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Opernkritik

Labyrinth der

Verwicklungen



Le nozze di Figaro an der Oper Köln | Foto (C) Paul Leclaire

Bewertung:    



Stets lockt, was man nicht haben kann. Ein Mann überrascht eine leicht bekleidete Frau im Bett. Diese gibt sich seiner Umarmung hin, bevor sie bemerkt, dass dies nicht ihr Geliebter ist. Sie entzieht sich seinem Griff, und er weicht vor dem eigenen Begehren leicht erschrocken zurück.

Zu den Klängen der Ouvertüre gelangen wir durch expressives pantomimisches Spiel ohne Umschweife wenig subtil zum zentralen Konfliktpunkt der Handlung. Der verstohlen lüsterne Conte Almaviva (Bo Skovhus) stellt die Forderung nach der ius primae noctis. Er will die Hochzeitsnacht mit Susanna (Emily Hindrichs) verbringen, die ihren Verlobten Figaro (Robert Gleadow) heiraten möchte. Beide stehen in den Diensten des Grafen und seiner Frau Contessa Almaviva (Andreea Soare). Das Beharren auf dem Recht der ersten Nacht oder seine mögliche Vereitelung sind der provokative Auslöser einer ganzen Reihe von Verwicklungen in einem komplexen gesellschaftlichen Gefüge. Eine Lust an undurchschaubaren Verwirrungen drückt sich bereits zu Anfang der Oper aus.

Während Figaro offen gegen den Grafen rebelliert, versucht seine Verlobte sich vor dem Grafen mit einer Täuschungskunst zu schützen. Eine Verbündete findet sie dabei in der Gräfin Almaviva, die ihren Gatten wiedergewinnen will und sich nach Momenten der Liebe mit ihm zurücksehnt. Das Begehren wütet ringsumher. Denn der Page Cherubino (Regina Richter, bereits glaubhaft jungenhaft burschikos und vorwitzig in der Titelrolle von Maurice Ravels Das Kind und der Zauberspuk am selben Haus) entbrennt sehnsuchtsvoll gleich für beide Frauen: Susanna und die Gräfin. Der Jüngling hat unbeschränkten Zugang zu den Gemächern der Frauen und versteckt sich dort in einigen Szenen. Er selbst löst bei den Frauen erotische Tagträume aus. Außerdem gibt es da noch Marcellina (Kismara Pessatti), die eigene Rechte auf eine eheliche Verbindung mit Figaro einfordert.

Es handelt sich bei der 1786 uraufgeführten Oper Le nozze di Figaro um eine schwarze Komödie der Sparte “opera buffa“. Die Oper enthält zahllose Komödienelemente wie Verkleidungen, Verstellungen, Versteckspiele, Phantasieszenen und regelmäßige Verwirrungen mit Menschen, die irgendwo hineinplatzen, wo sie eigentlich nicht sein dürfen. Unterschwellig verbirgt sich dann in den Fantasien der Figuren viel Brutalität und Aggressionspotential. Zuschauer, die weder des Italienischen mächtig sind noch die Oper gut kennen, müssen meist die deutschen Übertitel der vorgetragenen Arien mitlesen. Ansonsten können sie die komplexen Verstrickungen und Gelüste der Figuren nicht nachvollziehen. Stets fragt man sich, wer hier wen in die Irre führt.

Anschuldigungen, Mühen der Intrigen und der befangenen Geheimnistuerei verbergen sich in hitzigen und temperamentvollen Arien. Viele der Gesangspartien gründen auf doppelten Boden. Man weiß manchmal nicht so genau, ob bei Duetten die jeweiligen Figuren authentisch eigene Sehnsüchte, Wünsche und Verantwortungen ausdrücken. Während die Macht des Grafen scheinbar zerbröckelt, finden andere Figuren zu neuem Selbstvertrauen. Die Figurenkonstellation verändert sich, wenn die Gräfin und die Dienerin nachts ihre Gewänder tauschen. Listig täuschen sie ihre jeweiligen Partner, die zuvor noch eifersüchtige Rache-Arien vortrugen.

Die klaren Hierarchien des Hofes und die Gesetzmäßigkeiten des Tages zerbrechen endgültig im nächtlichen Garten des vierten Akts. Die Partner finden zueinander und der Heirat steht nun scheinbar nichts mehr im Wege. Wenn der Schlusschor im Dur-Klang erklingt, wird die Bühnenebene von hinten ausgeleuchtet. Vielleicht steht dieses Licht für eine neugewonnene Lebensweisheit der Figuren, die endlich füreinander einstehen.

Der englische Bühnenbildner Tim Northam stattet die Oper mit wenigen Requisiten und schlichten, altmodischen Kostümen aus, welche die Standesunterschiede effektvoll betonen. Großformatig bestimmen pastellgrüne Pflanzenornamente die bieder und unprätentiös anmutende Ästhetik. Ein Effekt, mit dem die französische Regisseurin Emmanuelle Bastet spielt, sind Spiegelungen auf den Rückseiten von Tapetentüren. In den Spiegeln vergewissern sich die Figuren ihrer eigenen heftigen Gefühlsempfindungen, schmachten sie sich an oder setzen sich posierend in Szene. Robert Gleadow als Figaro und Emily Hindrichs als Susanna überzeugen mit ihrem temperamentvollen und wohltemperierten Gesang und mit ihrem dynamischen gestischen und mimischen Spiel. Besonders die rumänische Sopranistin Andreea Soare sticht mit samtenem, beweglichem und feinnuanciertem Stimmkolorit hervor, wenn sie mal klar und mal mit sanft bebendem Timbre bei Arien wie „Dove sono i bei momenti di dolzezza e di piacer (Wo sind die schönen Augenblicke von Süße und Freude)“ den Verlust der Liebe betrauert und sich der vergangenen Glückseligkeit mit dem Grafen erinnert. Bemerkenswert ist auch die spannungsreich forcierte Arie „L'ho perduta… me meschina (Unglücksel´ge kleine Nadel)“, welche die spanische Sopranistin María Isabel Segarra in der Rolle der Dienerin Barbarina klangfarbenreich, einfühlsam und stimmungsvoll gestaltet. Das Gürzenich-Orchester musiziert unter der musikalischen Leitung von François-Xavier Roth dicht aufspielend, mal kapriolenreich und mal unaufdringlich im Orchestergraben. Nach der dreieinhalbstündigen Aufführung klingen die Kompositionen noch lange nach, wenn man sichtlich ermüdet die verwirrenden Eskapaden der Figarofiguren und den Ausweichort der Kölner Oper hinter sich lässt.



Le nozze di Figaro an der Oper Köln | Foto (C) Paul Leclaire

Ansgar Skoda - 11. Juni 2017
ID 10077
LE NOZZE DI FIGARO (Staatenhaus Saal 3, 10.06.2017)
Musikalische Leitung: François-Xavier Roth
Inszenierung: Emmanuelle Bastet
Bühne & Kostüme: Tim Northam
Licht: Nicol Hungsberg
Chorleitung: Andrew Ollivant
Dramaturgie: Tanja Fasching und Georg Kehren
Besetzung:
Conte Almaviva … Bo Skovhus
Contessa Almaviva … Andreea Soare
Susanna … Emily Hindrichs
Figaro … Robert Gleadow
Cherubino … Regina Richter
Marcellina … Kismara Pessatti
Basilio … John Heuzenroeder
Don Curzio … Alexander Fedin
Bartolo … Paolo Battaglia
Antonio … Reinhard Dorn
Barbarina … María Isabel Segarra
Zwei Mädchen … Sara Jo Benoot und Maria Kublashvili
Chor der Oper Köln
Gürzenich-Orchester Köln
Premiere an der Oper Köln: 21. Mai 2017
Weitere Termine: 12.06.2017 // 12., 16., 18., 21., 27.05. / 03.06.2018


Weitere Infos siehe auch: http://www.oper.koeln


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