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Repertoire

Es hat Bums

gemacht

Zwei Inszenierungen von Sapir Heller am Schauspiel Frankfurt


Dingens von Hanoch Levin - am Schauspiel Frankfurt | Foto (C) Robert Schittko



Die Bühnenräume sind abstrakt gehalten und keinem realistischen Ort nachempfunden. In ihren beiden Inszenierungen am Schauspiel Frankfurt typisiert die israelische Regisseurin Sapir Heller ihre Figuren ästhetisch durch markante, teils extravagante Kostüme und Accessoires. Identitätsfragen werden über Farben und Formen einer unkonventionellen Garderobe wirkungsvoll greifbar gemacht. Die heute 37-jährige Regisseurin setzt durch visuelle Akzente humoristische Kontrapunkte zum durchaus auch düsteren Geschehen.

Hellers Titelhelden erscheinen als Suchende, die sich in absurden Situationen behaupten müssen und dabei, ironisch gebrochen, mitunter vor allem auch körperbetont agieren: Dingens resp. Katharina Blum treten für ein eigenes Gerechtigkeitsempfinden ein. Die beiden Titelfiguren wehren sich damit gegen Vorgaben der Gemeinschaft. Sie werden daraufhin auf drastische und forsche Weise weitestgehend aus der Gruppe ausgeschlossen. Das soziale Gefüge, dem die Individuen vor dem ersten rebellischen Aufbegehren noch angehörten, wendet sich gegen sie. Dynamisch spitzen sich Konflikte zu.

Es gibt in beiden Inszenierungen Szenen mit Revue-Charakter: In Dingens von Hanoch Levin singt beispielsweise Eva Maria Nikolaus in der Rolle der Kellnerin Hannah Tcherlitch auf Hebräisch ein Chanson. In Die verlorene Ehre der Katharina Blum von Heinrich Böll tanzen Akteure mehrfach zu Pop-Schlagern mit auffälligen, lustigen Katzenmasken.

Die betont humorvoll, teils auch affektiert gezeichneten Figuren verkörpern eine gewisse Leichtigkeit trotz all der Schwere und des Ernstes der Konflikte der Titelfiguren. Die psychologische Tiefe und Komplexität der Vorlagen werden so mitunter aufgrund der Überzeichnung der Figuren abgeschwächt und überlagert. Sapir Hellers Frankfurter Inszenierungen regen trotzdem zum Nachdenken über das gerade Gesehene an.

* *

Dingens von Hanoch Levin (1943-1999):

Die frühe Komödie Levins stammt von 1972, enthält absurde Elemente und wurde aus dem Hebräischen von Matthias Naumann übersetzt. Der hebräische Originaltitel Hefetz wird dabei ins Deutsche mit Worten wie „Objekt“ oder Gegenstand“ übertragen.

Auf der Bühne sehen wir schwarze Punktmarkierungen, die an das Brettspiel Mensch-ärgere-dich-nicht erinnern. Die Akteure tragen als Kostüme geometrische Formen in unterschiedlichen Farbgebungen, die in Maß und Breite ein Machtgefälle andeuten. Fogra (Lotte Schubert) tritt als dunkelblaues raumfüllendes, unten kreisrundes Dreieck mit ausladendem Faltenwurf auf. Ihre Eltern, Klamanope (Katharina Linder) und Teigalech (Uwe Zerwer), tragen unförmige Helme und Rumpfkörper in Hellgrün resp. Gelb. Sie sehen dabei aus wie die Dame oder der König im Schachspiel. Dingens (Christoph Bornmüller), die Titelfigur, trägt am schwarzen Körper einen großen, unförmigen, beliebig formbaren Kringel oder Henkel.

Die Akteure bewegen sich, scheinbar inneren Zwängen folgend, wie aufgestellte Spielfiguren auf einer Spielfläche (Bühne & Kostüme: Ursula Gaisböck & Sophia Profanter). Sie erscheinen so in der schwarzen Komödie, wie der Name der Hauptfigur andeutet, verdinglicht. Dingens wird während der Aufführung zunehmend von den anderen Figuren erniedrigt, unterdrückt und ausgegrenzt. Mögliche Verbündete wenden sich schlussendlich gegen ihn. Während der Aufführung fallen plötzlich vereinzelt große oder viele kleine Kugeln vom Bühnenhimmel.

Hanoch Levin war in seiner Heimat Israel umstritten, da er auch Israel selbst mitunter entgegen dem gesellschaftlichen Konsens kritisch beleuchtete. Es lässt sich im übertragenen Sinn auch hier eine politische Botschaft mitlesen, wenn wir an aktuelle Zuspitzungen des Israel-Palästina-Konfliktes denken.

Dingens veranschaulicht mit harten Botschaften, wie mögliche Unterdrückungsmechanismen in einer unmenschlichen, gefühlskalten und unempathischen Gemeinschaft ineinandergreifen. Die kühne und poppige Inszenierung, die eine gesellschaftskritische Botschaft enthält, hinterlässt einen tiefen Eindruck.

Bewertung:    

*


Die verlorene Ehre der Katharina Blum am Schauspiel Frankfurt Foto (C) Robert Schittko



Die verlorene Ehre der Katharina Blum von Heinrich Böll (1917-1985):

In seinem bis heute bekanntesten Werk von 1974 kritisiert Heinrich Böll den Sensationsjournalismus. Der Literaturnobelpreisträger von 1972 legte sich etwa zeitgleich zum Entstehen seiner Erzählung mit der auflagenstärksten Zeitung der Bundesrepublik an, der BILD. Er problematisierte, wie die sensationslüsterne Berichterstattung zur RAF die politische Debatte stark beeinflusste.

Auf Ursula Gaisböcks Bühne steht ein zweigliedriges blaues, treppenähnliches Podest. Zu poppigen Klängen treten vier Figuren mit Pelzmänteln und Katzenmasken auf, die sich tänzerisch auf dem Podestelement wie auf einer Showtreppe elegant in Szene setzen.

Nachdem der Grundkonflikt von den Akteuren nach vorne hin, lustvoll ausgeschmückt, skizziert wurde, erscheint die Titelheldin auf der Bildfläche. Die 26-jährige Katharina Blum (Anabel Möbius) wird verdächtigt, einem Schwerverbrecher zur Flucht vor der Polizei verholfen zu haben. Sie wird von Hauptkommissar Beizmenne (Christoph Bornmüller) und anderen Polizeimitarbeitern stundenlang vernommen, wobei insbesondere intime Details zur Beziehung zum Täter erfragt werden. Vieldeutige Indizien gelangen an die Presse. Der Journalist Werner Tötges (Stefan Graf) diffamiert Blum bald in Live-Fernsehansprachen für ein Boulevardformat als Mittäterin und „Flittchen“. Seine Berichterstattung erscheint wie ein Shitstorm oder eine Kampagne gegen Blum. Die junge Frau erhält daraufhin Drohbriefe und wird angepöbelt.

Blum arbeitet als Hauswirtschafterin beim Ehepaar Blorna (Melanie Straub, Peter Schröder), das sich zunehmend sorgt. Die junge Frau erlebt die Polizeiarbeit als übergriffig und wehrt sich gegen mögliche Annäherungsversuche. Doch insbesondere an der medialen Berichterstattung, die ihr tatsachenverfälschend und allzu zudringlich erscheint, nimmt sie Anstoß. Während sie um ihre Selbstbestimmung, Freiheit und Würde kämpft, nimmt eine Gewaltspirale ihren Lauf.

Die Mehrzahl der Akteure spielt mehrere Rollen, sodass nicht immer eindeutig zuordenbar ist, welche Figur gerade spricht. Die auch durch Video-Einblendungen, Konfettiregen, Choreografien und Musikeinspieler recht effektvoll gestaltete Produktion problematisiert eindrücklich den Voyeurismus von Boulevardmedien sowie einfache Parolen, mit denen allgemeine Ängste geschürt werden.

Bewertung:    

Ansgar Skoda - 10. Januar 2026
ID 15642
DINGENS (Kammerspiele, 05.01.2026)
Regie: Sapir Heller
Bühne & Kostüme: Ursula Gaisböck und Sophia Profanter
Musik: Omer Klein
Dramaturgie: Eivind Haugland und Katja Herlemann
Licht: Ellen Jaeger
Mit: Christoph Bornmüller, Uwe Zerwer, Katharina Linder, Lotte Schubert, Philipp Lind und
Eva Maria Nikolaus
DEA am Schauspiel Frankfurt: 14. Februar 2025
Weiterer Termin: 16.01.2026

DIE VERLORENE EHRE DER KATHARINA BLUM (Kammerspiele, 07.01.2025)
Regie: Sapir Heller
Bühne und Kostüme: Ursula Gaisböck
Musik: Gustavo Strauß
Video: Lion Bischof
Dramaturgie: Lena Wontorra
Licht: Ellen Jaeger
Mit: Anabel Möbius, Christoph Bornmüller, Stefan Graf, Peter Schröder und Melanie Straub
Premiere am Schauspiel Frankfurt: 19.02.2024
Weitere Termine: 14., 24.01./ 15.02.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspielfrankfurt.de


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