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Gravitationsfeld

Caligula



Paul Michael Stiehler und Lena Geyer in Enttäuschende Ewigkeit am Theater Bonn | Foto © Sandra Then

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„Jeder ist ein Mond und hat eine dunkle Seite, die er niemandem zeigt“, schreibt Mark Twain 1880 in seinem halbfiktiven, satirischen Reisebericht Bummel durch Europa. In der Bonner Werkstatt sehen wir vier Reisende auf der Bühne, von denen sich bald mehr als die Hälfte als Mond geriert. Vanessa Vadineanu hat effektvoll zu beiden Seiten versetzt stehende, unterschiedlich hohe Spiegel angeordnet und für unförmige Langhaar-Perücken und allerlei aus der Zeit gefallene Kostüme gesorgt. Als Wanderer auf der (wenigstens ein bisschen schillernden) Weltenbühne zeigen sich die Reisenden zunächst von den unterschiedlichsten Seiten, auch wenn sie oft neue Figuren verkörpern. Regisseurin Sarah Kurze und Dramaturgin Carmen Wolfram flechten mit ironischem Blick Banalitäten und Situationskomik ein, oft klamaukig und manchmal ein bisschen unoriginell. Die vier Figuren möchten zum bedeutenden Himmelskörper empordringen. Vielleicht reicht es aber auch, sich in diesen wenigstens einzufühlen. Das Quartett offenbart dunkle Seiten, wenn einzelne davon sprechen, nicht die ersten, sondern die bedeutendsten Menschen auf dem Mond sein zu wollen, frei nach gewissen amerikanischen Politikern.

Enttäuschende Ewigkeit von Paula Kläy & Guido Wertheimer ist jedoch auch inspiriert von Albert Camus’ Drama Caligula - selbiger war der dritte römische Kaiser, der von 37 bis 41 n.Chr. regierte. Überlieferungen aus den Jahrzehnten nach seinem Tod zufolge war er berüchtigt für seinen Größenwahn, seine Exzentrik und seine Grausamkeit. In einer starken Szene demonstriert Paul Michael Stiehler erratisch eine Machtdemonstration Caligulas, welche die Fähigkeiten der anderen polternd beschneidet. Sie gehen von der Bühne betreten ab. In der Figur des Caligula präsentiert sich Stiehler als omnipotent, wenn er die anderen Mitspieler, quasi Oppositionelle, lautstark diffamiert.

Das Stück von Kläy & Wertheimer wurde 2024 am Schauspielhaus Graz unter dem Titel 28 Milliarden uraufgeführt und für die Bonner Werkstattbühne neu bearbeitet. Auch heute scheint eine hegemoniale Weltordnung im Umbruch. Ein amerikanischer Präsident zeigt gerne Dominanz und liebt spektakuläre Gewaltakte. Der Sound unserer Zeit ist demgemäß rauer geworden. Weltweite Bündnisse scheinen zunehmend unsicher. In diesen unruhigen Zeiten träumen die Multimilliardäre von einer Reise zum Mond. Durch eine solcherart reizvolle Grenzüberschreitung würde eine irdische Existenz ja wenigstens zeitweise überwunden. Auch Caligula gedenkt, zum Mond zu fliegen.

Hier verweist das Drama auf den Weltraumtourismus für die Reichsten der Reichen wie Elon Musk oder Jeff Bezos. Einen Flug in den Weltraum konnten sich jüngst auch Popstars kaufen, wie am 14. April 2025 Katy Perry. Die vier Bühnenfiguren verkörpern bald nicht nur Caligula, sie deuten auch früh eine Existenz als Popstars an, wenn sie einander mit Vornamen wie Agnetha, Benny, Björn respektive Anni-Frid ansprechen. Bekanntlich bilden die ersten Buchstaben dieser Vornamen das legendäre Bandakronym ABBA. Die vier Akteure trällern einzeln oder gemeinsam bekannte Melodien aus Bandhits wie „SOS“, „Gimme! Gimme! Gimme!“, „The Winner Takes It All“ oder „Thank You for the Music“.

Doch auch die Geschichte um Caligula wird weiter verfolgt. Ihm wurde eine Liebesbeziehung mit seiner Schwester Drusilla nachgesagt. Sein Lieblingspferd sollte, Überlieferungen zufolge, zum Konsul ernannt werden. Auch am Bonner Theater sehen wir Drusilla und das Pferd in Aktion (hier beides: Sophie Basse). Das Autorenteam Kläy & Wertheimer bedient sich weiterer kanonischer Texte, aus denen es zeitgenössische Neuschöpfungen schafft. Die schwer zugängliche Erzählung springt von einem Punkt zum nächsten, nur wenige Handlungsstränge werden auserzählt. Die Akteure sorgen mit ihrer Herzlichkeit dafür, dass man ihnen gerne folgt.

Kraftlinien und Gravitationsfelder des Fortwirkens werden jedoch nur unzureichend sichtbar. Sarah Kurzes Regie konzentriert sich recht wenig auf eine genaue Charakterzeichnung. Die Akteure bewegen sich tänzerisch auf einer unwirtlichen Bühne mit angedeuteten Felsblöcken. Während sie um Aufmerksamkeit buhlen, wird der Konflikt, ob man die mögliche Raumfahrtexpedition alleine oder in der Gemeinschaft plant, höchstens angedeutet. Es wird überdreht viel geschrien, nicht immer ist alles akustisch verständlich. Oliver Kahn wird zitiert, elektronische Beats sorgen für Ausgelassenheit. Christian Czeremnychs Figur möchte als Caligula endlich jemand sein. Lena Geyer möchte in ihrer Rolle herausfinden, wie gut sie die anderen kennenlernen möchte. Es folgt die eine oder andere banale Abweisung und die Band löst sich zu guter Letzt auf. Am Ende können alle sagen „Ich bin der Mond“ und „Ich bin Caligula“. So einfach ist das dann. Zum eingespielten „I have a dream“ von ABBA tritt das Quartett dann schließlich ab – der Traum scheint dann endgültig ausgeträumt.



Enttäuschende Ewigkeit von Paula Kläy & Guido Wertheimer - am Theater Bonn
Foto © Sandra Then

Ansgar Skoda - 11. Februar 2026
ID 15690
ENTTÄUSCHENDE EWIGKEIT (Werkstatt, 07.02.2026)
von Paula Kläy und Guido Wertheimer

Regie: Sarah Kurze
Bühne und Kostüme: Vanessa Vadineanu
Licht: Nadine Funk und Johanna Salz
Dramaturgie: Carmen Wolfram
Musik: Stasys Musial
Mit: Lena Geyer, Paul Michael Stiehler, Sophie Basse und Christian Czeremnych
UA (unter dem Titel 28 Milliarden) am Schauspielhaus Graz: 25. Februar 2024.
Premiere am Theater Bonn: 10. Januar 2026
Weitere Termine: 19.02./ 07.03.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.theater-bonn.de


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