Rätselraten
und Liebestod
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Diego Godoy (als Calaf) in Turandot - an der Staatsoper Stuttgart, 2026 | Foto (C) Martin Sigmund
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Bewertung:
Das muss man sich immer wieder vor Augen oder vielmehr vor Ohren führen, wenn man verstehen will, was unter Ungleichzeitigkeit zu verstehen ist: Puccinis Turandot und Schönbergs Moses und Aron sind fast zur gleichen Zeit entstanden. Beide Opern blieben Fragmente, uraufgeführt erst nach dem Tod ihrer Komponisten.
Wie umgehen mit einem, noch dazu so häufig aufgeführten und scheinbar allgemein bekannten Fragment? Die Staatsoper Stuttgart kündigt ihre Entscheidung an und begründet sie:
"Wenn auch Puccini selbst den Schluss nicht mehr realisieren konnte, so schwebte ihm anscheinend eine Wirkung vor, die einer der populärsten und folgenreichsten Kompositionen des 19. Jahrhunderts ähnlich sein sollte: Auf einem der Skizzenblätter für das Finale notierte der Komponist den Vermerk 'poi Tristano – dann Tristan'. In der Stuttgarter Neuproduktion erklingt daher als Finale eine instrumentale Version von Isoldes Liebestod aus Richard Wagners Tristan und Isolde."
So geht es auch. Immerhin: keine Willkür. Aber auch verräterisch. Wenn eine Komposition von 1859 als Abschluss einer Oper von 1926 passt – siehe Ungleichzeitigkeit. Man stelle sich das letzte Kapitel von Fontanes Vor dem Sturm als Schluss von Kafkas Schloss vor.
Regie führte Anna-Sophie Mahler, die in Stuttgart bereits Die sieben Todsünden/Seven heavenly sins und Saint François d’Assise inszeniert hat. Chinoiserien spielen sich nur in der Musik ab. Visuell erinnert nichts mehr an das Setting, das Puccini von Carlo Gozzi übernommen hat. Die Geschichte von der eigensinnigen Prinzessin, die nur einen Freier erhören will, der ihre Rätsel lösen kann – der Rest wird geköpft wie die Heiratslustigen der Seeräuber-Jenny – , findet in einer undefinierbaren wüsten Gegend statt, mit Felsbroken ringsum und Fördertürmen im Hintergrund.(Bühne: Katrin Connan).
Eskortiert wird der Chor im überhöhten Hintergrund von Robotern in Hundegestalt. Dies ist nicht die erste Turandot, die auf Fritz Langs dystopischen Film Metropolis anspielt. Vereinfacht könnte man sagen: Anna-Sophie Mahler transferiert, mit Verweis auf verschiedene Dokumente, die Grausamkeit einer Figur, der Turandot, in eine Grausamkeit, eine „Erstarrung“ des globalen Zustands. Sie reduziert den Märchencharakter des Librettos zugunsten einer Welt-Anschauung.
In einer modernen Lesart wäre das Schicksal der chinesischen Prinzessin die Tragödie einer Frau, deren Stolz gebrochen wird wie der von Shakespeares gezähmter Widerspenstiger, und die ihre Unabhängigkeit und Selbstbestimmung verliert. Eine solche Interpretation unterläuft Anna-Sophie Mahler durch die Parallelisierung zu Isoldes Liebestod, die nur funktioniert, wenn man Turandots Bekehrung und ihre Liebe zu dem „unbekannten Prinzen“ ernst nimmt, oder – so ist es wohl gemeint – die aufopferungsbereite Liu zur eigentlichen Hauptfigur macht.
So interessant, in seiner Rätselhaftigkeit aber auch anfechtbar die Inszenierung ist, so grandios sind die Sängerinnen und Sänger, allen voran der chilenische Tenor Diego Godoy in der Rolle des Calaf, Esther Dierkes als Liu und die Polin Ewa Vesin in der schon an mehreren Häusern gesungenen Titelrolle der Turandot.
Der italienische Puccini-Spezialist Valerio Galli hatte das Staatsorchester fest im Griff und erhielt für seine kraftvolle, erstaunlich unsentimentale Interpretation reichlich Applaus. Überhaupt: musikalisch ist diese Turandot rundum im wörtlichen Sinne erstklassig. Sie muss sch vor keiner Konkurrenz verstecken.
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Turandot an der Staatsoper Stuttgart, 2026 | Foto (C) Martin Sigmund
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Thomas Rothschild – 8. Juni 2026 ID 15893
TURANDOT (Staatsoper Stuttgart, 07.06.2026)
Musikalische Leitung: Valerio Galli
Regie: Anna-Sophie Mahler
Bühne: Katrin Connan
Kostüme: Pascale Martin und Katrin Connan
Choreografie: Ivan Estegneev
Video: Georg Lendorff
Licht: Valentin Däumler
Chor & Kinderchor: Bernhard Moncado
Dramaturgie: Ingo Gerlach
Besetzung:
Turandot ... Ewa Vesin
Altoum ... Heinz Göhrig
Timur ... Adam Palka
Calaf ... Diego Godoy
Liu Esther ... Dierkes
Ping ... Shigeo Ishino
Pang ... Alberto Robert
Pong ... Joseph Tancredi
Mandarin ... Jaewoung Lee
Kinderchor der Staatsoper Stuttgart
Staatsopernchor Stuttgart
Staatsorchester Stuttgart
Premiere war am 7. Juni 2026.
Weitere Termine: 13., 26., 29.06./ 05., 08., 18.07.2026// 16., 19., 20., 28., 31.05./ 05.07.2027
Weitere Infos siehe auch: https://www.staatsoper-stuttgart.de
Post an Dr. Thomas Rothschild
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