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Premierenkritik

Ehrenrettung

für Lucia



Lucia di Lammermoor an der Staatsoper Stuttgart | Foto (Detail): Martin Sigmund

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Die letzte Inszenierung von Donizettis Lucia di Lammermoor an der STAATSOOPER STUTTGART hatte vor 17 Jahren Premiere. Sie stand ziemlich am Anfang der Karriere von Ana Durlovski. Diesmal verzichtete man auf einen eigenen Entwurf und kopierte Katie Mitchells Inszenierung, die 2016 in London am Royal Opera House Covent Garden das Licht der Welt erblickt hat und dort 2024 wiederaufgenommen wurde, mit einem eigenen Ensemble, versteht sich. Mit der Titelrolle, die in London Diana Damrau und dann Nadine Sierra sang, gibt die Amerikanerin Chelsea Lehnea ihr Stuttgarter Debüt. Am Dirigentenpult steht der Ukrainer Andriy Yurkevych, der in Stuttgart mit italienischen Opern hervorgetreten ist.

Lucia di Lammermoor ist wahrscheinlich die bekannteste Wahnsinnige, die Wahnsinnsszene eine der beliebtesten Szenen der Operngeschichte. Katie Mitchell schließt sich der nicht ganz unmodischen Auffassung an, dass sie, wie alle Thematisierungen von Defiziten weiblicher Protagonistinnen in den Künsten, frauenfeindlich sei, und bemüht sich um eine „Rehabilitation“ der Figur. Ob, was man heute nicht mehr Wahnsinn nennt, sondern euphemistisch umschreibt, durch schuldhaftes Handeln ausgelöst wird wie bei Lady Macbeth oder (durch einen Mann) fremdverschuldet ist wie bei Ophelia, spielt da keine Rolle. Das Problem besteht darin, dass Donizetti den Wahnsinn komponiert hat. Man kann ihn nicht durch die Inszenierung wegeskamotieren, ohne einen Widerspruch zu erzeugen. Lucia di Lammermoor ist das Opfer einer Intrige. Die Darstellung ihres Wahnsinns ist nicht frauenfeindlicher als bei Medea. Sie ist, im Gegenteil, eine Anklage der Frauenfeinde.

Von der britischen Kritik wurde Katie Mitchells feministische Umdeutung kontrovers kommentiert. Das jedenfalls hat sie erreicht: dass ein Repertoirestück, von dem man keine Überraschung erwartet hatte, die englischen Gemüter erregte. Zur Illustration sei Fiona Maddocks vom Guardian zitiert:


"The action was no more explicit than plenty you see on the operatic stage. Despite endless undressing, no one ended up naked. The sex was suggestive rather than too literal, though if I see one more couple humping in time to the orchestra I will reach for a rosary. It’s the oldest cliche in the book. Please think of another." (dt.: "Die Aktion war nicht expliziter als vieles, was man auf der Opernbühne sieht. Ungeachtet endloser Entkleidung, endete niemand nackt. Der Sex war eher zu suggestiv als zu wörtlich, obwohl, wenn ich noch ein Paar sehe, das synchron mit dem Orchester bumst, werde ich nach einem Rosenkranz greifen. Es ist das älteste Klischee der Welt. Bitte denken Sie sich ein anderes aus.")


Katie Mitchell hat die von Walter Scott entlehnte Handlung in das düstere Milieu einer Gothic Novel verlegt. Die Bühne ist, wie im Kino der Split Screen, in zwei Hälften geteilt. In der einen Hälfte sieht und hört man, was das Libretto vorschreibt, in der anderen sieht man die Ergänzungen, mit denen die Regisseurin die vertrauten Vorgänge kommentiert. Bleibt die Frage, ob es etwas beiträgt zum Verständnis der Lucia, wenn ihr Mord an Bucklaw auf der Bühne zu sehen ist und nicht, wie schon die Morde im antiken Drama, verborgen auf der Hinterbühne, in der Szene stattfindet

Gesanglich hat die Stuttgarter Oper mit dieser Inszenierung einen neuen Höhepunkt erreicht, nicht nur mit Chelsea Lehnea, die die Koloraturen – ein traditionelles Mittel zur musikalischen Darstellung von Wahnsinn – und die Ansprüche des Spitzentons mühelos bewältigt, sondern mit jeder einzelnen Rolle inklusive Kai Kluge, der bei der Premiere für Paul Lungu als Edgardo einspringen musste. Es gab reichlich Szenenapplaus, wie in guten alten Tagen.

Der Dirigent trieb das Staatsorchester Stuttgart zu dramatischer Höchstleistung an. Werk und Interpretation trafen sich da auf dem Niveau der besten Opern Giuseppe Verdis.



Lucia di Lammermoor an der Staatsoper Stuttgart | Foto (C) Martin Sigmund

Thomas Rothschild - 4. Oktober 2026
ID 16073
LUCIA DI LAMMERMOOR (Staatsoper Stuttgart, 03.10.2026)
Musikalische Leitung: Andriy Yurkevych
Regie: Katie Mitchell
Mitarbeit Regie/szen. Einstudierung: Robin Tebbutt
Bühne & Kostüme: Vicki Mortimer
Choreografie: Joseph Alford
Licht: Jon Clark
Dramaturgie: Johanna Mangold
Chor: Bernhard Moncado
Besetzung:
Lucia ... Chelsea Lehnea
Edgardo ... Kai Kluge (für Paul Lungo)
Enrico ... Johannes Kammler
Arturo ... Charles Sy
Raimondo ... Adam Palka
Alisa ... Laura Orueta
Normanno ... Alberto Robert
Staatsopernchor Stuttgart
Staatsorchester Stuttgart
Premiere war am 3. Oktober 2026
Weitere Termine: 09., 11., 15., 18., 20., 23.10./ 01.11.2026
Eine Produktion der Royal Ballet and Opera Covent Garden, London


Weitere Infos siehe auch: https://www.staatsoper-stuttgart.de


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