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Premierenkritik

Meistersinger

mit Todesfuge



Die Meistersinger von Nürnberg an der Staatsoper Stuttgart, 2026 | Foto (Detail): Matthias Baus

Bewertung:    



Zuletzt waren Die Meistersinger von Nürnberg hier vor fast 23 Jahren in der Regie von Hans Neuenfels zu sehen. Jetzt hat Elisabeth Stöppler an der Staatsoper Stuttgart einen neuen Versuch unternommen, und alle waren sie da, an jenem Ort, der seinen Ruf als „Winter-Bayreuth“ längst verloren hat.

Die Inszenierung hat ihre Logik, die allerdings eher eklektisch als mit einem großen konzeptionellen Entwurf daher kommt. Im ersten Akt, in dem eigentlich nichts passiert, teilt die Regisseurin den Chorsängern, auch wenn sie nur stumme Statisten sind, sorgfältig Gesten zu, die das Bild in Bewegung halten. Beckmessers Solo mit "Den Tag seh' ich erscheinen" am Ende des zweiten Akts gipfelt in einer eher wie ein italienischer Karneval anmutenden Johannisnacht. Das alles findet nicht im Mittelalter und nicht in der Epoche zwischen 1848 und 1871, die Richard Wagner geprägt hat, statt, sondern in einer poetisch angereicherten Gegenwart.

Hans Sachs scheint in einer klinisch weißen „Irrenanstalt“ zu dichten, Schuhe zu hämmern und Fäden zu ziehen. Stefan Herheim ließ 2013 in Salzburg die ganzen Meistersinger von Nürnberg als den größenwahnsinnigen Traum eines zum Beckmesser gewandelten Hans Sachs in der Gestalt des Deutschen Michel erscheinen. So ähnlich scheint sich Elisabeth Stöppler vom Chauvinismus des Librettos distanzieren zu wollen, nach der Lehre des Hans Sachs: „All' Dichtkunst und Poeterei/ ist nichts als Wahrtraumdeuterei.“

Die Frage, ob Sixtus Beckmesser die Karikatur eines Juden sei und Wagners Oper Ausdruck seines belegten Antisemitismus, die in der Publikation der gewiss wagnerloyalen Bayreuther Festspiele zu Barrie Koskys Inszenierung immerhin ausführlich und differenziert diskutiert wird, spielt in Stuttgart keine Rolle. Und es gibt durchaus erwägenswerte Argumente, dass allzu oft wiederholte Vorwürfe, nicht nur gegen Antisemiten, seien sie noch so berechtigt, auf die Dauer ermüden und im schlimmsten Fall das Gegenteil dessen bewirken, was sie anstreben. Es gibt jede Menge Statistiken über die Verbreitung antisemitischer Einstellungen, zu Lebzeiten Wagners und heute, aber kaum eine Untersuchung, wie viele überzeugte Antisemiten durch Lektionen und wohlmeinende Appelle ihre Ansichten geändert haben. Vermutlich wollen die professionellen Antisemitismusbeauftragten das auch gar nicht so genau wissen. Zumal bei Wagner die Qualitäten seines Werks der Verdrängung, der Überwindung von kognitiver Dissonanz und der Sekundärrationalisierung gute Dienste leisten.

Aber den dritten Akt eröffnet der Darsteller des Hans Sachs unvermittelt mit Paul Celans Todesfuge. Das wird prompt mit lautstarken Buhs aus dem Publikum quittiert. Wie soll man die verstehen? Was wollen uns ihre Produzenten sagen? Dass das berühmte Gedicht nicht in eine Wagner-Oper gehöre? Dass es schlecht vorgetragen werde? Dass sie, die Buhrufer, über Celans Klage ähnlich denken wie die nationalsozialistischen Bewunderer Wagners? Ihnen jedenfalls antwortete demonstrativer Applaus und anhaltender Jubel am Ende der Vorstellung.

Die verklärende Apotheose, die sich Richard Wagner ausgedacht hat, ersetzt die Stuttgarter Inszenierung durch eine Mischung aus Voodoo und Leni Riefenstahl. Ein Kinderwagen, der schon zuvor wiederholt über die Bühne geschoben wurde, geht in Flammen auf. Wir kehrten beruhigter heim, wenn wir erführen, wer oder was darin lag. Wir Heutige wissen, was aus dem Nationalismus, den das Schlussplädoyer des Hans Sachs verkündet und der vor der Gründung des Deutschen Reichs noch einen anderen Stellenwert hatte, im 20. Jahrhundert geworden ist. Aber reicht ein Kinderwagen als Metapher? Für uns und für die Buhrufer?

Nicht überraschend, aber immer wieder erfreulich die hohe Qualität des Staatsorchesters unter der Leitung von Cornelius Meister, der kurz vor seinem Abschied aus Stuttgart einmal mehr seine kluge Lektüre von Partituren beweist. Er dirigiert die Meistersinger vorurteilsfrei leicht, spielerisch, pompös allenfalls mit einer ironischen Brechung.

Sängerisch ist die Besetzung durchweg erstklassig, mit Martin Gantner, Daniel Behle und Björn Bürger in den Paraderollen des Hans Sachs, des Walther von Stolzing und des Sixtus Beckmesser, aber auch in allen anderen kleineren und größeren Rollen.

Wer erinnert sich an die Zeiten, als die Theaterprogramme neben einem Besetzungszettel in erster Linie Werbung für Herrenhüte oder Modeschmuck auf Hochglanzpapier waren. Heute sind sie oft veritable bibliophile Schätze, die unsubventioniert niemals für diesen Preis auf den Markt kämen. So auch bei den Stuttgarter Meistersingern. Wer käme ohne das Programmheft auf die Idee, skurrile Vögel am Rande des Chors mit Walther von der Vogelweide in Verbindung zu bringen? Erinnern wir daran, solange die Begleitpublikationen nicht die ersten Opfer der Sparmaßnahmen im Kulturbereich wurden.




Die Meistersinger von Nürnberg an der Staatsoper Stuttgart, 2026 | Foto (C) Matthias Baus

Thomas Rothschild - 8. Februar 2026
ID 15684
DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG (Staatsoper Stuttgart, 07.02.2026)
Musikalische Leitung: Cornelius Meister
Regie: Elisabeth Stöppler
Bühne: Valentin Köhler
Kostüme: Gesine Völlm
Licht: Elana Siberski
Chor: Manuel Pujol
Dramaturgie: Ingo Gerlach
Besetzung:
Hans Sachs ... Martin Gantner
Veit Pogner ... David Steffens
Kunz Vogelgesang ... Torsten Hofmann
Konrad Nachtigal ... Shigeo Ishino
Sixtus Beckmesser ... Björn Bürger
Fritz Kothner ... Paweł Konik
Balthasar Zorn ... Heinz Göhrig
Ulrich Eisslinger ... Dominic Große
Augustin Moser ... Sam Harris
Hermann Ortel ... Stephan Bootz
Hans Schwarz ... Franz Hawlata
Hans Foltz ... Torben Jürgens
Walther von Stolzing ... Daniel Behle
David ... Kai Kluge
Eva ... Esther Dierkes
Magdalene ... Maria Theresa Ullrich
Nachtwächter ... Michael Nagl
Staatsopernchor Stuttgart
Staatsorchester Stuttgart
Premiere war am 7. Februar 2026.
Weitere Termine: 15.02./ 01., 08., 14., 22.03.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.staatsoper-stuttgart.de


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