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nachDRUCK # 6

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Neue Stücke

Moderne

Beziehungs-

konzepte und

Geschlechter-

rollen

CHANGES von Maja Zade /

EGAL von Marius von Mayenburg


changes von Maja Zade - an der Schaubühne Berlin | Foto (C) Arno Declair



Die traditionell angestammten Geschlechterrollen mal wechseln, ist ein nicht mehr allzu seltenes Konzept in modernen großstädtisch-bürgerlichen Familien. Wie das aussehen könnte und was das für Probleme mit sich bringt, kann man momentan an der Berliner Schaubühne in zwei Stücken über Paare verschiedenen Alters von der Schaubühnenchefdramaturgin und Autorin Maja Zade und dem langjährigem Hausautor und Regisseur Marius von Mayenburg erleben.

*

Seit November 2024 spielt das ehemalige Dortmunder Tatort-Team Anna Schudt und Jörg Hartmann in Maja Zades Stück changes ein 20 Jahre verheiratetes Berliner Paar. Nina ist Abgeordnete mit eigenem Büro und einem Angestellten. Ihr Tag läuft klar strukturiert von Termin zu Termin. Das besondere Engagement Ninas gilt der Unterstützung einer sanierungsbedürftigen Frauennotunterkunft, die sie vor der Schließung bewahren will. Mark war früher ein erfolgreicher Wirtschaftsanwalt, der nach einem Burnout auf Grundschullehrer umgesattelt hat. Er kämpft mit einem Alkoholproblem, Angstschweiß und den Herausforderungen seines neuen Berufs. In seiner neuen Rolle als Hausmann schmiert er seiner Frau früh die Brote und buhlt vergeblich um ihre ungeteilte Aufmerksamkeit, während sie am Frühstückstisch bereits an ihrer Kampagne bastelt.

Das Stück verfolgt die beiden vom gemeinsamen Frühstück über den Tag, an dem jeder für sich mit verschiedenen Leuten und Problemen konfrontiert wird. Schudt und Hartmann schlüpfen dabei in 23 Rollen wie den Assistenten Ninas, einer Frau, die das Grundstück, auf dem die Frauennotunterkunft steht, kaufen will und dabei bis zum Äußersten geht, Ninas Frisörin, die als intime Partnerschaftsberaterin herhalten muss, ihrem einsamen Vater im Zoo, unsensiblen Lehrerkollegen Marks, einer verunsicherten Schülerin, die gemobbt wird, einem ignoranten Vater und sogar einem Elefanten, den Jörg Hartmann zum großen Vergnügen des Publikums mit viel Verve performt.

Klamauk und Dramatik wechseln hier wie die Rollen und Kostüme. Hehre Ziele, die Welt oder nur sein eigenes Leben zu ändern, scheitern an der Realität und dem Unvermögen einander zuhören zu können. Beim Abendessen wieder daheim, geht es da nicht mehr nur darum, was es zum Dessert gibt. Das schrammt oft am Klischee und bleibt in der Masse zumeist nur an der Oberfläche. Regisseur und Schaubühnenintendant Thomas Ostermeier setzt dabei ganz auf seine beiden Schauspielstars, die hoch ambitioniert den über 2stündigen Abend im Alleingang zwischen der sparsamen Möblierung von Magda Willi, Kostümständern und Perückenwechseln (Kostüme: Nehle Balkhausen) meistern.


Bewertung:    



Ein wesentlich jüngeres Großstadtpaar spielen Marie Burchard und Stefan Stern seit diesem Januar in Marius von Mayenburgs Stück Egal, das der Autor für die kleine Schaubühnen-Spielstätte Ku'damm 156 selbst inszeniert hat. Die Uraufführung fand 2023 im Nationaltheater Reykjavik statt. Die deutschsprachige Erstaufführung inszenierte Thomas Jonigk 2025 mit Caroline Peters (selbst einige Zeit an der Berline Schaubühne) und Michael Wächter am Akademietheater Wien.

Sehr reduziert auf eine Sitzecke und Tisch ist auch das Bühnenbild von Jan Pappelbaum vor der langen Fensterfront der neben der Schaubühne gelegenen Spielstätte mit Blick auf den Ku'damm, wo immer wieder Passanten vorbeiflanieren und neugierig oder irritiert durch die Schaufenster einen Blick auf das Geschehen im Inneren erhaschen wollen, was allerdings durch einen Vorhang zum Teil verhindert wird und nur die Publikumstribüne zu sehen ist. Simone und Erik bezeichnen sich hier des Öfteren selbst als die „Avantgarde“. Das schließt Beziehungsgestaltung, Beruf, Karriere und Familienplanung ein. Dass dem eigentlich nicht so ist, wird schnell klar, als Automobil-Ingenieurin Simone von einer Geschäftsreise zurückkehrt und ihren daheimgebliebenen Mann und Roman-Übersetzer Erik mit einer Flasche Schampus als Mitbringsel scheinbar vor vollendete Tatsachen setzt.

Erik, der die gesamte Care-Arbeit mit den zwei Kindern übernommen hat und in einem kleinen Verlag die Romane eines niederländischen Autors übersetzt, fühlt sich überrumpelt, als ihm Simone eröffnet, dass sie ein Angebot bekommen hat, mit ihrem Chef in eine Filiale nach London zu wechseln. Er stellt nun plötzlich das ganze Beziehungs-Konzept der beiden in Frage. Zudem hat sich sein Autor gerade das Leben genommen, was seine berufliche Existenz gefährdet. Erik ist frustriert und fühlt sich von Simone abgespeist. Und so ergibt ein Wort das andere. Als dann noch der eigentlich von Simone nicht besonders geliebte Chef anruft, gerät das eh schon fragile Rollenkonstrukt völlig ins Wanken.

Nach einem resigniertem „egal, ach, scheißegal“ wechselt die Konstellation, und Erik ist plötzlich der geschäftsreisende Ingenieur mit Karriereangebot in London und Simone die prekär beschäftige Übersetzerin daheim. Dieser Wechsel vollzieht sich noch zwei weitere Male und treibt so auch die Story weiter voran. Das ist textlich well-made und spritzig auf Pointe getrimmt, aber auch bis auf eine kleine Wendung im London-Karriereplan nicht wirklich überraschend in den Erkenntnissen. Die Eskalation ist vorprogrammiert und das zum Vergnügen des anwesenden Publikums, das sich hier an der Explosion einer falsch zusammengebauten Versuchsanordnung erfreuen kann. Das „Testlabor“ Fairness und Gleichberechtigung fliegt der egogetriebenen Beziehungsavantgarde gewaltig um die Ohren. Die Spielfreude und schauspielerische Klasse von Marie Burchard und Stefan Stern machen, dass einem der Ausgang dieser galligen Gesellschaftssatire nicht ganz egal bleibt.

Bewertung:    



Egal von Marius von Mayenburg | Foto (C) Gianmarco Bresadola

Stefan Bock - 8. Juni 2026
ID 15895
CHANGES (Schaubühne am Lehniner Platz, 28.05.2026)
von Maja Zade

Regie: Thomas Ostermeier
Bühne: Magda Willi
Kostüme: Nehle Balkhausen
Musik: Sylvain Jacques
Video: Sébastien Dupouey
Dramaturgie: Maja Zade
Licht: Erich Schneider
Mit: Jörg Hartmann und Anna Schudt
UA war am 30. November 2024.

EGAL (Ku'damm 156, 03.06.2026)
von Marius von Mayenburg

Regie: Marius von Mayenburg
Bühne: Jan Pappelbaum
Kostüm: Marc Freitag
Musik: Nils Ostendorf
Dramaturgie: Maja Zade
Licht: Erich Schneider
Mit: Marie Burchard und Stefan Stern
UA am Nationaltheater Reykjavik: 10. Februar 2023
DEA an der Schaubühne Berlin: 8. Januar 2026
Weitere Termine: 09., 10., 16., 17., 18., 29.06.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.schaubuehne.de


Post an Stefan Bock

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