Antigone.
Der Abschied
Alexander Zeldin lässt seine Londoner Inszenierung in deutschsprachiger Erstaufführung für die Berliner Schaubühne reenacten
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Antigone. Der Abschied an der Schaubühne Berlin | Foto (C) Gianmarco Bresadola
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Bewertung:
Sechs Jahre ist es nun her, dass in der Schaubühne am Lehniner Platz Renato Schuch als moderner Ödipus in Maja Zades gleichnamigen Stück seinem tragischen Schicksal als Vatermörder, Mutterschwängerer und schuldbeladener Jungunternehmer entgegensehen musste. Nun gibt es sozusagen eine Fortsetzung mit dem Stück Antigone. Der Abschied von Alexander Zeldin, das der britische Autor und Regisseur hier in deutschsprachiger Erstaufführung zeigt. Die Uraufführung fand noch unter dem Titel The Other Place 2024 am Lyttelton Theater in London statt. Von dort aus gastierte das Stück in New York und wurde nun von Zeldin an die Berliner Schaubühne transformiert. Das allerdings mit neuer Schaubühnenbesetzung. Ansonsten ist Zeldins Inszenierungsteam komplett von London nach Berlin gewechselt.
Das Originalbühnenbild von Rosanna Vize (auch Kostüme) passt sich wunderbar in die offene Bauweise der Schaubühne ein. Ein aufgeschnittenes Haus im Renovierungszustand mit großer Glastürfront zum Garten, ein paar Bäumen und Bretterzäunen an den Seiten. Im Inneren ein Esstisch, eine Küchenzeile und ein einzelner Sessel. Zeldin, der eher für seinen magischen Realismus und Sozialstudien im Obdachlosenheim (Love) oder in einer Fleischfabrik (Beyond Caring) bekannt ist, wechselt nun ins bürgerliche Milieu, in dem sich ja bekanntlich auch immer wieder Abgründe auftun. Das Licht (James Farncombe), das sich als große Flächenleuchte über die Szene senkt und der apokalyptische Soundteppich des Komponisten Yannis Philippakis sorgen für eine dramatische Stimmung.
Lose von der Tragödie Antigone des Sophokles inspiriert, entwickelt Zeldin in seiner modernen Version ein Drama über eine unterdrückte Familientragödie um Inzucht und Suizid. Da ist auch der antike Ödipus nicht weit. Zeldin bezeichnet das zentrale Bühnenbild, in dem das Stück spielt in einem Interview für das Programmheft als umkämpften Ort.
„Das Haus verkörpert den Konflikt um die angemessene Bewältigung der Vergangenheit auf eine andere Art und Weise. Es ist das Haus des Großvaters, in dem Chris und sein verstorbener Bruder Adam aufgewachsen sind. Es ist ihr gemeinsames Erbe, das nun von Chris renoviert wird, um mit anderer Familienkonstellation dort einzuziehen und nochmal neu anzufangen.“
Wie in der antiken Antigone geht es um einen Konflikt zwischen Onkel Chris und Nichte Annie. Hier um die Erinnerung an Adam, dessen Asche seit dem Tod in einer Urne im Haus steht. Schlussstrich und Neuanfang oder Rückbesinnung und entsprechende Trauerarbeit. Die sichtlich traumatisierte Annie will, dass die Asche im Haus bleibt und nicht, wie von Chris beschlossen, an einem anderen Ort verstreut wird.
Zu dieser Zeremonie hat Chris‘ neue Partnerin Erika (Aya Michèle Zaghdoudi) die lange abwesende Annie (Julia Windischbauer) eingeladen. Mit im unfertigen Haus leben noch Erikas Sohn Leni (Isaak Antwi) und Annies jüngere Schwester Issie (Alina Vimbai Strähler). Schon in den Namen der beiden Schwestern kann man unschwer das antike Geschwisterpaar Antigone und Ismene erkennen. Und so verhalten sie sich auch. Annie gibt ihrem Onkel von Beginn an Kontra, während Issie, finanziell von Chris abhängig, vorsichtig abwägt und vermitteln will. Mit Stiefsohn Leni verkörpert Issie aber auch die moderne Jugendkultur, ist ständig am Handy und äußert sich mit viel „LOL“ und „Fuck you“ im entsprechenden Jargon. Die beiden sind es aber auch, die gegenüber Annies Schmerz noch so etwas wie Empathie empfinden, während Chris (Jörg Hartmann) und sein Freund und Hausrenovierer Teddy (Holger Bülow) auf maximalen Abstand gegenüber Annie und ihren Forderungen gehen.
Das wird zuweilen auch recht toxisch, wenn Chris Annie an die Wäsche geht, um die von ihr gestohlene Asche wiederzubekommen, oder der betrunkene Teddy sich an die junge Issie ranmachen will. Auch sonst haben wir es hier mit recht schablonenhaft geschnitzten Charakteren zu tun. Der knapp 90-minütige Plot bietet kaum Möglichkeiten der psychologischen Entwicklung. Annies psychische Labilität treibt sie am Ende auch wieder in die Arme des Onkels, der sie nach dem Suizid ihres Vaters, der später totgeschwiegen wurde, etwas mehr als nur getröstet hat. Das fragile Familienidyll, das sich der biedere Chris mit seinem vielen Geld aufgebaut hat, bricht am Ende ziemlich dramatisch in sich zusammen. Schon die Londoner und New Yorker Kritiken fanden das etwas konstruiert. Spielerisch wird der Abend zumindest noch ganz gut von den beiden Antipoden-Darstellern Hartmann und Windischbauer zusammengehalten. Das Drama bleibt aber wie das Haus und Familien-Patchwork relativ unfertiges Stückwerk.
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Antigone. Der Abschied an der Schaubühne Berlin | Foto (C) Gianmarco Bresadola
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Stefan Bock - 28. Oktober 2026 ID 16115
ANTIGONE. DER ABSCHIED (Schaubühne am Lehniner Platz, 27.10.2027)
Regie: Alexander Zeldin
Bühne und Kostüme: Rosanna Vize
Komposition: Yannis Philippakis
Sound: Josh Anio Grigg
Dramaturgie: Nils Haarmann
Licht: James Farncombe
Mit: Holger Bülow, Jörg Hartmann, Alina Vimbai Strähler, Aya Michèle Zaghdoudi, Isaak Antwi und Julia Windischbauer
Premiere war am 24. Oktober 2026.
Weitere Termine: 30., 31.10.2026// 01.11.2027
Weitere Infos siehe auch: https://www.schaubuehne.de
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