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Castorfopern (42)

Mephisto

Der Roman von Klaus Mann in einer sehr dichten und klugen Bühnenfassung von Frank Castorf am Berliner Ensemble


Jens Harzer als Mephisto am Berliner Ensemble | Foto (C) Jörg Brüggemann

Bewertung:    



In einer Zeit, da das Kokettieren mit dem Faschismus und Totalitarismus auch in Deutschland wieder in Mode kommt, hat sich Frank Castorf für seine neue Produktion am Berliner Ensemble den Roman Mephisto von Klaus Mann ausgesucht. Castorf ist für seinen kreativen und in der Dauer eines Abends ausufernden Umgang mit historischem Text-Material bekannt. Wie Klaus Mann auf satirische Weise den Aufstieg eines Schauspielers und Salonkommunisten in der Weimarer Republik und der Nazizeit anhand des Opportunisten Hendrik Höfgens, angelehnt an den bekannten Schauspieler und Intendanten Gustaf Gründgens, nachzeichnet, so zeigt Castorf einen Menschen, der der auch heute noch aktuellen Verführung des Rausches der Macht, der Erotik des Verrats und dem Charme des Untergangs unterliegt.

So ähnlich suggeriert es zumindest der Ankündigungstext des Berliner Ensembles. „Ein Clown zur Zerstreuung der Mörder“ und „Affen der Macht“, so bezeichnete Klaus Mann den Protagonisten in seinem 1936 verbotenen Roman einer Karriere. Auch nach dem Krieg konnte das Buch nicht in der Bundesrepublik Deutschland erscheinen. Seine Verbreitung wurde 1966 sogar gerichtlich verboten. Persönlichkeitsschutz oder Ausdruck mangelnder Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Das hohe Gut der Kunstfreiheit hat es mitunter schwer. Heute ist der Roman aktueller denn je, was auch die 2025 zum Theatertreffen eingeladene Münchener Inszenierung von Jette Steckel beweist.

Frank Castorf geht einen etwas anderen Weg als die sehr auf ihren Hauptdarsteller und Schauspieler des Jahres 2025 Thomas Schmauser ausgelegte Münchner Inszenierung. Am Berliner Ensemble verkörpert kein geringerer als der im letzten Jahr aus Hamburg ans Berliner Ensemble gewechselte Jens Harzer die Figur des Hendrik Höfgen. Castorf hat ihm mit Max Gindorff die Stimme des Roman-Autoren an die Seite gestellt. „Bei bestimmten Personen ist meine Neugier größer als meine moralischen Bedenken.“ So spricht er hier als bildhafte Weißkopie von Klaus Manns Romanfigur gleich zu Beginn über Gustav Gründgens. Später kommt dazu eine Art „Erschrecken vor mir selbst, die Erkenntnis, der Feind, den ich bekämpfe, ist Teil meiner selbst.“ Das ist ein geschickter Schachzug Castorfs, der damit die schwarze Seele (bildhaft Harzer als Höfgens im schwarzen Anzug) eines jeden in uns konkret anspricht.



Mephisto, von Frank Castorf inszeniert - am Berliner Ensemble | Foto (C) Jörg Brüggemann


Castorfs Bühnenbildner Aleksandar Denić hat ein für seine Verhältnisse eher kleines Drehbühnenbild entworfen. Es zeigt eine Bar, den Eingang zu einer Bühne und ein kleines Bühnenportal mit der Inschrift „Ich bin nur ein Schauspieler“. Ein Ausspruch Höfgens aus Manns Roman. An der Bühnenrückwand sind ein Klo und ein Pissoir montiert, die von Jens Harzer auch ausgiebig benutzt werden. Ansonsten hält sich Castorf‘sche Chaos in Grenzen. Die obligatorische Videoleinwand darf auch nicht fehlen. Sie schwebt von oben herab und zeigt Szenen, die in einem mondänen verglasten Salon auf der Hinterbühne, mal Manns Elternhaus (Thomas Mann heißt im Roman Geheimrat Bruckner), mal das Heim des deutschen Dramatikers Carl Sternheim (im Roman: Theophil Marder) spielen. Auch sonst hält sich Castorf sehr an die Vorlage. Er vermischt nur ganz bewusst immer wieder Kunst- und Klarnamen der Romanfiguren.

In den wie immer ausladenden Kostümen von Adriana Braga Peretzki sehen wir Annabelle Lengronne, Constanze Becker, Kathleen Morgeneyer und Lili Epply in den Frauenrollen der Juliette Martens, Dora Martin, Lotte Lindenthal, Barbara Bruckner, Nicolette von Niebuhr oder Angelika Siebert wobei auch hier immer wieder Roman und Wirklichkeit versschmelzen. Zentral ist die Figur der schwarzen Varieté-Tänzerin Juliette Martens (Annabelle Lengronne), mit der Höfgen eine sadomasochistische Beziehung führt und sie später, um nicht bei den Nazis anzuecken, nach Paris abschiebt. Interessant auch die Verknüpfung zu den Sexualtheorien des Psychoanalytikers und Marxisten Wilhelm Reich, der die Triebunterdrückung als Ursache der Unterwerfung unter eine autoritäre Führerfigur propagierte. Constanze Becker brilliert in den Rollen der als jüdischen Filmdiva Dora Martin (Elisabeth Bergner) und Ministerpräsidenten-Gattin Lotte Lindenthal (Emmi Göring). Diese ambivalente Besetzung wählt Castorf auch für den kommunistischen Schauspieler Otto Ulrischs (Hans Otto) und den Nazi-Sympathisanten Hans Miklas (Hans Sklenka), die Sebastian Zimmler fast ansatzlos zu einer Person vermischt.

Komplettiert wird das Ensemble von Sascha Nathan (u.a. Theophil Marder) und dem Saxophonisten Roman Ott als Theaterdirektor Schmitz und Ministerpräsident (Hermann Göring), beide Förderer Höfgens. Der sechsstündige Abend überzeugt dabei spielerisch wie auch musikalisch. Mit nur einer Pause unterbrochen enthält er nur wenig Leerlauf. Das war nicht immer so bei Frank Castorf, der über Video in einer mitgefilmten Konzeptprobe selbst einmal sehr emotional zu Wort kommt. Der Regisseur beschließt mit Mephisto seine am Berliner Ensemble entwickelte Deutschland-Trilogie der Spätphase der Weimarer Republik im Übergang zum Nationalsozialismus, die er mit Kästners Fabian begonnen und mit Falladas Kleiner Mann was nun? fortgesetzt hat. Ein erstaunlich psychologisch kluges und dichtes Alterswerk.




Stefan Bock - 27. Oktober 2026
ID 16114
MEPHISTO (Berliner Ensemble, 18.10.2026)
Regie: Frank Castorf
Bühne: Aleksandar Denić
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Musik: William Minke
Videodesign: Andreas Deinert
Licht: Ulrich Eh und Steffen Heinke
Dramaturgie: Amely Joana Haag
Künstlerische Produktionsleitung: Sebastian Klink
Besetzung:
Hendrik Höfgen ... Jens Harzer
Juliette Martens ... Annabelle Lengronne
Klaus Mann, Geheimrat Bruckner ... Max Gindorff
Der Ministerpräsident, Direktor Schmitz, Saxofon ... Roman Ott
Dora Martin, Lotte Lindenthal ... Constanze Becker
Oskar H. Kroge, Theophil Marder ... Sascha Nathan
Hedda von Herzfeld, Nicoletta von Niebuhr ... Kathleen Morgeneyer
Rahel Mohrenwitz, Barbara Bruckner ... Marina Galic
Angelika Siebert ... Lili Epply
Hans Miklas, Otto Ulrichs ... Sebastian Zimmler
Live-Kamera: Andreas Deinert und Kathrin Krottenthaler
Tonangel: Jonathan Bruns und Theo von Mechow
Live-Schnitt: Jens Crull und Maryvonne Riedelsheimer
Live-Schnittassistenz: Meret Blase
Premiere war am 17. September 2026.
Weitere Termine: 21., 22.11.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.berliner-ensemble.de


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