Brechts Parabel von der Verwandlung des Packers Galy Gay in den Militärbaracken von Kilkoa als witzig-ironisches Freilufttheater
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Bewertung:
Die Bundeswehr braucht gerade Männer, die nicht nein sagen können. Verteidigungsminister Pistorius, so liest man, versucht potenzielle Freiwillige mit besserer Bezahlung und der Inaussichtstellung von Wohnraum, Führerschein, Sprach- und IT-Kursen für den Dienst an der Waffe zu begeistern. Zu Zeiten der Ostindienkriege in der britischen Kronkolonie reichten neben dem kargen Sold auch ein paar mehr Flaschen Bier, um gutmütige Männer wie Autos zu Kampfmaschinen umzumontieren. So liest man es zumindest bei Bertolt Brecht, der zu Beginn der 1920er Jahre begann, mit dem Stück Mann ist Mann die Geschichte der „Verwandlung des Packers Galy Gay in den Militärbaracken von Kilkoa im Jahre neunzehnhundertfünfundzwanzig“ niederzuschreiben.
Der irische Packer Galy Gay bricht eines Morgens von daheim auf, um einen Fisch für das Abendessen zu kaufen und landet ein paar Gefälligkeiten später als MG-Schütze Jeriah Jip in einem Soldatentransport in Richtung Tibet. Dieser Umbau der Persönlichkeit vom Individuum zum gleichgeschalteten Massenmenschen interessiert auch das Gefängnistheater aufBruch, das Brechts parabelartiges Lustspiel mit einem gemischten Ensemble aus Freigängern, Ex-Inhaftierten und einer Schauspielerin als Freilufttheater auf die Gustav-Böß-Freilichtbühne in der Jungfernheide gebracht hat. Und wer einmal selbst Wehrdienst ableisten musste, hat zumindest eine gewisse Vorstellung davon. Auch davon, wie Männer, einmal in eine Uniform gesteckt, so funktionieren. Mit dem Simplicissimus nach Grimmelshausen hatte aufBruch schon vor Jahren im ehemaligen Flughafen Tempelhof die militärischen Dynamiken im Dreißigjährigen Krieg beleuchtet.
Da scheint sich auch seit Brecht nicht allzu viel geändert zu haben. Das Stück ist zwar etwas schlecht gealtert, erfüllt aber dennoch seinen ironisch überspitzt erklärenden Dienst am Publikum noch ganz gut. Getrunken wird viel im Stück, das nach einem kurzen einführenden Chor mit einem Einbruch einer 5-köpfigen britischen MG-Brigade in eine buddhistische Pagode in Kilkoa (Brecht biegt sich sein Indien so hin, wie er es braucht) beginnt. Der betrunkene Jeriah Jip (Sven-Eric) findet zwar die gesuchte Beute, verliert aber am Türstock Teile seines Haarschopfs und wird von den Kameraden aus Angst vor Entdeckung schlafend zurückgelassen. Ein Ersatz muss her, damit dem harten Sergeant „Blutiger Fünfer“ (Oliver) nichts auffällt. Galy Gay (Moses), dem gerade von der Kantinenbesitzerin Witwe Begbick (Juliette Roussennac) eine Gurke anstatt eines Fischs aufgeschwatzt wurde, kommt da gerade richtig. Und so gerät er auf ein Bier unversehens in die Mühlen der Militärmaschinerie.
Gespielt wird das auf einer Holzpodest-Bühne (Holger Syrbe), die mit militärischen Transportkisten, Transparenten und Vorhängen für die wechselnden Schauplätze umgebaut werden kann. Dazu erklingt immer wieder der Mann-ist-Mann-Song. Aber auch Lieder wie Wozu ist die Straße da oder Es fährt ein Zug nach nirgendwo. Auch der Brecht-Text reicht Regisseur Peter Atanassow allein nicht aus. Die Verrohung der Masse Soldat im Stück wird z.B. durch Texte des russischen Schriftstellers DJ Stalingrad (Exodus), Ernst Toller (Masse Mensch) oder Thomas Brasch (Rotter) unterstrichen. Unbedingte Anpassung heißt das Schlagwort. Wobei der soziale Aspekt des armen Packers Galy Gay, der hier eine Chance wittert, beim fingierten Verkauf eines falschen Elefanten, seine prekäre Lage zu verbessern, auch eine Rolle spielt. Da leugnet er sogar, seine eigene Frau zu kennen.
Brecht spannt den Bogen noch viel weiter und lässt seinen Protagonisten unter Androhung der Hinrichtung bis zur totalen Selbstverleugnung gehen. Das durchweg stark spielende Ensemble gestaltet das mit viel Sinn für Witz und Slapstick aus, ohne allzu stark zu überdrehen. Hauptdarsteller Moses verkörpert den Wandel zur kriegsgewinnenden Kampfmaschine ziemlich überzeugend. Den umgekehrten Weg geht der seinen sexuellen Trieben nachgebende Sergeant Blutiger Fünfer, der in Zivilkleidung jegliche Achtung der Soldaten verliert und sich schließlich selbst entmannt. Die Uniform macht hier den Mann, der letztendlich als austauschbare Massenware in den Kampf zieht. Am Ende stehen Brechts Legende vom toten Soldaten und der etwas überstrapazierte, in diesen Tagen aber durchaus wieder aktuelle Friedenssong von Pete Seeger Sag mir wo die Blumen sind. Zumindest eine kleine Ansage in Richtung allzu eifrig betriebener Vorsorge, schnell kriegstüchtig zu werden.
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Mann ist Mann auf der Gustav-Böß-Freilichtbühne in der Jungfernheide | Foto (C) Mark Schulze Steinen
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Stefan Bock - 29. August 2025 ID 15434
MANN IST MANN (Gustav-Böß-Freilichtbühne in der Jungfernheide, 27.08.2025)
Regie: Peter Atanassow
Bühne: Holger Syrbe
Kostüme: Esther Lüchtefeld
Dramaturgie: Franziska Kuhn
Musikalische Leitung: Vsevolod Silkin
Produktionsleitung: Sibylle Arndt
Mit: Christian Krug, Juliette Roussennac, Jörg, Matthias Blocher, Max Sonnenberg, Mohamad Koulaghassi, Moses, Norman, Oliver, Ronny Mock, Sadam, Steffen und Sven-Eric
Premiere war am 27. August 2025.
Weitere Termine: 29., 30., 31.08. / 3., 4., 5., 6., 10., 11., 12., 13.09.2025
Eine Open-Air-Theaterproduktion von aufBruch in Kooperation mit dem Kulturbiergarten Jungfernheide
Weitere Infos siehe auch: https://www.gefaengnistheater.de/
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