Back to Basics
GENESIS von Bastian Reiber und Team
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Bewertung:
Ein Alptraum für jeden Darsteller bzw. jede Darstellerin: Man steht auf einer Bühne und weiß nicht, welches Stück gespielt wird. So ergeht es Bastian Reiber im Depot 2 vom Schauspiel Köln, und was er aus diesem Dilemma macht (als Spieler wie als Regisseur), sind sehr unterhaltsame 90 Minuten. Zunächst sucht er Hilfe beim Abenddienst, aber der erscheint nie, um das Missverständnis aufzuklären. Und so steht Reiber überzeugend hilflos in einem Bühnenbild (Marina Stefan), das zu allem Überfluss auch noch nicht fertig zu sein scheint: Farbeimer stehen herum und mannshohe Kisten, in denen sich weitere Bühnenbildelemente verstecken.
Dramaturgisch ist das eine ideale Voraussetzung, um zu ergründen, was Theater eigentlich ausmacht, wie man die eigene Panik bezwingt und der eigenen Angst vor der Leere begegnet. Und das Publikum harrt geduldig aus und amüsiert sich über Reibers zunehmende Verzweiflung etwas anbieten, etwas spielen zu müssen. Diese Verzweiflung wird noch größer, als er in Erfahrung bringt, was eine Karte für diesen Abend gekostet hat. Oder vielleicht ist es auch eher Empörung über den nicht allzu hohen Preis. Auf die naheliegende Frage an das Publikum, für welches Stück sie sich denn versammelt haben, kommt er allerdings nicht. Reiber ist zunächst ganz von dem Ziel getrieben, zumindest die Hälfte der Vorstellung zu spielen, damit die Eintrittskarten nicht erstattet werden müssen. Seine Frage, wie viele Minuten denn inzwischen vergangen seien, beantwortet er sich quasi selbst: noch nicht genug, und außerdem macht das Publikum keine Anstalten den Raum zu verlassen.
Also sucht Reiber zusammen, was sich auf der Bühne so alles befindet und bespielt werden kann. Highlight sind die Standventilatoren unterschiedlicher Größe und Farbe, die er zu einer Art Familienaufstellung an die Rampe drapiert. Kurz darauf findet er ein Modell des Bühnenbildes und macht sich daran, dieses mit dem Material aus den Kisten – in Maßen – zu vervollständigen. Als eine Art Übersprungshandlung sucht Reiber zwischendurch auch den Kontakt nach draußen, aber das Depot 2 grenzt lediglich an einen Parkplatz, und allzu viele Menschen sind an diesem Freitagabend dort nicht unterwegs.
Und dann geht es überraschend doch noch um die titelgebende Genesis: Die Gottesdefinitionen, die Reiber plötzlich herunterrattert und die aus dem Buch 311 Gottesdefinitionen von Valère Novarina stammen, wirken wie ein Rettungsanker. Endlich hat er etwas gefunden, womit er die vermeintliche Leere füllen kann. Und aus dem Nichts kommt dann noch ein Schlagzeuger auf die Bühne (Thomas Witte), der Reiber wortwörtlich einen Takt vorgibt, ihn zu sportlichen Aktionen antreibt, in denen alles zitiert wird, was die Geschichte der szenischen Komik so zu bieten hat: Treppe rauf und wieder runter in verschiedenen Geschwindigkeiten und bei höchster Stolpergefahr beispielsweise.
Irgendwann verlässt Witte sein Schlagzeug im hinteren Teil der Bühne und gesellt sich zu Reiber an die kleine Treppe vorne am Portal. Die schüchterne Frage Reibers danach, ob er weiß, was gespielt wird, beantwortet Witte mit einem Monolog über das Für und Wider von Induktionsherden. So viel Redebedarf hätte man ihm gar nicht zugetraut, und anschließend darf er dann wieder hinter sein Schlagzeug verschwinden. Auch das ein schönes Beispiel dafür, wie virtuos Reiber und sein Team mit der Erwartungshaltung der Zuschauerinnen und Zuschauer spielen.
Wie sich das Ganze auflöst, sei hier nicht verraten, außer dass ein Bühnenelement, das vorher nicht im Fokus stand, auf einmal eine Hauptrolle übernimmt und die Zuschauenden und Spielenden der Frage näher bringt, wer oder was denn Gott ist. Und was das Ganze überhaupt soll. Und ja, auch Elias Eilinghoff tritt noch auf bzw. ist eigentlich schon die ganze Zeit anwesend.
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Mit Genesis ist Bastian Reiber und seinem Team ein kleiner Glücksgriff gelungen: wahnsinnig komisch, aber auch und immer wieder mit der Frage verbunden: Worum geht es eigentlich, wenn wir anderen beim Spielen auf einer Bühne zuschauen, und welche Erwartungshaltung ist damit verbunden? Theatrale Basics eben, und gerade aus diesem Grund sehr erhellend.
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Genesis am Schauspiel Köln | Foto (C) Birgit Hupfeld
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Karoline Bendig - 27. Dezember 2025 ID 15626
GENESIS (Schauspiel Köln, 19.12.2025)
Regie: Bastian Reiber
Künstlerische Mitarbeit: Christina Deinsberger
Bühne und Kostüm: Marina Stefan
Ton: Julia Spang und Jakob Heisters
Musik: Thomas Witte
Dramaturgie: Henning Nass, Bettina Ehrlich und Elisa Leroy
Mit Bastian Reiber, Elias Eilinghoff und Thomas Witte
Premiere war am 4. Oktober 2025.
Weiterer Termin: 04.01.2026
Eine Produktion der Schaubühne am Lehniner Platz, 2023
Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspiel.koeln
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