Stefanie
(Sissi)
Reinsperger!!
ELISABETH! von Mareike Fallwickl
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Stefanie Reinsperger als Elisabeth! - am Burgtheater Wien | Foto (C) Tommy Hetzel
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Bewertung:
127 Jahre tot und trotzdem immer noch sehr präsent - das ist Sisi, Kaiserin von Österreich, und Königin von Ungarn, über die man als Wienbesucher zwangsläufig immer wieder stolpert. Ob als Musicalfigur, Pickerl auf Schaufenstern oder Schokoladenkugeln - man kann ihr fast nicht entkommen - ein österreichisches Markenlabel und Magnet für unzählige Touristen, die die Wiener Innenstadt um den Graben und die Kärntner Straße bevölkern. Der Mythos um die 1898 in Genf von einem italienischen Anarchisten ermordete Kaiserin ist nicht erst seit den Sissi-Filmen mit Romy Schneider ungebrochen als immer währendes Schönheitsideal. Sie ist zudem aber noch Ehefrau, Mutter, leidenschaftliche Sportlerin und vieles mehr. Auch damit haben sich Filme und Serien der jüngeren Vergangenheit bereits auseinandergesetzt.
Im letzten April ist ein neues Theaterstück, inszeniert von Fritzi Wartenberg am Wiener Burgtheater, hinzugekommen. Die österreichische Schriftstellerin Mareike Fallwickl hat der Schauspielerin Stefanie Reinsperger einen Monolog als Elisabeth! auf den Leib geschrieben. Das Leben der Kaiserin von ihr selbst als ewige Untote erzählt. Dass das ein rührselig-verklärter Abend werden würde, war nicht zu erwarten. Wer Autorin und Darstellerin kennt, wurde dahingehend nicht enttäuscht. Der Text dekonstruiert den Mythos und gibt ihm neue Fassetten, die aus feministischer Sicht die Biografie in ihrer Geschichte neu betrachten. Der Kult um Sisi in einer Reflexion über Macht, Körper und historische Ereignisse.
Zu Beginn stürmt Stefanie Reinsperger im schwarzen Kleid mit meterlanger Schleppe aus dem Parkett heraus die Bühne. Großer Auftritt und große Gesten. Stimmgewaltig dazu gibt die Reinsperger im Stile einer Burgtheater-Diva die Kaiserin vom Ende her mit ihrem letzten Satz in verschiedener Betonung. „Was ist denn nur mit mir geschehen?“ Eine Frage, die sich verschieden stellen und beantworten lässt. Ein Leben „überlagert von tausend Schichten und Geschichten“. Im Folgenden wird die Schauspielerin diese Schichten ihrer Figur wie ihre Kleidung (Kostüme: Leonie Falke) Stück für Stück abstreifen. Auf der von Jessica Rockstroh mit Spiegelwänden vorm Eisernen Vorhang gestalteten Bühne wird sie in 10 Exerzierübungen von der überhöhten Ikone zum echten Menschen. „Wenn eine Frau sich im Spiegel anschaut, schaut sie sich mit dem Blick der gesamten Gesellschaft an.“
Dass das vor allem eine Art Zurichtung ist, wird schon bei der Geschichte des ersten Treffens der erst sechzehnjährigen Sisi mit dem jungen Kaisers Franz Joseph in Ischl deutlich. Von der Familie vorgeführt ist ihre Bestimmung schnell klar. Ein Zwangsheirat, wie es Fallwickl sieht. Kaum Zeit für Romantik. Mit 17 folgt das erste Kind. Bilder des Kaiserpaars sind klar hierarchisch und dienen der reinen Repräsentation. Reinsperger macht Witze über den kleinkariert-akkuraten „Tintenmonarchen“, und auch die Schwiegermutter kommt nicht gut weg. Die Autorin reichert die biografischen Eckdaten Elisabeths mit historischen Ereignissen wie den Kämpfen im Revolutionsjahr 1848 an. Als Gegenbeispiel zur eher unpolitischen jungen Kaiserin steht hier die Wiener Frauenrechtlerin Karoline von Perin, die nach der Niederschlagung der Revolution in der Haft misshandelt, missbraucht und für psychisch krank erklärt wird. Auch die schwarze US-Bürgerrechtsikone Rosa Parks wird hier erwähnt, die in den 1950er Jahren ihren Sitzplatz im Bus nicht für einen Weißen freimachen wollte.
Die eigene Emanzipation vom Hof vorantreibend, taugt Elisabeth nicht gerade für ein feministisches Role Model. Um in Ruhe gelassen zu werden, sorgt sie selbst für Ersatz für ihren Mann. Natürlich kommt hier auch der ganze Körperkult Sisis auf die Bühne. Von der schmalen Taille über die Essstörungen bis zur übertriebenen Körperertüchtigung. Reiten, Turnen und Wandern. „Bewegliche Ziele sind schwerer zu treffen. Auch emotional.“ Wirklich emotional wird es hier aber nicht. Fallwickl ordnet ihre Sisi ziemlich genau ins gesellschaftspolitische Frauenbild der Zeit als willfährige Verfügungsmasse Habsburger Machtkalküls. „… sie muss stillhalten, weil beschlossen wurde: In diesen Körper soll hineingestoßen werden, damit er gefüllt wird mit einem Thronfolger.“ Die Autorin verweist in ihrem Text aber auch auf andere Frauen der Gegenwart als Beispiel etwa für die Verfügbarkeit des Körpers wie im Fall Gisèle Pelicot oder die algerische Olympiasiegerin im Boxen Imane Khelif, deren Körper für viele als nicht weiblich genug gilt.
Dazu passt es auch, dass Reinsperger ganz ironisch auf die nun wählbaren Männer verweist, die „keine verurteilten Vergewaltiger sind, keine Rassisten, keine egozentrischen Milliardäre, keine Frauenhasser, keine Volksverhetzer.“ Da gibt es kurze Lacher und Beifall, wie auch nach den punkigen Songs der Liveband mit Elena Ulrich an der E-Gitarre und Lilian Kaufmann am Schlagzeug, die im Zofengewand am Bühnenrand sitzen und den grandiosen Sprach- und Körpereinsatz von Stefanie Reinsperger begleiten. Die schleift irgendwann eine weiße Pferdepuppe auf die Bühne und staffiert sie aus mit den abgelegten Insignien ihrer Fraulichkeit, wie den Puffärmeln, dem Korsett oder den abgeschnitten Haaren. Das Symbol eines totgerittenen Gauls, der am Ende am Haken hochgezogen wird. Auch das ein Bild für eine Emanzipation und Selbstermächtigung nicht nur der überstrapazierten Sisi-Figur, sondern für alle Frauen. Mareike Fallwickl setzt da ein Statement an das andere. „Wenn Frauen permanent Krieg gegen ihren eigenen Körper führen, haben sie keine Zeit, eine Revolution anzuzetteln.“ Da hat Stefanie Reinsperger ihre Bühnenfigur längst verlassen und schließt diesen denkwürdigen Abend mit einem Appell für mehr Frauensolidarität. „Wenn eine Frau die Wahrheit sagt, erschafft sie einen Raum, in dem andere sicher sein können.“ Zumindest an diesem Theaterabend steht das Publikum beim Beifall an ihrer Seite.
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Stefanie Reinsperger als Elisabeth! - am Burgtheater Wien | Foto (C) Tommy Hetzel
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Stefan Bock - 5. Januar 2026 ID 15635
ELISABETH! (Burgtheater Wien, 31.12.2025)
von Mareike Fallwickl
Regie: Fritzi Wartenberg
Bühnenbild: Jessica Rockstroh
Kostüme: Leonie Falke
Musik: Lilian Kaufmann und Elena Ulrich
Licht: Roman Sobotka
Dramaturgie: Christina Schlögl
Mit: Stefanie Reinsperger (als Elisabeth) und Elena Ulrich, Lilian Kaufmann oder Aurora Hackl-Timón (Live-Musik)
UA war am 11. April 2025.
Weitere Termine: 28., 30.01. / 04., 23.02.2026
Weitere Infos siehe auch: https://www.burgtheater.at/
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