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Die spanische Stunde an der Oper Köln | Foto (C) Paul Leclaire

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Sind es Opern, Kinderopern, oder ist es Musiktheater? In der ersten Vorführung wird mehr gesprochen als gesungen. Danach wird ein Stück dargeboten, in dem die Figuren scheinbar dramatisch unmotiviert plötzlich wie in einem Traumbild oder einer Kindergeschichte auf und wieder abtreten. Mit Maurice Ravels Einaktern Die spanische Stunde und Das Kind und der Zauberspuk wählte der gebürtige Franzose François-Xavier Roth, Chefdirigent an der Oper Köln, eher selten aufgeführte französische Opern für das in der Ausweichspielstätte Staatenhaus vorgeführte Repertoire. Roth selbst stimmt auf einen ungewöhnlichen Abend ein, wenn er eine ganze Reihe von Metronomen auf der Brüstung des Orchestergrabens nacheinander zum Ticken bringt, bevor er beginnt das dahinter platzierte Gürzenich-Orchester zu dirigieren. Bald geht das ungleichmäßige Ticken in rhythmisches Spiel des Orchesters über.

Eine Uhr deutet sich auch auf der schräg gestellten Bühne an. Der eher schlicht und detailarm gehaltene, dunkle Raum lässt den Figuren viel Platz miteinander zu agieren. Der arglose und gutmütige Uhrmacher Torquemada wird von der Stadtverwaltung ins Rathaus abgerufen. Seine attraktive Frau Concepcíon (dt.: Empfängnis) verabredete während seiner Abwesenheit im Uhrmacherladen einen ihrer Liebhaber zu empfangen. Doch ein Kunde, Ramiro, möchte auf Torquemada warten und lässt sich mit seinem Anliegen nicht abwimmeln. Damit Concepcíon die Gunst der Stunde trotzdem nutzen kann, beschäftigt sie Ramiro und bittet ihn schwere Uhren in den ersten Stock zu tragen. Doch dann tauchen nacheinander gleich mehrere Liebhaber auf. Damit sie voneinander nichts mitbekommen, versteckt Concepcíon sie abwechselnd in den Uhren und bittet Ramiro, diese Uhren in den ersten Stock zu tragen. Die amourösen Verwicklungen in Die spanische Stunde erinnert an die klassische Commedia dell’arte. Leider verpuffen die Pointen jedoch recht schnell, etwa wenn sich die Liebhaber in überdimensionierte Wecker zwängen anstatt sich in den bei Ravel vorgegeben Standuhren zu verstecken. Auch in ihren Unzulänglichkeiten ähneln sich die um Concepcíons Gunst werbenden Liebhaber bald allzu sehr. Ravel legte sie ursprünglich als unterschiedliche Typen an – ein Schöngeist, ein Bankier, ein Maultiertreiber – in Béatrice Lachaussées Inszenierung fehlt es jedoch den Figuren an individueller Zeichnung. Wolllüstig erscheinen hier sowieso weder die herrische und mondäne Concepcíon noch ihre verkopften Liebhaber noch Ravels durchweg zart und verhalten gespielte Komposition. Es fehlt an einer ironisch-verspielteren, gewagteren und packenderen Umsetzung. Die gesanglichen Leistungen sind unauffällig, akkurat und solide, stechen jedoch vielleicht auch aufgrund der eher suboptimalen Akustik in Kölns Behelfsbühne gegenüber dem fein austarierten Orchesterklang nicht hervor. Gegen Ende erfrischt immerhin ein gemeinschaftlicher Gesang im Rhythmus einer Habanera. Hier beweist sich noch einmal Ravels Vorliebe für die musikalischen Klangfarben Spaniens; schuf er doch 1928 mit dem Boléro eine nicht nur legendäre, sondern auch urspanische Komposition.

Das Kind und der Zauberspuk erscheint von den Melodiebögen her deutlich eingängiger als Die spanische Stunde. Aufgrund der hier lebendiger gestalteten Figuren ist das zweite Stück des Abends auch dynamischer und temporeicher. Ein unartiges Kind wird von allerlei von ihm jüngst malträtierten Dingen und Lebewesen in einem Traum heimgesucht. Insbesondere die phantasievollen, mal abstrakt und mal naturalistisch gehaltenen, aufwändigen Kostüme von Nele Ellegiers fallen direkt ins Auge. Laubfrösche, Fledermäuse, Sessel, Teekannen, Kaminfeuer, Eulen und vieles mehr bevölkern bald die Bühne. Sie suchen das Kind heim, malträtieren und bedrängen es. Katzen miauen, ein Lehrer überfordert Kind und Publikum mit Zahlen und Rechenaufgaben und allerlei andere Figuren schillern und lugen hervor. Regina Richter mimt das Kind passend burschikos mit hellem, ausdrucksstarkem Sopran und jungenhafter Ausstrahlung. Unter den auftretenden Traumgestalten fällt außerdem noch die Koreanerin Dongmin Lee auf, die als zwitschernde Nachtigall, als Lieblingsprinzessin des Jungen und als aggressives Feuer mit hellstrahlendem Timbre in formschönen Koloraturen schwelgt. Das Orchester übt sich gekonnt in exotischen Verzierungen und feinen Jazz-Einsprengseln. Da weder die Unverfrorenheit des Kindes noch der daraus hervorgehende Spuk wirklich bedrohlich anmuten, bleibt auch diese Inszenierung Lachaussées recht brav und vor allem kinderfreundlich. Insgesamt vermag auch hier Ravels Klangpalette ausdrucksstark atmosphärisch farbenfroh und klanglich facettenreich zu leuchten.



Das Kind und der Zauberspuk an der Oper Köln | Foto (C) Paul Leclaire

Ansgar Skoda - 6. November 2016
ID 9668
Weitere Infos siehe auch: http://www.oper.koeln/


Post an Ansgar Skoda

http://www.ansgar-skoda.de



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