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Premierenkritik

Gruseloper

THE SHINING von Paul Moravec am Staatstheater Regensburg


Bewertung:    



Die Kritik an den inflationär erstellten und publizierten Listen angeblich bester Bücher, Filme, Theateraufführungen etc. ist berechtigt. Die Mängel sind so offensichtlich, dass man sich nur darüber wundern kann, wie leichtgläubig die Mediennutzer darauf hereinfallen, solange das aber der Fall ist, wird es die Listen, ihre Korrespondenten und ihre Verbreiter geben. Die voraussehbaren Ergebnisse werden von den Agenturen gemeldet werden, als hätten sie einen Anspruch auf Objektivität, die schon daran scheitert, dass die „Juroren“ in der Regel, notgedrungen, nur einen Bruchteil dessen kennen, woraus sie das „Beste“ auswählen.

Da bei den üblichen Verfahren nur eine Chance hat, wer den meisten Beurteilern bekannt ist, darf es niemanden wundern, wenn man den immer gleichen Namen begegnet. Manchmal aber, man mag es kaum glauben, gibt es trotz allem Überraschungen, Momente der Hellsicht und des aufklärerischen Nonkonformismus.

Wer hätte vorausgesagt, dass das STAATSTHEATER REGENSBURG in der von den Meinungsführern in den Großstädten verachteten „Provinz“, nach dem Opernhaus Zürich, der Staatsoper Hannover, der Oper Dortmund, der Nationaloper Amsterdam und dem Brüssler Théâtre Royal de la Monnaie, den OPER! AWARD 2026 als bestes Opernhaus des Jahres 2025 bekommen würde? Da wurde einmal nicht gewürdigt, was eh schon lange Konsens ist, sondern ein ungewöhnlich origineller Spielplan, Entdeckerfreude und Risikobereitschaft. Vladimir Majakovskij beklagte nach der Oktoberrevolution:


"Mit Verwunderung beobachte ich, wie von den Bühnen der eroberten Theater 'Aidas' und 'Traviatas' mit allen möglichen Spaniern und Grafen erklingen, wie in den Versen, die von euch akzeptiert werden, die gleichen Rosen der herrschaftlichen Orangerien sind und wie eure Augen vor Bildern zerfließen, die die Großartigkeit der Vergangenheit darstellen."


Ein Jahrhundert später verzichtet man in Regensburg zwar nicht auf Alcina, Rigoletto und Madama Butterfly, aber ihnen stehen regelmäßig Werke gegenüber, die noch nie in Regensburg oder überhaupt irgendwo gezeigt wurden. Hier hat man das richtige Maß gefunden zwischen der Repertoirefaulheit vieler Opernhäuser und der Uraufführungshektik mancher Sprechtheater.

*

Die Anerkennung durch den OPER! AWARD konnte man in Regensburg nicht antizipieren, als man eine weitere Europäische Erstaufführung ankündigte, The Shining, uraufgeführt 2016 in Saint Paul, Minnesota, nach dem Roman von Stephen King, der auch als Film, wohl nicht zuletzt wegen Jack Nicholson, weltberühmt wurde. Regie führt der Intendant und Operndirektor Sebastian Ritschel, der maßgeblich für die nun preisgekrönte Ausrichtung der Regensburger Oper verantwortlich ist.

Paul Moravec ist kein Jüngling, den es erst zu entdecken gälte. 1954 in Buffalo geboren, hat er in den USA jede Menge Auszeichnungen, Stipendien und Universitätsstellen bekommen. Wenn sein Name bei uns so gut wie unbekannt ist, liegt das an einer Merkwürdigkeit, um nicht zu sagen: an einer Borniertheit der deutschen Musikrezeption. Dem unkritischen Übermaß der Unterwerfung unter das erpresserische nordamerikanische Angebot im Bereich der Unterhaltungs- und Popmusik steht eine Gleichgültigkeit und Ignoranz in Bezug zur sogenannten E-Musik aus den USA gegenüber. Mehr noch als für den Konzertsaal gilt das fürs Musiktheater. Während die Republik flächendeckend mit dem erbärmlichsten Musical-Schund überschwemmt wird, sind selbst die bekanntesten amerikanischen Opernkomponisten hierzulande eine exotische Rarität. Im kommenden Juni konkurrieren in Deutschland Premieren zweier amerikanischer Opern – von Jake Heggie und Laura Kaminsky, die Regensburg eben erst mit einer Europäischen Erstaufführung im Spielplan hatte – mit acht Verdis.

Vielleicht liegt das unter anderem an der Unbekümmertheit vieler Amerikaner, wenn es darum geht, was als zeitgemäß und was als überholt zu gelten hat. Auch Paul Moravec, wiewohl mit den Grundsätzen der atonalen Musik vertraut, scheut nicht vor Tonalität zurück und überschreitet gelegentlich ansatzweise die Grenzen zur U-Musik oder, anders ausgedrückt, zu einer Kompositionsweise, die für eine Mehrheit der Musikkonsumenten zugänglich ist. Damit folgt er eher der Tradition eines Kurt Weill als eines Schönberg. Das ist eine Feststellung, keine Bewertung. Was der Komponist HK Gruber einmal über Kurt Weill gesagt hat, gilt auch für Paul Moravec:


"Er hat seine Musik demonstrativ vereinfacht, hat die Tonalität immer weniger infrage gestellt, zugleich aber Mittel beibehalten, die Komplexität zu wahren. So gesehen war er damals sehr avantgardistisch, aber auch in Opposition zur Wiener Schule."


Fast wirkt es ein wenig komisch, wenn Moravec seine Oper, weil versöhnlich, auf einem Dreiklang enden lässt.

The Shining ist eine durchkomponierte Oper. Es gibt keine abgetrennten „Nummern“. Die Musik nähert sich der Melodie des Sprechens und unterstreicht den dialogischen Charakter des Librettos. Sie enthält keine Hits wie die szenischen Werke von Kurt Weill, obwohl eine Chorpassage verblüffend an Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny erinnert, aber sie überfordert den Hörer auch nicht. Sucht man nach Verwandtschaften, lassen die mystischen Elemente am ehesten an Benjamin Brittens The Turn of the Screw denken oder an George Benjamins vier Jahre vor The Shining uraufgeführte Oper Written on Skin.

Die häufigen Dialoge in Stephen Kings Roman kommen einer szenischen Adaption, in der es bekanntlich keinen Erzähler gibt, entgegen. Allerdings ist das Element des Horrors, das Erbe der Schauerliteratur, das bei King von zentraler Bedeutung ist, nicht gerade opernaffin. Die Musik, die ja nicht, wie im Film, nur im Hintergrund abläuft, widersetzt sich Horrorzutaten wie Plötzlichkeit und Schock. Die Opernklassiker wussten schon, warum sie das Melodrama dem Thriller vorzogen. Die Leiden der Frauen in La traviata oder La Bohème geben mehr her für Arien und süffige Melodien als – jenseits des Musicals – Nosferatu, Frankenstein oder King Kong.

Um die fast 500 Seiten des Romans in ein Bühnengeschehen von knapp zwei Stunden zu pressen, musste der Librettist Mark Campbell radikale Kürzungen vornehmen und eine strenge Auswahl von „Szenen“ treffen. Im Zentrum steht bei ihm wie bei Stephen King der Ort der Handlung, das Overlook-Hotel. Der geschlossene Raum ist ja ein literarisches Element, das Kriminalroman und Drama ohnedies gemeinsam haben, der Krimi zur Aufrechterhaltung der Spannung, das Drama wegen seiner Illusion des Hier und Jetzt, das für die Veränderung von Räumen und Diskontinuität der Zeit Pausen benötigt oder moderne, eigentlich theaterfremde Techniken wie Film und Video.

In der Regensburger Inszenierung ist denn das Bühnenbild von Sam Madwar das auffälligste Element. Mit einer Freude an den Möglichkeiten des Theaters, die selten geworden ist, nützt er Hub- und Drehbühne, die zusammen mit Videotricks und einer raffinierten Lichtregie die Fassade und die Innenräume des Hotels detailfreudig suggerieren.

Die Regie von Sebastian Ritschel verzichtet auf billige Effekte und zeigt vielmehr, höchst aktuell, den alltäglichen Wahnsinn, der sich hinter der Normalität der amerikanischen Familie (und der amerikanischen Politik, möchte man hinzufügen) verbirgt.

Den OPER! AWARD hat das Theater in erster Linie für seinen Spielplan erhalten, aber auch sängerisch kann es mit größeren Häusern und gegen die Vorurteile mancher Kritiker mithalten. Das Ensemble, allen voran der aus Bonn „ausgeliehene“ Carl Rumstadt mit seinem vollen Bariton als der „Ehemann und Vater“ Jack Torrance und Theodora Varga, die auch die Höhen noch kraftvoll und intonationssicher bewältigt, als dessen Ehefrau Wendy, überzeugt durchweg.

Das volle Haus und der lange Schlussapplaus fürs Ensemble und für den Komponisten und den Librettisten, die aus den USA angereist waren, widerlegen die hartnäckige Behauptung, dass man das, auch sichtlich ältere, Publikum mit zeitgenössischer Musik nicht erreichen könne. Es erhärtet sich der Verdacht, das solche Verdikte lediglich dazu dienen, Faulheit und Unkenntnis mancher Dramaturgen und Operndirektoren zu verschleiern.



V.l.n.r.: Carl Rumstadt (als Jack), Vitus Heumüller (als Danny) und Theodora Varga (als Wendy) in Paul Moravecs The Shining am Theater Regensburg
Foto (C) Marie Liebig; Bildquelle: staatstheater-regensburg.de

Thomas Rothschild - 10. Mai 2026
ID 15847
THE SHINING (Theater Regensburg, 09.05.2026)
Musik von Paul Moravec, Libretto von Mark Campbell

Musikalische Leitung: Stefan Veselka
Inszenierung: Sebastian Ritschel
Bühne: Sam Madwar
Kostüme: Barbara B. Blaschke
Videodesign: Sam Madwar
Licht: N.N.
Dramaturgie: Ronny Scholz
Besetzung:
Jack Torrance ... Carl Rumstadt
Wendy Torrance ... Theodora Varga
Danny Torrance ... Vitus Heumüller
Danny Torrance (Schatten) ... Luke Sebö
Dick Hallorann ... Aubrey Allicock
Stuart Ullmann ... Carlos Moreno Pelizari
Delbert Grady ... George Kounoupias
Bill Watson ... Konstantin Igl
Lloyd ... Carlos Moreno Pelizari
Mrs Massey ... Rahel Brede
Mrs Grady ... Sophie Bareis
u.v.a.
Premiere am Staatstheater Regensburg: 9. Mai 2026
Weitere Termine: 31.05./ 07., 13., 24., 27., 30.06./ 08., 11., 15.07.2026
Europäische Erstaufführung


Weitere Infos siehe auch: https://www.theaterregensburg.de


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