Krise auf der
Bühne, Krise im
Haus
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Rebecca Große Boymann und Alois Reinhardt in Die Leiden des jungen Werther am Theater Bonn | Foto © Matthias Jung
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Bewertung:
Goethes Werther kämpft in Bonn um das nackte Überleben – und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Während das Schauspielhaus in Bad Godesberg akut von der Schließung bedroht ist, übersetzt Regisseur Simon Solberg den klassischen Briefroman in das Porträt einer krisengeschüttelten, modernen Generation. Aus der historischen Selbstreinigung des 25-jährigen Goethe um 1774 wird ein expressives Bewegungstheater, das Werthers psychischen Ausnahmezustand in choreografierte, synchrone Bewegungen verschiedener Werther-Figuren aufteilt. Die leidenschaftliche, aber unerfüllte Liebe zu der bereits vergebenen Lotte treibt den sensiblen jungen Mann hier in eine zutiefst moderne, gesellschaftliche Isolation.
Vor über zehn Jahren zeigte Mirja Biel am gleichen Haus Goethes Werther in szenisch zwingenden Bildern – einen Ich-Erzähler, der gegen starre Regeln protestiert und sich nach einem unmittelbaren Leben sehnt.
Auf Solbergs Bühne sehen wir nun Treppenstufenpyramiden aus stilisiert gestapelten Papier und Schriften. Von der Decke fahren bewegliche Kronleuchter herab. In einer düsteren, künstlichen Landschaft versinnbildlicht ein kahler, großer Baum die im Stück angedeutete Klimakatastrophe sowie Werthers inneres, vertrocknendes Seelenleben. Innerhalb der Pyramiden sind die Live-Instrumente einer Band integriert. Großflächige Videoprojektionen und flackernde Stroboskopeffekte symbolisieren einen Medien-Overload und KI. Außerdem werden Live-Nahaufnahmen von Gesichtern, Live-Malereien und abstrakte Visualisierungen eingespielt. Die Grenzen zwischen Phantasie und Wirklichkeit verschwimmen hier, wenn Werther über die „teure Zukunft“ und den „leichten Sinn“ nachdenkt. Ansgar Evers setzt kühles Scheinwerferlicht bei dramatischen Ausbrüchen und nutzt gezielte Farbakzente, welche die aufgeladene Grundstimmung des Abends unterstreichen.
Goethes Textvorlage wird vom Ensemble im dynamischen Rollen- und Stimmungswechsel vielstimmig aufgeteilt. Drei Akteure (Riccardo Ferreira, Julia Kathinka Philippi, Alois Reinhardt) übernehmen phasenweise Werthers Gedankenwelt, die nun nicht mehr nur vom Schicksal eines einzelnen, historisch fernen Individuums handelt. Werther wird nicht nur als unglücklich Verliebter gezeigt, sondern erscheint als eine Symbolfigur für die heutige Jugend, die angesichts globaler Umbrüche mit Gefühlen von Ohnmacht, Verlorenheit und der Suche und nach Halt und Zuversicht im Angesicht moderner Krisen ringt.
Die Aufsplittung erlaubt es den Schauspielern, im fliegenden Wechsel auf die Gegenparts wie Lotte (Rebecca Große Boymann) oder Albert (Max Wagner) zu reagieren oder Werthers innere Zerrissenheit theatral als Dialog mit sich selbst auf der Bühne sichtbar zu machen. Ein Schlagzeug, Keyboards und Gitarren sind direkt im Bühnensetting integriert. Angestimmte Indie-, Pop- und Rocksongs wie Wonderful Life von Black, Castle On The Hill von Ed Sheeran und Magpie von The Unthanks untermalen die seelischen Zustände der Figuren, welche abwechselnd souverän die Vocals beisteuern. Max Wagner spricht einzelne Theaterbesucher direkt an und lädt das Publikum während der Performance zum Mitsingen ein. Die Auswahl der Stücke spiegelt Annäherungen, Gefühle, die innere Gespaltenheit sowie die Suche nach Sinn und Widerstandskraft wider. Riccardo Ferreira, der den Werther am leidenschaftlichsten, prägnantesten und ausdauerndsten ausfüllt, trägt so mit Rebecca Große Boymann in der Rolle der Lotte das Lied Chalk Outlines von Ren X Chinchilla im Duett vor, was ihre melancholische Verbundenheit und intime, schwermütige Anziehungskraft hör- und greifbar macht. Atmosphärisch schwebt hier Leichtigkeit und Harmonie in der Luft.
Mit The Doll People von Sofia Isella bringt das Ensemble eine junge, feministische Perspektive ein. Julia Kathinka Philippi bebildert Werthers Todessehnsucht mit ihrer Darbietung von Der Leiermann aus Schuberts "Winterreise". Der Gesang changiert zwischen intimen Momenten und eruptiven Ausbrüchen. Wenn die Darsteller politisch werden, kippt er auch mal in lautstarke, fast proklamatorische Rhythmen über. Das pointiert im Wechsel vorgetragene Disparate Youth (dt. Verzweifelte Jugend) von Santigold besiegelt musikalisch erfrischend das Ende der Geschichte.
Die Inszenierung ist als ein intensiver, etwa 100-minütiger Abend ohne Pause angelegt, was die emotionale Dichte und Zuspitzung von Werthers Zustand spürbar macht.
Die moralischen Konflikte erscheinen oft oberflächlich und vorhersehbar, den Werther-Darstellern gelingt es jedoch, ihrer Figur eine Tiefe und Wahrhaftigkeit zu geben und mühelos die Herzen der Zuschauer zu erobern. Die vielstimmige musikalische Performance verdichtet den Gefühlszustand dieses kollektiven Werthers.
Rebecca Große Boymann betört als Lotte agil mit erstaunlicher Wucht und einer vereinnahmenden, verletzlichen Stimme. Max Wagner porträtiert den Albert, der persönliche Sehnsüchte reduziert, verantwortungsvoll, rational und verlässlich agiert, als stabilen Fels in der Brandung und Gegenpol zum launigen Werther.
Die im Stück verankerten kollektiven Gesangspassagen und Sprechchöre – wie etwa die gemeinschaftliche Passagen „Wir sind gut genug“ – gewinnen durch die aktuellen Sparbeschlüsse eine bittere, reale Metaebene. Werthers Kampf gegen die äußere Ohnmacht wird so direkt zum Stellvertreterkampf für den Erhalt des eigenen Theaterhauses. Das Ensemble rückt die lokale Kulturkrise mitten in das Zentrum des Abends, um das Bewusstsein der Zuschauer für den drohenden Verlust des Hauses zu schärfen, und hält dabei die Balance zwischen Leichtigkeit und spannendem Subtext.
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Die Leiden des jungen Werther am Theater Bonn | Foto © Matthias Jung
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Die Stadt Bonn prüft derzeit eine temporäre Schließung des Schauspielhauses in Bad Godesberg, um durch die eingesparten Betriebskosten den städtischen Haushalt zu entlasten, während die traditionsreiche Spielstätte, die in ihrer heutigen Form als erster Theaterneubau der Bundesrepublik bereits seit 74 Jahren (Eröffnung 1952) besteht, vor einer ungewissen Zukunft steht. Nach dem Abschlussapplaus appellierten die Darsteller an die Solidarität der Besucher und schlugen vor, Bürgeranträge bei Ratsmitgliedern einzureichen.
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Ansgar Skoda - 14. Oktober 2026 ID 16095
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER (Schauspielhaus Bad Godesberg, 10.10.2026)
Regie und Bühne: Simon Solberg
Kostüme: Una Jankov
Licht: Ansgar Evers
Dramaturgie: Nadja Groß
Musikalische Leitung Schauspiel: Philip Breidenbach
Mit: Riccardo Ferreira, Rebecca Große Boymann, Julia Kathinka Philippi, Alois Reinhardt und Max Wagner sowie den Live-Musikern Samuel Reissen, Fabian Richter, Philip Breidenbach, Philip Mancarella und Kevin Jost
Premiere am Theater Bonn: 26. September 2026
Weitere Termine: 25.10./ 14.11., 20.11./ 02.12.2026
Weitere Infos siehe auch: https://www.theater-bonn.de
Post an Ansgar Skoda
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Ballett | Performance | Tanztheater
Freie Szene
Premieren (an Staats- und Stadttheatern)
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