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Premierenkritik

Berliner

Winterreise mit

Migrations-

hintergrund



Get lost in November am Maxim Gorki Theater | (C) Esra Rotthoff

Bewertung:    



Die Tage werden wieder kürzer und das schmuddelige Novemberwetter schlägt einem aufs Gemüt. „Oh, it's a long, long while from May to December / But the days grow short when you reach September” heißt es im Septembersong von Maxwell Anderson, 1938 zur Musik des deutschen Komponisten und Emigranten Kurt Weill in New York geschrieben. „And the days dwindle down to a precious few / September, November...“ - und den haben wir ja nun schon ein paar schwindende Tage lang mit all seinen Widrigkeiten und herzlich wenigen Glücksmomenten. Zeit für Melancholiker also.

Bevor man sich jedoch gänzlich im Novemberblues verliert, sich seiner Trauer über das Ende der Volksbühne hingibt (oder was einen sonst noch so für Zipperlein plagen), kann man auch ins Gorki-Studie gehen und sich ansehen, wie zwei andere deutsche Meister des melancholischen Trübsinns und der inneren Einkehr ein Ensemble von 5 Performern mit Migrationshintergrund zu einer Neuinterpretation inspiriert haben. Die Produktion Get lost in November beschäftigt sich aus Sicht von aus den verschiedensten Gründen heimatlos Gewordener, die nun eine neue Heimat in Berlin suchen, mit dem weltbekannten Liederzyklus Winterreise, für den Franz Schubert im Jahr 1827 24 Gedichte des deutschen Romantikers Wilhelm Müller vertonte.

Nun ist die Winterreise ja eine der Bastionen des klassischen Liedgesangs und wird traditionell zumeist von einem Bariton mit Klavierbegleitung intoniert. Im Studio Я beginnt dann auch die im Iran geborene Schauspielerin Elmira Bahrami in glockenhellem Mezzo-Sopran das erste Lied des Zyklus („Fremd bin ich eingezogen...“) zur Begleitung des französischen Pianisten und Komponisten François Regis zu singen. Sie bricht aber mittendrin ab, denn das Lied kenne doch schließlich jeder. Wie um die erste Unsicherheit zu überbrücken, erzählt dann François Regis die Geschichte seines musikalischen Werdegangs in Paris und der Übersiedlung nach Berlin.

Und so sind es letztendlich die ganz persönlichen Geschichten der Performer, die hier den Rahmen für ihre Interpretation der Müller'schen Texte zu neuen Arrangements von Schuberts Kompositionen bilden. Als weiteres, großes Gesangs- und Performance-Talent erweist sich da der türkisch-stämmige Schauspieler Hasan Taşgın, der ein ums andere Mal seine orientalisch angehauchten Versionen von Liedern wie Gefrorne Tränen oder Einsamkeit anstimmt. Das ist arabeske Popmusik vom Feinsten, mit ihrem rhythmisch vibrierenden Herz-Schmerz-Sound, der aber nie sentimental verkitsch wirkt. Zusammen mit Elmira Bahrami gibt es zu den Nebensonnen sogar ein kleines Liebesduett.

Aber Einsamkeit und Tod lassen sich aus der Winterreise nicht ganz verbannen. Hasan Taşgın berichtet vom Einzug in seine neue Wohnung in Berlin mit einer fremdenfeindlichen „Nazi-Oma“ in der Nachbarschaft, die ihn schließlich ganz gerührt zu umsorgen beginnt, nachdem er der einsamen Frau eine kleine Geburtstagstorte geschenkt hatte. „Die unbarmherz’ge Schenke“ im Lied Das Wirtshaus ist hier eine Altberliner Eckkneipe, in der es keinen Platz für müde, fremde Wandrer gibt. Elmira Bahrami erzählt Kindheitserinnerungen und von der Sehnsucht eines alten Taxifahrers nach der Heimat, die immer auch da ist, wo man begraben wird. Zum Leiermann hören wir den ehemaligen Kämpfer einer iranischen Untergrundorganisation, der heute nur noch für seine Frau sterben würde.

Aus dem Stimmungstief zieht einen dann zwischenzeitlich wieder der aus einigen Gorki-Produktionen bekannte türkisch-deutsche Rapper Volkan T., der ansonsten im Hintergrund am Mischpult sampelt, scratch, oder Bağlama spielt und eine tolle Hip-Hop-Version mit eigenem Text zum Lied Der Wegweiser auf die Bühne legt. Der Videokünstler Guillaume Cailleau wirft dazu Bilder von Berliner Plätzen auf die mit weißen Kisten ausstaffierte Rückwand. Trotz depressiver Winterstimmung ist Weiß auch die Grundfarbe des Abends. Ein musikalischer Lichtblick im dunklen Monat November.



Nach der Premiere von Get lost in November am Berliner Maxim Gorki Theater | Foto (C) Stefan Bock

Stefan Bock - 7. November 2016
ID 9670
GET LOST IN NOVEMBER (Studio Я, 05.11.2016)
nach Franz Schuberts Vertonung von Wilhelm Müllers Gedichtzyklus Winterreise

Von und mit: Elmira Bahrami, Guillaume Cailleau, François Regis, Volkan T. und Hasan Taşgın
Videos: Guillaume Cailleau
Bühne und Kostüme: Shahrzad Rahmani
Dramaturgie: Necati Öziri
Premiere am Maxim Gorki Theater war 5. November 2016
Weitere Termine: 8., 9. 12. 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.gorki.de


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de

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