Aus der Zeit
gefallen
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Bewertung:
Mit Zwischen den Stunden sind Phasen gemeint, bevor man einschläft oder die Dauer im Morgengrauen, wenn man aufwacht. Die Gegenwart kann sich für eine Weile ausdehnen, wenn wir komplett abschalten und so aus der Zeit fallen. Zu seinem dreiteiligen Ballettabend wurde Choreograf Steffen Fuchs durch musikalische Werke inspiriert, die am THEATER KOBLENZ live hinter der Bühne von wechselnden Ensembles aufgeführt wurden.
Unter der musikalischen Leitung von Sejoon Park spielte das Staatsorchester der Rheinischen Philharmonie das 2013 veröffentlichte Flute Concerto des US-amerikanischen Komponisten Kevin Puts, während die Tänzer agierten. Der italienische Flötist Tommaso Pratola ließ als Solist aufhorchen.
Der erste Teil des Abends zeigte eine Gemeinschaft, die spielerisch-wild die emotionale Welt einer Jugend bebildert. Die Tänzer trugen einheitlich dunkelblaue, kurze Hosen und Hemden, gelbe Kniestrümpfe und Gürtel und ein pinkes Halstuch, das an die Pfadfinder erinnerte (Kostüme: Sascha Thomsen). Das Koblenzer Ensemble trat in wechselnden kleineren Gruppenkonstellationen, Duos oder flüchtigen Solomomenten auf.
Tänzerisch deuteten sich jugendliche Kraft, Kameradschaft, Pärchenbildungen und verschiedene Gruppendynamiken an. Die Choreografie brach klassisch-fließende Linien unerwartet durch stoßartige, kantige Bewegungen und plötzliche Stopps auf. Explosive, kraftvolle Sprünge und raumgreifende Drehungen wechselten sich mit Phasen des plötzlichen Innehaltens oder fließenden Bodenpassagen ab. Die Tänzer nutzten extreme Dehnungen, asymmetrische Posen und isolierte Bewegungen einzelner Körperpartien, um eine emotionale Dringlichkeit und Zerrissenheit der Musik physisch spürbar zu machen.
Den Mittelpunkt des Ballettabends bildete der zweite Teil zu Mozarts Streichquartett Nr. 15, musiziert vom Meander Quartett. Ein tänzerisches Thema, stockende Übergänge, harmonische Schatten, Dissonanzen, zugespitzte Variationen, weite oder schroffe Gesten und beunruhigende Verdichtungen wurden hörbar. Choreograf Steffen Fuchs trat derweil selbst mit Noah Amann, Hannah Marquette Law, Naomi Uji und Ami Watanabe in einem Quintett aus fünf Figuren auf. Die um einen langen weißen Tisch platzierten Tänzer trugen markante weiße Masken mit langen Hasenohren und schwarze, raumgreifende, bodenlange Kleider. Alle mimten die unheimliche Figur des Frank, entlehnt aus dem US-amerikanischen Filmklassiker Donnie Darko von Richard Kelly.
Dargeboten wurde eine Hommage an das französische Gemälde Die widerstrebende Braut (1866) von Auguste Toulmouche. Eine gelangweilte, unglückliche oder wütende Braut im Kleid ließ sich widerwillig auf einen Stuhl sinken und spielte nicht mehr mit. Eine Freundin kniete vor ihr, hielt ihre Hand und versuchte sie zu trösten, während sich eine andere besorgt über sie beugte und sie auf die Stirn küsste. Im Hintergrund stand eine weitere Freundin oder Schwester, die ungerührt und neugierig den Brautschleier oder den Kopfschmuck vor einem Spiegel ausprobierte...
Die letzte Choreografie des Abends wurde zu Puts Oboenkonzert Moonlight. Im Theaterzelt musiziert erneut das Staatsorchester Rheinische Philharmonie hinter der Bühne. Das Thema der Oboe (gespielt von Joaquín Sanz Alcañiz) setzte Impulse und trieb das Geschehen voran.
Zu Beginn tanzte Solistin Dayna Booth entrückt und obsessiv, wie aus einer anderen Realität. Sie verlieh der Choreografie mit einer ausdrucksstarken und harmonischen Bewegungssprache eine emotionale Verwundbarkeit, während sie sich eigenständig außerhalb der Ordnung des Ensembles bewegte. Mit Giselle-Passagen, in denen sie von männlichen Compagnie-Mitgliedern emporgehoben und getragen wurde, vermittelte sie einen Eindruck von Schwerelosigkeit...
Die Kulisse erinnerte mit einem stilisierten, fahrbaren Kronleuchter an einen Ballsaal. Es entfaltete sich ein feinfühliger Tanz aus Nähe und Distanz, der das emotionale Spiel von intimer Verbundenheit und schmerzhafter Trennung physisch greifbar machte. Getragen von der lyrischen und zugleich spannungsgeladenen Musik entstand eine Atmosphäre von Licht und Dunkel, die zwischen melancholischer Stille, innerem Aufbruch und flüchtigen Offenbarungen changierte.
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Zwischen den Stunden von Steffen Fuchs | Foto © Arek Głębocki
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Ansgar Skoda - 9. Oktober 2026 ID 16087
ZWISCHEN DEN STUNDEN (Theaterzelt, 05.10.2026)
Ballettabend von Steffen Fuchs
Musikalische Leitung: Sejoon Park
Choreografie: Steffen Fuchs
Bühne und Kostüme: Sascha Thomsen
Licht: Michael Reif
Dramaturgie: Markus Dietze
Theaterpädagogik: Cornelia Bühne
Mit: Noah Amann, Dayna Booth, Melvin Boschat, Emanuele Caporale, Steffen Fuchs, Milda Hedberg, Anna Krasnikova, Hannah Marquette Law, Alexander Antares, Glauber Lucas Mendes Silva, Elisa Molinari, Samuel Sepúlveda Sanguino, Yael Shervashidze, Naomi Uji, JiaJing Wan und Ami Watanabe sowie dem Meander-Quartett
Staatsorchester Rheinische Philharmonie
Premiere am Theater Koblenz: 19. September 2026
Weitere Termine: 11.10./ 01., 19., 21., 23., 24.,26.11.2026
Weitere Infos siehe auch: https://theater-koblenz.de
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