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Freie Szene

Das Ensemble des aufBruch Gefängnistheater spielt Lessings Dramatisches Gedicht über den Gedanken der Toleranz in finsteren Zeiten



Grafik: Dirk Trageser

Bewertung:    



„Welche Religion ist die richtige? … Seit bald 250 Jahren steht NATHAN DER WEISE für das große Versprechen der Aufklärung, für Toleranz, Versöhnung, Humanismus und Hoffnung. 1779 schreibt Lessing dieses Märchen gegen eine Welt der Dogmen und der religiösen Schranken. Heute wissen wir: Das Versprechen der Aufklärung bietet keinen Schutz. Zwischen Lessing und uns liegt die Geschichte, die den Ideen der Aufklärung ihre dunkelste Widerrede entgegengesetzt hat. Das 20. Jahrhundert hat gezeigt: Bildung schützt nicht vor Barbarei; die Vernunft selbst wird zu ihrem Werkzeug.“

*

So [s.o.] steht es in der Ankündigung zur neuen Open-Air-Theaterproduktion des aufBruch Gefängnistheaters in der Berliner Jungfernheide. Dem ist auch nicht viel hinzuzufügen. Außer vielleicht, dass es im 21. Jahrhundert nicht gerade besser aussieht und mit der Vernunft auch nicht mehr weit her ist. Dem zum Trotz bietet das gemischte Ensemble aus Freigängern, Ex-Inhaftierten und Schauspielern unter der Regie von Peter Atanassow eine bis zu Lessings Sprache relativ texttreue Nathan-Inszenierung, aber durchsetzt mit einigen Fremdtext-Passagen von z.B. Joshua Sobol, Chistian Lollike, George Tabori oder Heiner Müller, die den alten Lessingtext überschreiben, weiterspinnen oder kritisch hinterfragen.

Der deutsche Schriftsteller und Dramatiker Hartmut Lange hat sogar eine Art Vorspiel zum Stück geschrieben, in dem ein Intendant (Sven-Eric), der sich fragt, wie man heute noch den Nathan aufführen könnte, bei Lessing (Pierre) und Nietzsche (Para Kiala) um Rat bittet. Ein zitatenreicher Diskurs zu Toleranz und Vernunft, bei dem der Dichter der Aufklärung mit seiner Hoffnung auf die menschliche Vernunft nicht immer einer Meinung mit dem eher vernunftkritischen Philosophen mit Walrossbart ist.

Ansonsten spielt das Ensemble mit viel Witz den bekannten Plot um den Juden Nathan, seine durch einen jungen Tempelherrn aus dem Feuer gerettete Tochter Recha und den Streit um den rechten Glauben am Jerusalemer Hof des Sultans Saladin, dem das Geld für den Krieg gegen die christlichen Kreuzritter ausgegangen ist. „Das letzte Hemd hat leider keine Taschen“, singt da das Ensemble, das mit Esels- und Kamelköpfen auch die Karawane des Kaufmanns Nathan spielt und Möhren knabbernd das Bühnengeschehen kommentiert.

Zwischen den Szenen trägt das Ensemble einige schmissige Songs wie Am Amazonas, Frauen sind keine Engel oder Bei mir bistu scheyn, einstudiert von Vsevolod Silkin und Jens-Karsten Stoll, chorisch vor. Die Frauenrollen im Stück werden bis auf Nathans christliche Haushälterin Daja (Juliette Roussennac) von Männern gespielt. Da gibt es auch mal eine witzige Revue-Einlage zum 20er-Jahre-Hit Salome, schönste Blume des Morgenlands von Arthur Rebner und Robert Stolz. In den historisierenden Kostümen von Elena Chant machen Abdul als Nathans Tochter Recha und Adrian U. als Saladins Schwester Sittha auf der von Holger Syrbe mit Gaze bespannten Metallgerüstbühne eine ganz gute Figur.
 
Die beiden wichtigsten Rollen des Stücks gibt es hier in einer Doppelbesetzung. So wechseln Para Kiala und Sven-Eric in der Rolle des Nathan. Den Wandel vom forsch polternden Tempelherrn hin zur Einsicht und Toleranz gestalten eindrücklich Ali und Max Sonenberg. Zentraler Bestandteil des Stücks ist bekanntlich die Parabel von den drei gleichen Ringen, die stellvertretend für die klassischen drei Buchreligionen stehen. Hier wird sie teils chorisch vom Ensemble vorgetragen. Dazu gesellt sich ein Ausschnitt aus Heiner Müllers pessimistischer Notiz 409 zur Erzählung Nathans über die Ermordung seiner Frau und Kinder. Auch der versöhnende Schluss des Stücks wird hier als kitschig abgetan. Doch das letzte Wort der Hoffnung hat Nietzsche: „Die Rechtfertigung des Lebens ist immer noch die Kunst.“
Stefan Bock - 8. September 2026
ID 16029
NATHAN DER WEISE (Gustav-Böß-Freilichtbühne in der Jungfernheide, 02.09.2026)
Regie: Peter Atanassow
Bühne: Holger Syrbe
Kostüme: Elena Chant
Dramaturgie: Franziska Kuhn
Musikalische Einstudierung: Vsevolod Silkin und Jens-Karsten Stoll
Choreographie: Suzann Bolick
Es spielt ein gemischtes Ensemble aus Freigängern, Ex-Inhaftierten und Schauspielern:
Abdul, Adrian U., Ali, Juliette Roussennac, Matthias Blocher, Max Sonnenberg, Mohamad Koulaghassi, Özcan, Para Kiala, Pierre, Steffen, Sven-Eric.
Premiere war am 2. September 2026.
Weitere Termine: 09., 10., 11., 12. und 13.09.2026
Eine Open-Air-Theaterproduktion von aufBruch in Kooperation mit dem Kulturbiergarten Jungfernheide


Weitere Infos siehe auch: https://www.gefaengnistheater.de/


Post an Stefan Bock

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