nacheinander die einzelnen Etappen durch und lässt dabei das jeweilige Hauspersonal ihre Geschichten erzählen. Es beginnt wie im Roman mit dem Prolog, von einer Kinderdarstellerin (alternierend: Siri Carla Brodowski, Zita Theresia Pol) vorgetragen. Die Entstehung der brandenburgischen Landschaft und des Sees aus der Eiszeit heraus. Das Bühnenbild (Daniel Wollenzin) mit einem brückenartigen Bogen und einem Sandhaufen auf der Drehbühne, wirkt da fast wie eine stilisierte glaziale Serie. Papierstellwände darum bilden die transparente Hülle des Sommerhauses. Es folgt die Geschichte des Schulzen (Peter René Lüdecke) und seiner vier Töchter, von denen die jüngste, Klara (Julischka Eichel), ein bewaldetes Seegrundstück zur Mitgift erhält. Ein karges Leben in Tradition, die durch verschiedene Bräuche beschrieben wird. Klaras Liebe zu einem Fischer (Benjamin Lillie) wird vom Vater nicht geduldet. Sie verfällt darauf dem Wahn und ertränkt sich im See. Der Schulze verkauft das Grundstück parzelliert an zwei jüdische Kaufleute und einen Berliner Architekten (Felix Goeser), der auf seinem Teil das Ferienhaus für sich und seine Frau (Anja Schneider) baut.
Das wird alles recht bildlich erzählt und dabei z.B. Sand geschippt, oder mit Wassereimern hantiert. Die Figuren wechseln und mit ihnen die Rollen und Kostüme (Claudia Irro). Als dauernder Beobachter, im Roman eigentlich eher stilles Faktotum, fungiert der Gärtner, den Almut Zilcher mit Wachsjacke, einem breitkrempigen Hut und schnarrender Stimme gibt. Relativ unkommentiert stehen die einzelnen Episoden der jüdischen Familien neben denen des Architekten und seiner Frau, die das Grundstück mit dem Bootshaus der Gubener Tuchfabrikantenfamilie (hier gespielt von Peter René Lüdecke, Benjamin Lillie und Siri Carla Brodowski), deren Mitgliedern die Flucht nach Australien gelingt, oder in KZs abtransportiert und dort umgebracht werden. Sehr ergreifend ist auch hier auf der Bühne die Episode, in der die junge Doris in einem Versteck ausharrt und um ihre Existenz ringt.
Dagegen schneidet die Inszenierung das Tischgelage des Architektenpaars mit übertriebenem Gelächter. Die Vergewaltigung der Frau des Architekten am Ende des Zweiten Weltkriegs durch ein jungen Rotarmisten ist im Roman sehr explizit als symbolische Kampfhandlung Sieger gegen Besiegte beschrieben und wird hier auf der Bühne von Anja Schneider und Benjamin Lillie erzählt. Nach der Flucht des Architekten in den Westen beziehen neue Pächter das Haus. Der zweite Teil nach der Pause widmet sich ausführlich dem Schriftstellerpaar, das nach dem Exil in der Sowjetunion ins Haus zieht, und ihren Gästen. Die Fluchterfahrung der Schriftstellerin trägt Julischka Eichel in einem weiteren Monolog vor. Der fast 3stündige Abend endet mit dem Bericht der Enkelin als letzter Bewohnerin des Hauses, deren Schilderungen durch die nach der Rückübertragung des Grundstücks an die Erben der Architektenfrau durchs Haus ziehenden Kaufinteressenten unterbrochen wird. Erpenbecks Roman ist ein starkes Stück Geschichte, die szenisch aufzubereiten diesem Abend in seinem Hang zur puren Nacherzählung nicht wirklich gelingen kann und deren gesellschaftliche Aufarbeitung die eigentliche Heimsuchung wäre.
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Heimsuchung von Jenny Erpenbeck - am Deutschen Theater Berlin | Foto (C) Eike Walenhorst
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Stefan Bock - 8. Februar 2026 ID 15685
HEIMSUCHUNG (Deutsches Theater, 04.02.2026)
nach dem Roman von Jenny Erpenbeck
Regie: Alexander Eisenach
Bühne: Daniel Wollenzin
Kostüme: Claudia Irro
Live-Musik: Sven Michelson und Niklas Kraft
Video: Oliver Rossol
Licht: Robert Grauel
Dramaturgie: Johann Otten
Mit: Julischka Eichel, Felix Goeser, Florian Köhler, Svenja Liesau, Benjamin Lillie, Peter René Lüdecke, Anja Schneider, Almut Zilcher sowie Siri Carla Brodowski oder Zita Theresia Pol
Premiere war am 23. Januar 2026.
Weitere Termine: 13., 22.02./ 15., 16., 29.03.2026
Weitere Infos siehe auch: https://www.deutschestheater.de/
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