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Konzertkritik

Die Russen

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Das SWR Symphonieorchester, das bekanntlich aus der Fusion der erstklassigen Sinfonierchester von SDR und SWR hervorgegangen ist, was nicht weniger bedeutet als die Halbierung der Kapazitäten bei gleichzeitiger Forderung einer Erhöhung der Rundfunkgebühren – ein Betrugsmodell, das man keinem Müllmann durchgehen ließe, der bei Forderung von Lohnerhöhung nur noch jeden zweiten Eimer leert – widmet sich in dieser Saison schwerpunktmäßig Dmitrij Schostakowitsch.

Den Auftakt macht allerdings nicht der frischgebackene Chefdirigent Teodor Currentzis – er wird erst im Juni Schostakowitschs 7. Symphonie dirigieren –, sondern Michael Sanderling, der Sohn von Kurt Sanderling und jüngere Bruder von Thomas und Stefan Sanderling, Mitglied also einer Dirigentendynastie, die auf Grund von Kurt Sanderlings 24jährigem Exil in der Sowjetunion für Schostakowitsch hervorragend qualifiziert ist.

Und so brachten er und das Orchester die Sinfonie Nr. 10 e-Moll op. 93 höchst dramatisch zur Geltung, den dunklen Anfang ebenso wie die wilde Erregung des kurzen zweiten Satzes und die Komplexität des Finales. Es besteht kein Zweifel, dass allgemeine politische Zustände auch auf die künstlerische Produktion zurückwirken, aber die Monotonie, mit der den Kommentatoren und Programmheftautoren zu Schostakowitsch immer nur Stalin einfällt, kann schon nerven. Schließlich spricht man auch von Bach, ohne die Kirche zu erwähnen, oder von Haydn, ohne Esterházy zu nennen, erst recht von Carl Orff, als hätte es nie einen Mann namens Hitler gegeben. Dass ein Motiv der 10. Symphonie aus den Noten D – Es – C – H besteht, also aus dem Monogramm von Dmitrij Schostakowitsch, besagt gar nichts. Es kann ebenso eine Spielerei sein wie ein bedeutungsvoller Hinweis. Ungewöhnlich sind solche Verschlüsselungen – besonders häufig mit der Folge B – A – C – H – nicht. Die Symphonien von Schostakowitsch stellen sich als eine Größe für sich dar, die nahezu konkurrenzlos die Tradition von Mozart bis Mahler ins 20. Jahrhundert weiterführt.

*

Vor der Pause stand der andere große russische Komponist des 20. Jahrhunderts auf dem Programm, Sergej Prokofjew, der als Vorgabe für die Interpreten just am selben Tag gestorben ist wie Stalin. Solistin in seinem Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 g-Moll op. 16 war Anna Vinnitskaya (der Name wird in der Ankündigung wie so oft in der englischen Transkription angegeben). Und wiederum: zum Topos der Erklärung für die unverhältnismäßig große Zahl von Instrumentalsolisten, die aus Russland kamen, gehörte das Raunen über den unmenschlichen Drill in den sowjetischen Eliteschulen. Inzwischen gibt es seit bald drei Jahrzehnten keine Sowjetunion mehr, aber die Menge genialer russischer Violinistinnen und Violinisten, Pianistinnen und Pianisten hält uns in Atem. Die Pointiertheit, mit der Anna Vinnitskaya, die technische Perfektion als selbstverständlich vorausgesetzt, die grotesken Partien des Klavierkonzerts umsetzt und übrigens auch durch ihre Mimik verdoppelt, ist unübertrefflich. Auch Michael Sanderling, der das Orchester feinfühlig an den Solopart heranführte, schien von der Pianistin betört. Offenbar mühelos überließ er ihr den Applaus. Er hatte ja noch den Schostakowitsch vor sich. Zu Hause erfuhr ich, dass Carl Philip von Maldeghem zum Intendanten des Schauspiels Köln berufen wurde, und dachte voll Wehmut an eine Zeit, da die Dresdner Philharmonie einen Michael Sanderling zum Chefdirigenten machte. Ja, es gab Zeiten, als man noch nach der Qualifikation schaute.

Thomas Rothschild – 25. Januar 2019
ID 11168
SWR SYMPHONIEORCHESTER (Liederhalle Stuttgart, 24.01.2019)
Sergej Prokofjew: Klavierkonzert Nr. 2 g-Moll op. 16
Dmitrij Schostakowitsch: Sinfonie Nr. 10 e-Moll op. 93
Anna Vinnitskaya, Klavier
SWR Symphonieorchester
Dirigent: Michael Sanderling


Weitere Infos siehe auch: https://www.swr.de/swr-classic/symphonieorchester


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