Tragische Komödie über den moralischen Verfall einer Stadt
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Bewertung:
Seit 2017 bespielt die freie Theater-Compagnie Die Andere Welt Bühne das ehemalige Wasserwerk auf dem Alten Postgelände in Strausberg nordöstlich von Berlin. Es handelt sich hier um ein 28 Hektar großes, historisches Areal inmitten des Stadtwaldes, auf dem in den 1980er Jahren das Fernmeldezentrum der DDR inklusive eines großen Nachrichtenbunkers errichtet wurde. Ein Relikt des Kalten Kriegs in der ehemaligen NVA-Regimentsstadt, das sich seit etwa 10 Jahren zu einem modernen Stadtquartier mit Wohnungen, Gastronomie, Kunst- und Kultureinrichtungen sowie einer Holzmanufaktur entwickelt. Eine Transformation, die sich bei knappen Kassen nicht jede Gemeinde so ohne Weiteres leisten kann.
Passend dazu bringt die Compagnie in diesem Sommer das Stück Der Besuch der alten Dame von Friedrich Dürrenmatt auf die Bühne. Der Schweizer Schriftsteller und Dramatiker schrieb 1956 die tragische Komödie über die Stadt Güllen, die kurz vor der Pleite ein unmoralisches Angebot von einer heimgekehrten Bürgerin erhält, als Parabel auf die Gier und Korrumpierbarkeit der Menschen. Tragische Elemente wie Rache und fehlende Gerechtigkeit stehen neben der zumeist grotesken Figurenzeichnung.
Klar als Groteske legt auch Regisseur Paul Spittler seine Inszenierung an. Er beschränkt seine Besetzung auf die beiden Hauptfiguren der alten Dame, Claire Zachanassian, gespielt von Cynthia Buchheim, und ihres ehemaligen Geliebten, dem Ladenbesitzer Alfred Ill., gespielt von Inés Burdow. Dazu gibt Magdalena Kosch den Güllener Bürgermeister und einige weitere Stadthonoratioren. Diese Reduzierung auf eine rein weibliche Rollenbesetzung erweist sich spielerisch wie dramaturgisch als großer Gewinn. Im Hintergrund agiert zusätzlich ein Chor aus Bürgerinnen und Bürgern aus Strausberg, die zu Beginn ungelenk Welcome-Buchstaben hochhalten, oder mit Tiermasken den Konradsweilerwald darstellen.
Im Gepäck hat die alte Dame auch hier einen großen, silbrig glänzenden Sarg, agiert aber ganz ohne ihre seltsame Entourage aus Dürrenmatts Stück, das der Regisseur textlich auf ca. 90 Minuten verschlankt hat, ohne den besonderen Wortwitz Dürrenmatts zu beschädigen. Ann-Christine Müller hat die raumgroße zweistöckige Holzdrehbühne mit Folienvorhängen ausgestattet. Oben thront ganz in Rot Claire Zachanassian, der durch ihren ehemaligen Geliebten Ill einst Unrecht geschehen ist, als sie nach gekauften Zeugenaussagen schwanger von ihm aus der Stadt getrieben wurde. Sie wartet auf den moralischen Wandel der Güllener Bürger, denen sie 1 Milliarde Dollar für die Tötung von Alfred Ill angeboten hat. Was der Bürgermeister zunächst brüsk ablehnt. Stellvertretend für die Bigotterie der Stadt steht hier Magdalena Kosch im hoch geschlossenen schwarzen Gewand mit protestantischer Halskrause.
Der Wandel hin zur Annahme des Angebots vollzieht sich langsam von Szene zu Szene im 2. Akt, wenn die Bürger in Ills Laden teure Ware kaufen und anschreiben lassen, oder ihre neuen gelben Schuhe sichtbar werden. Der Sarg dient hier als Wirtshaus- oder Ladentheke, bis er schließlich seiner eigentlichen Bestimmung zukommt. Inés Burdow spielt eindrücklich die Angst und den Wahn Ills, der sich zunehmend von den BürgerInnen bedroht fühlt, bis er sich schließlich in sein Schicksal ergibt. Der Sarg steht zentral im letzten Akt wie in einer Aufbahrungsszene. Zwischen den Szenen und Akten wird immer wieder der bombastische Pop-Song Berghain von der spanischen Sängerin Rosalia eingespielt. In Güllen braucht es kein göttliches Eingreifen, um die ruinierte Stadt zu retten. Die durch Heirat reich gewordene Heilsbringerin muss nur mit dem Geld winken. Die Ansichten über Moral und Gerechtigkeit werden dafür passend gemacht. Einen aktuellen Bezug zur Gegenwart muss man da gar nicht unbedingt herstellen.
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Die Andere Welt Bühne: Der Besuch der alten Dame von Friedrich Dürrenmatt Foto (C) Julia Otto
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Stefan Bock - 22. Juli 2026 ID 15956
DER BESUCH DER ALTEN DAME (Die Andere Welt Bühne, 18.07.2026)
Inszenierung: Paul Spittler
Dramaturgie: Sandra Wolf
Bühne und Kostüme: Ann-Christine Müller
Licht: Dietrich Baumgarten
Sound und Video: Bodo Strecke
Mit: Cynthia Buchheim, Inés Burdow und Magdalena Kosch sowie dem Bürger:innencho (Ralf Riege, Lia Meißner, Melanie Schmid, Bettina Frohberg, Mika Schramm, Nicola Schramm, Daniel Schramm, Kirsten Rother-Döhring und Diana Leonhardt)
Premiere war am 18. Juli 2026
Weitere Termine: 02., 05., 22.08./ 11.09.2026
Weitere Infos siehe auch: https://dieandereweltbuehne.de
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