Der Welt
abhanden
gekommen
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Jacob Z. Eckstein und Imke Siebert in Bartleby, der Schreiber am Theater Bonn | Foto © Matthias Jung
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Bewertung:
Nüchtern, steril und beklemmend eng: Auf der intimen Foyerbühne des Schauspielhauses erschafft Ausstatterin Aleksandra Malec ein minimalistisches Kanzleibüro, das ganz von einer grauen Bürokratie beherrscht wird. Stapelweise Umzugskisten und Pappkartons dominieren die Szenerie. In immer gleichen Bewegungen wird eine erdrückende Monotonie des Arbeitsalltags zwischen der Chefin und ihren Angestellten visualisiert. Die Kisten sind nicht nur statisches Bühnenbild, sondern werden wiederholt als Requisiten aktiv getragen und wie mechanisch verschoben.
Imke Siebert hebt sich als Anwältin optisch in einem schnittigen, weißen Hosenanzug und hochhackigen roten Schuhen von den grauen Anzügen ihrer Angestellten (wandlungsfähig und Slapstick-affin: Jacob Z. Eckstein) ab. Ihre lebendige Präsenz kontrastiert mit dem unscheinbaren und wortkargen neuen Kopisten (Timo Kählert), der bald mit minimalistischen, entschleunigten Bewegungen und im 70er-Jahre-Look die Bühne betritt.
Herman Melvilles Titelheld steigt früh aus der Logik von Produktivität, permanenter Bewegung und Effizienz aus. Bartleby entschleunigt so die rhythmische, fast tänzerische Betriebsamkeit des mechanischen, gut geölten Uhrwerks der Kanzlei als Störfaktor alleine durch seine Präsenz. Das beklemmende Arbeitsumfeld steht im Kontrast zu seiner leisen, sanften und unaufgeregten Verweigerung („Ich möchte lieber nicht“), die sich der gewöhnlichen Vernunft entzieht. Stoisch, in sich ruhend und gleichmütig lässt sein stilles, unbewegliches Verharren die Hektik der anderen Figuren ins Leere laufen und bringt sie spürbar aus dem Takt. Sein Verhalten hält den genervten, spöttelnden und irritierten Kollegen unfreiwillig den Spiegel ihrer möglicherweise sinnentleerten Rädchen-im-Getriebe-Existenz vor.
Zwischen der Kanzleichefin und Bartleby entsteht ein psychologisches Kammerspiel. Ihre anfängliche Autorität und die Versuche, ihn mit logischen Argumenten oder Befehlen zu bewegen, prallen an seiner sanften Hartnäckigkeit ab. Dies führt zu einer zunehmenden Hilflosigkeit und Faszination auf ihrer Seite. Ihr logisches, effizientes System kollabiert vor Bartlebys passivem Widerstand. Effektvoll übt die Anwältin Asanas-Ruhepositionen auf dem Bürotisch aus, um sich zu regenerieren. Trotzdem wird Bartleby zum energetischen Zentrum des Geschehens, wenn er das Büro-Setting bald mit seiner Unbeweglichkeit dominiert.
Die Inszenierung von René Fiegen überzeugt als atmosphärisch dichtes und körperbetontes Kammerspiel (Dramaturgie: Amelie Hermann), das den unüberbrückbaren Konflikt zwischen systemischer Hektik und radikalem Stillstand durch eine packend choreografierte Dynamik physisch greifbar und eindringlich erlebbar macht.
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Bartleby, der Schreiber am Theater Bonn | Foto © Matthias Jung
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Ansgar Skoda - 6. November 2026 ID 16134
BARTLEBY, DER SCHREIBER (Schauspielhaus Foyer, 01.11.2026)
Regie: René Fiegen
Ausstattung: Aleksandra Malec
Dramaturgie: Amelie Hermann
Besetzung:
Anwältin ... Imke Siebert
Turkey / Nippers ... Jacob Z. Eckstein
Bartleby ... Timo Kählert
Premiere am Theater Bonn: 6. Oktober 2026
Weitere Termine: 09.11./ 09.12.2026
Weitere Infos siehe auch: https://www.theater-bonn.de
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