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nachDRUCK # 6

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Neuinszenierung

Düsteres

Körperspiel



Salome von Einar Schleef - an der Schaubühne Berlin | Foto (C) Karin Ribbe

Bewertung:    



Michael Thalheimer ist nach neun Jahren an die Berliner Schaubühne zurückgekehrt. Dort verabschiedete er sich 2017 mit einem Eingebildeten Kranken und ordentlich Fäkalien in einem Fliesenbühnenbild von Olaf Altmann. Einen gefliesten Kloake-Graben gibt es nun auch im Bühnenbild, das Nehle Balkhausen für Thalheimers neue Inszenierung am Lehniner Platz geschaffen hat. Das Stück heißt Salome nach Oscar Wilde in einer Textfassung von Einar Schleef, die der als Berserker bekannte Autor und Regisseur 1997 für seine Inszenierung am Düsseldorfer Schauspielhaus geschrieben hatte. Sie wurde 1998 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Frank M. Raddatz schreibt in seinen Anmerkungen zur Aufführung der Salome in Düsseldorf:


„Beschrieben wird die Kollision religiöser, auf das Jenseits gerichteter, geistiger und diesseitiger körperlicher Genüsse gegenüber offener weltlicher Macht. Vergebens die Hoffnung, dass wir dem Gang der Geschichte zum Besseren beiwohnen.“


Schleef sah in Salome auch die „Verdrängung der Frau aus dem gesellschaftlichen und ästhetischen Zentrum“. Der christliche Moraliker Johannes stellt die libertär auftretende Frau wieder zurück ins Glied des Patriarchats. So kann man Michael Thalheimers Inszenierung auch als Beschreibung des aktuellen konservativen Backlash in Sachen Frauenrechte sehen.

Alina Stiegler tritt zu Beginn des Abends im silbrig glitzernden Kleid (Kostüme: Michaela Barth) zu einer wuchtigen Techno-Version des Doors-Song Break On Through (to the Other Side) auf und boxt sich tanzend frei. Danach beginnt das Stück mit der Szene vor dem Herodes-Palast mit Veronika Bachfischer als Salome anhimmelndem Narraboth, Jonathan Walz als warnendem Page in kurzen Hosen und David Ruland als stiernackigem Henker Naaman. Sie können Salomes Bitte, den Täufer gegen das Verbot des Herodes sehen zu dürfen, nicht widerstehen.

Christoph Gawenda, der als Johannes die ganze Zeit im Graben um das leere Spielkaree getigert ist, wird schließlich an Seilen an den Armen hochgezogen und wirft die misogynen Worte des Täufers gegen die nach seinen Lippen schmachtende Salome. „Zurück, Tochter Babylons! Durch das Weib kam das Übel in die Welt.“ In dieser Begegnung setzt Thalheimer den direkten, entschlackten Text Schleefs gegen die mehr am Original hängende Übersetzung des deutschen Lektors und Übersetzers Peter Torberg. Wilde benutzte hier Auszüge aus der Bibel. So spricht Johannes Worte aus dem Buch Ezechiel. Der Prophet gilt als Vater der priesterlichen Theologie. Eine Predigt der Reinheit und der Prophezeiung des Untergangs. Während Salome Texte aus dem Hohelied der Liebe spricht. Fleischliche Liebe und Begehren gegen Enthaltsamkeit und religiösen Wahn. Das ist auch bei Thalheimer symbolisch aufgeladen. Wildes romantisch-düsteres Schauerstück, das viele bildende Künstler vom Symbolismus bis zum Jugendstil beeinflusst hat, wird hier zum Kampf der Körper. Dazu dröhnen wie immer Bert Wredes wummernde Bässe.

Als dekadentes Herrscherpaar Herodes und Herodias treten Tilman Strauß im Pelz und goldener Hose und Jule Böwe im langen Silberkleid auf. Herodes, ein onanierender Lüstling, der im Blut des sich erdolchenden Narraboth ausrutscht und Angst vor den Verwünschungen des Täufers hat, ist hier mehr Karikatur eines zum Untergang bestimmten Herrschers, dem alle Mittel recht sind, seine Gelüste zu befriedigen. Aktuell lassen sich da durchaus Parallelen zum Goldstein-Skandal ziehen. Die westliche Dekadenz am Rande des Abgrunds. Das ist schon oft beschrien worden und wird es momentan aus vielerlei Richtungen. Da kippt der Abend bedenklich ins Lächerliche, bis einen das Spiel von Yuebo Sun auf einem asiatischen Saiteninstrument wieder herausreißt. Doch Alina Stieglers Salome tanzt hier nicht mehr, sondern steht in einem herunterfahrenden Kasten aus Stahlstangen und streckt die Zunge heraus. Das Ende ist bekannt und kommt hier vor dem Black mit den Worten: „Hackt dieses Vieh in Stücke.“



Salome von Einar Schleef - an der Schaubühne Berlin | Foto (C) Karin Ribbe

Stefan Bock - 13. Februar 2026
ID 15693
SALOME (Schaubühne am Lehniner Platz, 10.02.2026)
von Einar Schleef nach Oscar Wilde

Regie: Michael Thalheimer
Bühne: Nehle Balkhausen
Kostüm: Michaela Barth
Musik: Bert Wrede
Dramaturgie: Maja Zade
Licht: Erich Schneider
Livemusik: Yuebo Sun
Mit: Veronika Bachfischer, Jule Böwe, Christoph Gawenda, David Ruland, Alina Stiegler, Tilman Strauß und Jonathan Walz
Premiere war am 6. Februar 2026.
Weitere Termine: 13., 14., 15., 16.03.2026


https://www.schaubuehne.de


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