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nachDRUCK # 6

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Neuinszenierung

Statische Bühnenadaption

PERFECTION - nach dem Roman von Vincenzo Latronico

Bewertung:    



Nach der performativen Begehung mit RIMINI PROTOKOLL zur Eröffnung der Intendanz von Matthias Lilienthal an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz wurde einen Tag später auch der Prater in der Kastanienallee, die seit 10 Jahren sanierungsbedingt geschlossene Nebenspielstätte im Prenzlauer Berg, wiedereröffnet. Von 2001 bis 2007 von René Pollesch geleitet, hatten hier einige seiner bekanntesten Stücke ihre Uraufführung. In Stadt als Beute kritisierte Pollesch bereits 2001 die neoliberale Selbstvermarktung des Kreativ-Prekariats in der Großstadt. Das zieht sich bis hinein ins Privatleben und die Liebe. Berlin wird als Beute für Immobilienspekulanten dargestellt, die auf den Hype der Subkulturen in angesagten Vierteln aufspringen, worauf die Mietpreise steigen und die Kreativen verdrängt werden.

Das erscheint wie eine Blaupause für den von Vincenzo Latronico 2022 geschriebenen Roman Die Perfektionen, der 2025 ins Englische übersetzt auf der Shortlist für den International Booker Prize landete. Anhand des Mitte der 2000er Jahre aus dem Süden Europas nach Berlin gezogenen Paars Anna und Tom beschreibt Latronico die Erlebnisse von sogenannten Expats oder digitalen Nomaden, die bevorzugt in der IT-Branche als Webdesigner oder in anderen kreativen Berufen arbeiten. Im Gegensatz zu Polleschs Stück kommt der Roman ohne Dialoge aus und enthält vorwiegend bildhafte Beschreibungen von Wohnungsinterieurs, Partys, Kunstevents oder Inhalten von Social Media Feeds. Letztendlich scheitert das Paar aber auch an der Leere der realen Wirklichkeit, die immer mehr diesen oberflächlichen Inhalten entspricht. Ein ironischer Abgesang auf ein Berlin im Sog der Gentrifizierung. Die Berliner Kastanienallee, spaßhaft auch als „Castingallee“ benannt, ist dafür das beste Beispiel.

Die aus München stammende und seit Ende der 2000er Jahre in Berlin lebende Regisseurin Anta Recke, bekannt durch ihre 2017 zum Theatertreffen eingeladene Inszenierung des Romans Mittelreich von Josef Bierbichler mit ausschließlich schwarzen DarstellerInnen, hat den Roman nun für die Volksbühne adaptiert und den Text auf 6 DarstellerInnen verteilt. Als kleinen Prolog erlebt das noch draußen auf dem Gehweg der Kastanienallee stehende Publikum den Einzug von Benjamin Radjaipour und Damian Rebgetz als Englisch sprechendes Paar mit Rollkoffern. Sie tragen weiße T-Shirts mit der Aufschrift „International Nobody“ und streiten sich über das der Beschreibung aus dem Internet nicht entsprechende Apartment, das W-Lan-Passwort usw. Eine Szene, die für Touristen in der ganzen Welt zutreffend scheint.

In dem als Arena mit Tribünen um die Spielstätte in der Mitte eingerichteten Prater-Innenraum stehen noch die langjährige Pollesch-Schauspielerin Inga Busch, der Goldene-Zitronen-Musiker Ted Gaier, die kanadische Musikerin und Performerin Marie Goyette sowie die in den Niederlanden geborene und in Hamburg aufgewachsene Schauspielerin Joyce Sanhá in ähnlichen auch mit „National Nobody“ bedruckten T-Shirts und beginnen aus dem Anfangskapitel des Romans zu rezitieren. Das als Angebot ans Publikum zur Interaktion gedachte Bühnenbild, das auch einige Architektur-Torsi enthält, wird hier allerdings zum reinen Deklamationsraum. Es bewegt sich kaum etwas, außer das Publikum, das nach Aufforderung des Ensembles umgruppiert wird. Das ändert nicht unbedingt die Perspektive auf die Szene. Man kann das auch als gewollten Stillstand der ProtagonistInnen verstehen, die Nähe nur in einigen choreografierten Kampfszenen suchen. Auf Dauer versprüht das den Charme einer szenischen Lesung.

So wohnt man volle zwei Stunden der im Wechsel englischen und deutschen Beschreibung des typischen Lebens zweier Expats bei, die sich ihren Traum vom Leben in grenzenloser Freiheit erfüllen wollen, und doch nur am Bild dessen arbeiten. Irgendwann wird die Wirkung von medialen Bildern auch am Beispiel des ertrunkenen syrischen Flüchtlingsjungen Alan Kurdi am Strand des Mittelmeers beschrieben. Die Flüchtlingskrise 2015 als politischer Kipppunkt der digitalen Revolution. Die Verweigerung der Regisseurin zur Bebilderung der Inszenierung kann man konsequent finden, letztendlich fehlt dem Abend aber ein schlüssiges Konzept, seine durchaus politische Botschaft adäquat rüberzubringen. Er scheitert wie das Paar Anna und Tom an der Leere, die durch beschreibende Worte allein nicht zu füllen ist. Zumal dazu schon alles wesentlich konkreter gesagt wurde. Es fehlt an entsprechender Handlung.



Perfection im Prater der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz | Foto (C) Lee Everett Thieler

Stefan Bock - 7. Oktober 2026
ID 16078
PERFECTION (Prater, 05.10.2026)
nach dem Roman von Vincenzo Latronico

Regie: Anta Recke
Bühne: Marta Dyachenko
Kostüm: Pola Kardum
T-Shirt Konzept: Anta Recke
Lichtdesign: Sebastian Mähler
Musik: Ted Gaier
Dramaturgie: Christoph Gurk und Leonie Jenning
Kampftraining: Wibke Storkan
Mit: Inga Busch, Ted Gaier, Marie Goyette, Benjamin Radjaipour, Damian Rebgetz und Joyce Sanhá
Premiere an der Volksbühne Berlin: 2. Oktober 2026
Weitere Termine: 07., 08., 09., 12., 14., 15., 16., 19., 20., 21., 26.10./ 04., 05., 06., 10., 11., 12.11.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.volksbuehne-berlin.de/


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