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nachDRUCK # 5

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Festival

Rückkehr alter
Gitarren-Helden



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A L‘ARME!, das Berliner Festival für improvisierte Musik und zeitgenössischen Jazz, hatte sich für seine Jubiläumsausgabe einiges vorgenommen. Erstmals gelang es nach 5 recht erfolgreichen Jahren auch, eine spartenübergreifende Förderung durch die Senatsverwaltung für Kultur und Europa zu ergattern. Mit dieser Geldspritze ist das Fortbestehen dieses kleinen aber innovativen Avantgarde-Festivals erstmal bis zur nächsten Ausgabe gesichert, und der Berliner Senat beweist neben dem etwas größer angelegten Pop-Kultur-Festival, das in drei Wochen folgen wird, seine Verantwortung auch für die Förderung und den Erhalt von Strukturen freier, alternativer Musikformen in der Stadt. Das hat das Festival sicher auch dem unermüdlichen Einsatz seines künstlerischen Leiters und A L’ARME!-Begründers Louis Rastig zu verdanken. Möge die Zusammenarbeit auf Dauer fruchten.

*

Nach einer ersten Lärmoffensive zur Eröffnung des 5. A L’ARME!-Festivals am Mittwoch im Berghain stand der Donnerstag im Radialsystem V wieder ganz im Zeichen der Improvisation. Der Abend begann mit einem recht minimalistischen Solokonzert der in Amsterdam lebenden slowenischen Pianistin Kaja Draksler. Sie gehört zu den derzeit gefragtesten ImprovisatorInnen der Avantgarde-Szene und war daher auch noch für einen Auftritt mit ihrem Kaja Draksler Octet am Samstag gebucht. Im quadrophonisch neu ausgerichteten Saal des Radialsystems überzeugte Draxler mit einer Darbietung ihres Könnens am eher klassischen Konzertinstrument, bei dem sie alle Spielarten der Klangerzeugung selbst mittels auf die Saiten des Flügels geworfener Metallstückchen atmosphärisch austestete.



Kaja Draksler | Foto (C) Beata Szparagowska


Gleich danach präsentierte der Berliner Schlagzeuger und SWR-Jazzpreisträger 2017 Christian Lillinger mit seinem dänisch-deutschen Ensemble-Projekt Dell/Brecht/Lillinger/Westergaard eine elektroakustische Weltpremiere für Schlagzeug, Vibraphon, Kontrabass und Live-electronics. Herbei wurden die von Schlagzeuger Christian Lillinger, Vibraphonisten Christian Dell und Bassist Jonas Westergaard gespielten Improvisationen durch die Live-Bearbeitung des Stuttgarter DJs Johannes Brecht verstärkt. Was Brecht hier mit den Klängen der drei Mitstreiter anstellte, ist zwar musikalisch gesehen nicht unbedingt ganz neu, verfehlte aber seine akustische Wirkung im Saal nicht.

Eine improvisatorische Meisterleistung gelang der jungen norwegischen Sängerin und Preisträgerin des Moldejazz/”Sparebank 1-Jazz Talent“-Preises 2016 Natalie Sandtorv mit ihrem neustes Projekt, dem New Roots Trio. Bei diesem auskomponierten Konzert für Stimme, präpariertes Klavier und Schlagzeug wurde sie von dem norwegischen Schlagzeuger Ole Mofjell und der griechischen Pianistin Zoe Efstathiou unterstützt, die wiederum als sogenannte Meisterin des präparierten Klaviers gilt. Bemerkenswert aber war vor allem das Können Ole Mofjells, der ähnlich wie Draxler und Efstathiou, alle erdenklichen Möglichkeiten der Klangerzeugung auf seinen Drums und Schellen nutzte, was Natalia Sandtorv elfengleichen Voice-Improvisationen bestens ergänzte.

Ein bombastisches orchestrales Konzerterlebnis stand zum Finale des Donnerstagabends in der Halle des Radialsystems auf dem Programm. Der New Yorker Trompeter und Komponist Nate Wooley hat für die Berlin-Premiere der 2015 in New York uraufgeführten fünften Edition seiner siebenteiligen Kompositionsserie Seven Storey Mountain ein 19-köpfiges Ensemble, bestehend aus bekannten SpitzenmusikerInnen der internationalen Avantgarde-Bewegung, zusammengestellt. Das Werk begann mit einem fanfarenartigen Auftakt der Bläsersektion und steigerte sich dann im Zusammenspiel von zwei Vibraphonen, Schlagzeugen und Streichern, der Vocal-Instrumentalistin Liz Allbee und der Trompete von Nate Wooley zu einem orchestralen Infernal aller beteiligten MusikerInnen. Nach etwa einer Stunde war das fünfte Lärm-Geschoss erklommen und der Abend klang mit fast meditativen Glockenschlägen als Zeichen der unaufhaltsamen Vergänglichkeit aus.



Nate Wooley mit Seven Storey Mountain | Foto (C) Stefan Bock


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Im Song Trends des deutschen Avantgarde-Pop-Duos Foyer Des Arts hieß es 1982 noch ironisch „Gitarrensolos erobern sich die Rockmusik zurück“. Bewahrheitet hat sich das u.a. mit Avantgarde-Musikern wie Caspar Brötzmann und Thurston Moore, die beide ihre Karriere in den 1980er Jahren begannen und nun zum widerholten Mal zum A L’ARME!-Festival eingeladen wurden. Nicht zuletzt würdigte man diese Tradition mit dem Auftritt eines weiteren Gitarren-Sets mit der niederländischen Punk-Legende The Ex, die das Festival am Samstagabend beendeten. Auch wenn Caspar Brötzmanns letzte eigene Platteneinspielung schon ein paar Jahre zurückliegt und der Extrem-Gitarrist nach mittlerweile 30 Jahren im Geschäft immer noch als Geheimtipp in der Szene gilt, war der eigentlich nie wirklich weg. Nach Projekten mit FM Einheit von den Einstürzenden Neubauten und den beiden Schweizer Musikern Michael Wertmüller und Marino Pliakas belebte Brötzmann nun mit dem italienischen E-Bassisten Massimo Pupillo und dem Schweizer Schlagzeuger Alexandre Babel die Dreierkonstellation seiner legendären Band Massaker wieder.

Den Freitagabend im Radialsystem eröffneten die drei Musiker mit der ersten öffentlichen Vorstellung ihrer neuen LP Alexandre Babel/ Massimo Pupillo/ Caspar Brötzmann: Live At Candybomber Studio Vol. I. Man kann also noch auf weitere Releases dieser rein instrumental eingespielten E-Gitarren-Improvisationen hoffen. Wer diese Art von Brachialbeschallung mag, wurde beim Konzert in der Halle nicht enttäuscht. Brötzmann ließ wieder seine nur selten abebbenden Gitarren-Lärmwellen fließen und wurde dabei von Babels treibenden Drums und Pupillos Bass, den der italienische Fusion- und Improvisationsspezialist noch über Live-electronics verstärkte, bestens unterstützt.

Weniger lärmig aber nicht minder intensiv war das Duett des US-amerikanischen Free-Jazz-Veteranen Joe McPhee mit dem norwegischen Schlagzeuger Paal Nilssen-Love in benachbarten Saal. Nur durch einige Spoken-Words-Darbietungen unterbrochen, ließ McPhee immer wieder seine Stimme mit und durch sein Saxophon aufheulen. Dabei assistierte ihm Nilsson Love an Drums Gongs und Rasseln.

Danach gehörte die kleine quadratische Bühne wieder dem nicht minder ambitionierten Nachwuchs. Der New Yorker Avantgarde-Schlagzeuger Chris Corsano, der am Donnerstag bereits beim „Seven Storey Mountain V“-Orchester an den Drums saß, präsentierte sein Projekt-Quartett Corsano/Lee/Abdelinour/Mayas, das neben ihm aus der koreanischen Noise-Cellistin Okkyung Lee, der Berliner Inside Piano-Virtuosin Magda Mayas und der französischen Alt-Saxofonistin Christine Abdelnour besteht. Ebenfalls ein Beitrag von spezieller, beeindruckender Improvisationskraft.



Corsano/Lee/Abdelinour/Mayas | Foto (C) Stefan Bock


Mit dem Ausruf „Rock‘n‘Roll!“ wurde der mittlerweile in London lebende Ex-Sonic-Youth-Mastermind Thurston Moore zu später Stunde in der gut gefüllten Halle des Radialsystems begrüßt. Hier stellte er dann auch sein neues Album Rock N Roll Consciousness vor. Nach dem Gitarren-Battle mit Caspar Brötzmann am Mittwoch im Berghain und nachdem dieser bereits furios vorgelegt hatte, war man gespannt, was Moore neues zu bieten hatte. Letztlich ähnelte der Auftritt der Thurston Moore Group doch sehr dem auf der letzten Pop-Kultur im Berliner Huxleys vor einem Jahr. Thurston Moore setzt da ganz auf Beständigkeit. Zu psychedelischen Videos mit konvulsierenden Sonnen, wechselnden Planetenkonstellationen und Magic Mushrooms legte Moore mit seiner Band seinen gewohnt bewusstseinserweiternden Gitarrensoundteppich aus, den man im Gegensatz zum Free Jazz fast schon melodiös nennen könnte. Dazwischen brandete aber immer wieder improvisierter Gitarrenlärm auf, der am Ende in einem fast zehnminütigen Feedback-Gewitter kulminierte. Der langjährige Erfolg und die fast frenetischen Zugabe-Rufe geben dem alten Avantgarde-Hasen aber durchaus Recht. Rock’n’Roll will never die. „Peace and Love“ wünschte der Meister zum Abschied.

Stefan Bock - 7. August 2017
ID 10180
Weitere Infos siehe auch: http://www.alarmefestival.de


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de



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