Es hörte und
hörte einfach
nicht auf
ORLANDO von Olga Neuwirth als deutsche Erstaufführung
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Orlando von Olga Neuwirth - an der Komischen Oper Berlin | Foto (C) Jan Windszus Photography
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Bewertung:
Der Produktionsaufwand schien enorm gewesen zu sein:
Um den 2019 an der Wiener Staatsoper uraufgeführten Orlando der österreichischen Komponistin Olga Neuwirth (57) als deutsche Erstaufführung stemmen zu können, hat die KOMISCHE OPER BERLIN zum Ende ihrer laufenden Spielzeit wahrlich nicht gekleckert, sondern richtig geklotzt! Johannes Kalitzke, der für Neue Musik über die Grenzen seiner Geburtsstadt Köln hinaus bekannte und ausgewiesene Spezialist vom Feinsten, war aufgeboten worden ihn einzustudieren und zu dirigieren; er war bereits für Neuwirths American Lulu (die zum Start der Barrie-Kosky-Ära am Hause in der Behrenstraße vor 14 Jahren erfolgreich uraufgeführt wurde) musikalisch verantwortlich.
Catherine Filloux verfasste das (wenn man den deusch-englischen Übertiteln kontinuierlich folgte) ziemlich zäh und umständlich sich mitteilende englischsprachige Libretto, und Neuwirth mischte da, lt. Beipackzettel, zusätzlich zu ihrem Komponierten kräftig mit.
Worum ging's?
"Der junge englische Adelige Orlando wird als Favorit der Königin Elisabeth I. mit Orden und Gütern beschenkt und altert fortan nicht mehr. Nach einem unerfüllten Liebesabenteuer mit der schönen Russin Sasha zieht Orlando sich zurück und beschließt, Dichter zu werden. Abermals enttäuscht, lässt sich Orlando als Botschafter in ein fernes Kriegsgebiet versetzen, wo er eines Tages aus einem tranceartigen Schlaf als Frau erwacht. Auf der Suche nach Freiheit schreitet Orlando durch Jahrhunderte der patriarchalischen Ordnung, erlebt barocke Dekadenz, viktorianische Moral, zahlreiche Kriege und den Anbruch des digitalen Zeitalters. Orlandos nichtbinäres Kind verkörpert die Idee der fließenden Identität und stellt schließlich jede Dualität infrage. Als Dichter:in schreibt Orlando gegen Simplifizierung und Populismus an und konfiguriert als Zeitreisende:r das Jetzt immer wieder neu." (Quelle: komische-oper-berlin.de)
Kommt Ihnen das [s.o.] irgendwie bekannt vor? Ja, natürlich:
Virginia Woolf (1882-1941) verfasste ihren Orlando-Roman vor hundert Jahren und widmete ihn der um zehn Jahre jüngeren Vita Sackvill-West, die sie 1922 kennenlernte und mit der sie drei darauffolgende Jahre lang eine romantisch-sexuelle Liebesbeziehung erlebte. Er gilt bis heute als queerer Bestseller, und den meisten (nicht nur Woolf-Fans) ist dann sicherlich auch noch der schöne Film von Sally Potter in Erinnerung, der die 444-jährige Lebensgeschichte des bzw. der vom Mann zur Frau Verwandelten in betörend schwelgerische Bilder nachzuvollziehen versuchte und das dank der damals schon alles überragenden Tilda Swinton mehr als konsequent cineastisch umzusetzen wusste. Und nicht nur dieses beides galt es jetzt für Neuwirth irgendwie zu toppen - aber wahrscheinlich ging ihr künstlerischer Verwirklungsanspruch dann doch in eine etwas andere Richtung, indem sie mit ihrer Librettistin halt versuchte die vorgegebenen Handlungen weiterzudenken oder weiterzuspinnen ohne womöglich zu ahnen, in welche Fallhöhen sie sich da begeben sollten; kurzum:
Es ist definitiv zu keiner "Steigerung" der literarischen Vorlage gekommen, und die überambitionierte Weiterführung und z.T. verheerende Verzettelung des zu be- und verhandelnden Woolf-Plots erzeugte umso verheerendere Überlängen und machte das Produkt - so wie ich das gestern Abend rezipiell durchleiden musste - zu einer Geduldsprobe ersten Ranges.
19 Bilder sprich Szenen galt es wahrzunehmen resp. zu verfolgen, und je mehr es sich gegen das (Stück-)Ende zubewegte, umso ungeduldiger und nicht mehr ganz so aufnahmefähig wurde ich, auch wirkte alles Fortlaufende irgendwie erwartbar (wenn man das Original oder den Film zuvor schon kannte), und die Spannung beim Sehen, Hören und Lesen (s. Übertitel) ließ mehr und mehr nach: Wann endete diese Geschichte bloß? was sollte ich mit ihr dann eigentlich beginnen? wieso ist sie nicht "besonderer" geworden als die beiden Vorlagen?
Auch sperrte ich mich gegen Neuwirths völlig uneingängige Musik, und alles, was dann so zu hören war, klang (und ich spreche ausnahmslos dann nur für mich) arg widerborstig, um nicht gar zu sagen: nervig.
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Orlando von Olga Neuwirth - an der Komischen Oper Berlin Foto (C) Jan Windszus Photography
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Inszeniert hatte die polnische Regisseurin Ewelina Marciniak, die Ausstattung besorgten ihre Landsleute Mirek Kaczmarek (Bühnenbild) und Julia Kornacka (Kostüme), die sehenswerte Choreografie oblag Agnieszka Kryst, und es wurde demnach viel und gut getanzt [alle Namen der Tänzerinnen und Tänzer, s. unten].
Als Orlando musste Ema Nikolovska drei Stunden inkl. Pause durchhalten, das tat sie mit bewundernswertem stimmlichen wie darstellerischen Einsatz.
Ihr sie stets begleitender Guardian-Engel fand im Countertenor Eric Jurenas adäquat Gestalt und Stimme.
Etwas undankbar die Aufgabe von Alma Sadé, die (als Narrator) ausschließlich nur per Sprechtext das Ganze zusammenzuhalten oder zu kommentieren hatte.
Auch gab es einen Orlandosohn bzw. eine Orlandotochter, angeblich völlig a-sexuell, der/ die durchaus imposant von Kevin(a) Taylor gesungen und gespielt wurde.
KOB-Star Günter Papendell war als Shelmerdine sowie Greene besetzt.
In weiteren nicht minder wichtigen (Neben-)Rollen: Karoline Gumos (unter anderem als Queen-Fossil im Krinolinekäfig), Ulrike Helzel (als Modesty) oder Anna Nekhames (als Sasha).
Chorsolisten & Orchester der Komischen Oper Berlin präsentierten sich in gewohnt professioneller Manier.
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Und Olga Neuwirth, die die deutsche Erstaufführung live miterleben wollte, heimste einen fast überschwänglichen Premierenbeifall, über den sie sich selbstredend freute, ein.
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Andre Sokolowski - 17. Mai 2026 ID 15859
ORLANDO (Schillertheater, 16.05.2026)
von Olga Neuwirth
Musikalische Leitung: Johannes Kalitzke
Inszenierung: Ewelina Marciniak
Bühnenbild: Mirek Kaczmarek
Kostüme: Julia Kornacka
Choreografie: Agnieszka Kryst
Dramaturgie: Sophie Jira
Chöre: David Cavelius
Kinderchorleitung: Dagmar Barbara Fiebach
Licht: Olaf Freese
Video: Natan Berkowicz
Tonmeister und Klangregie: Julien Aléonard
Sounddesign: Markus Noisternig
Besetzung:
Orlando ... Ema Nikolovska
Narrator ... Alma Sadé
Guardian Angel ... Eric Jurenas
Queen/Purity/Friend of Orlando's Child ... Karolina Gumos
Modesty ... Ulrike Helzel
Sasha/Chastity ... Anna Nekhames
Shelmerdine/Greene ... Günter Papendell
Dryden ... Andrew Harris
Addison ... Andrew Dickinson
Orlando's Child ... Kevin(a) Taylor
Putto ... Solisten des Tölzer Knabenchores
Officiant/ Doctor 1 ... Ivan Turšić
Pope/ Doctor 2 ... Tom Erik Lie
Duke/ Doctor 3 ... Stephanos Tsirakoglou
Tänzerinnen und Tänzer: Claudia Greco, Martina Borroni, Michael Fernandez, Rafał Matusiak, Mikołaj Karczewski und Anna Szopa (als Maus)
Lead-Sängerin ... Paulina Plucinski
Geräuschemacherinnen: Ana Paola Machicado Torres, Anna Gelyuk, Judith Isabella Schiller, Weronika Sierenberg, Tzu-Yin Lin und Dobromira Kur
Tänzer:innen: Sofia Pintzou, Daniel Daniela Ojeda Yrureta und Kai Chun Chuang
Kinderchor der Komischen Oper Berlin
Chorsolisten der Komischen Oper Berlin
Orchester der Komischen Oper Berlin
UA an der Wiener Staatsoper: 8. Dezember 2019
DEA an der Komischen Oper Berlin: 16. Mai 2026
Weitere Termine: 21., 24., 27., 31.05./ 06.06.2026
Weitere Infos siehe auch: https://www.komische-oper-berlin.de
https://www.andre-sokolowski.de
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