Lear im
Hangar 4
|
Lear von Aribert Reimann - an der Komischen Oper Berlin 2026 | Foto: Monika Rittershaus
|
Bewertung:
Ich war vor 43 Jahren in der Premiere der DDR-Erstaufführung von Aribert Reimanns zweiaktiger Oper Lear (an der KOB), und das, was Harry Kupfer damals zeigte und von Hartmut Haenchen dirigiert wurde, war markerschütternd; ein Meilenstein in der Geschichte des 1947 von Walter Felsenstein gegründeten Opernhauses in der Behrenstraße. (Die 1978er Uraufführung im Nationaltheater München mit Fischer-Dieskau in der Titelrolle verfolgte ich damals im Westfernsehen, und allein das haute mich bereits fast um; wahrscheinlich war das die Initialzündung, weswegen ich Lear fünf Jahre später unbedingt in der Hauptstadt live erleben wollte.)
Nicht auszuschließen, dass diesen Ost-Lear womöglich auch Hans Neuenfels seinerzeit sah und hörte; jedenfalls inszenierte er 2009 das Werk am selben Haus, und dort wurde es insgesamt elfmal in zwei Aufführungsserien (2009, 2011) gespielt.
Aller guten Dinge sind drei:
Jetzt also der hochambitionierte Experimentalanschlag von Barrie Kosky; er "transportierte" das Stück in den riesigen Hangar 4 vom ehemaligen Flughafen Tempelhof, wo alljährlich zur Saisoneröffnung der Komischen Oper Berlin die spektakuläre Großform gepflegt und gehegt wird.
Worum geht's?
"König Lear schleppt sich dem Tod entgegen. Sein Reich will er unter seinen drei Töchtern aufteilen, wobei jene den größten Teil erhalten soll, die den Vater am meisten liebt. Während Goneril und Regan einander in Liebesschwüren übertrumpfen, kämpft Cordelia, die jüngste, nicht um ihren Anteil. Sie, die den Vater ehrlich liebt, verweigert den Wettstreit und trifft ihn gerade damit schwer.
Lear verstößt seine Lieblingstochter. Ohne Mitgift verheiratet er Cordelia an den König von Frankreich, der wenig später Lears Lande überfallen wird. Kaum ist das Reich geteilt, verbünden sich Goneril und Regan auch schon in offener Verachtung für den greisen Vater. Begleitet nur von seinem Narren, irrt der alte König nachts auf offenem Feld durch Regen und Sturm…"
(Quelle: komische-oper-berlin.de)
*
Die Bühne von Rebecca Ringst besteht aus einer irrwitzig großen quadratischen Auftrittsfläche aus zig hellen Sperrholzelementen, auf der sie gelegentlich einen etwas mehr als wadenhohen dunklen Steg hin und her bewegen lässt, der seinerseits als zusätzliche Auftrittsfläche [s. Foto unten] zu dienen hat. Das Riesenquadrat wird eingerahmt durch zwei bzw. drei sich gegenüber befindliche Tribünen für das groß aufgebotene Orchester der Komischen Oper Berlin sowie dessen doppelte Schlagzeugbatterien, welche wiederum auf den zwei dreistöckigen Einzeltribünen bzw. -türmen postiert sind - und den ebenfalls je gegenüber befindlichen Zuschauertribünen für insgesamt zirka 1.800 Plätze.
Sitzt man, so wie ich, etwas erhöhter und entfernter als der übrige Teil des Publikums, existiert eine beträchtliche Distanz zum Aktionsquadrat, auf dem sich die gesamte Handlung überwiegend abspielt - manchmal agieren einzelne Protagonisten auch von den beiden Schlagzeugtürmen aus. Es fehlt also, und zwar sehr deutlich, eine gewisse Nähe, die das Ganze menschlich beobacht- und sodurch natürlich besser nachvollziebar hätte machen können; ohne diese optische "Greifbarkeit" wirkt es allzu schemen- und schablonenhaft.
Reimanns Musik ist von einer überwiegend zügellosen Expressivität und emotionalen Aufgepeitschtheit geprägt, und diese fast schon pausenlosen Zuspitzungen lassen im Verlauf des zweieinhalbstündigen Abends (es sind auch mehrere Fluktuationen aus dem Publikum zu beobachten gewesen) erst weit nach Stückhälfte einigermaßen nach - und insbesondere den Schluss der Oper, bei dem der von allen nunmehr gänzliche verlassene demenz- und wahrscheinlich auch geisteskranke Greis den Tod seiner jüngsten Tochter Cordelia (sensationell: Penny Sofroniadou) beklagt und peu à peu ins Dahinsiechen gerät, hat Reimann mit an orchestraler Schönheit (Streicher!) und zeitlicher Ausdehnung nicht gespart habenden Klängen versehen, dass es vielleicht als die grandioseste Agonie, die jemals komponiert wurde, bezeichnet werden könnte.
Scott Hendricks spielt und singt die Titelrolle - permanent an seiner Seite: Dagmar Manzel, die nunmehr auch mit einer reinen Sprechrolle (als Lears Narr) in einer weiteren Kosky-Inszenierung brilliert.
Die zwei "bösen" Lear-Töchter werden von Rosie Aldridge (als Goneril) und Nicole Chevalier (als Regan), sich in ihrer jeweiligen Aasigkeit gegenseitig überbietend, vorgeführt; wohl denen, die mit derartigen Traumpartien eingedeckt würden, ein Glücksfall für das hochdramatische Fach.
Der nebenkriegsschauplatzige Bruderkonflikt zwischen Edgar (Aryeh Nussbaum Cohen) und Edmund (Brenton Ryan) wird zum Vorteil des Erstgenannten gelöst - warum dieser allerdings, ehe er sich vor dem intriganten Halbblutsverwandten quasi demaskiert, von Kosky als optisch nervende Dauer-Transe (Kostüme: Klaus Bruns) karikiert wird, bleibt ein Rätsel.
Eine der undankbarsten Aufgaben in dem Lear muss Günter Papendell (als Graf von Gloster) über sich ergehen lassen, seiner Figur werden nämlich bei lebendigem Leibe die Augen ausgestochen, und zwar von Edmund das eine und von Regan das andere; die Chevalier gerät in dieser Horrorszene in eine für sie erwartbar schönste Rage, indem sie diesen Horrorakt noch dahingehend steigert, dass sie dem armen Papendell (andeutungsweise freilich nur, wohl gemerkt) das letzt Auge auszutscht und es voller Ekel ausspuckt: Wohl bekomm's!
Das Vocalconsort Berlin und die Chorsolisten der Komischen Oper Berlin (Einstudierung: David Cavelius) sind professionell zur Stelle, wenn Reimann sie in seiner Partitur braucht.
Nocholas Carter (der neue GMD der Staatsoper Stuttgart) hat dirigiert!!
|
Scott Hendricks als Lear von Aribert Reimann - an der Komischen Oper Berlin 2026 Foto: Monika Rittershaus
|
Andre Sokolowski - 17. September 2026 ID 16043
LEAR (Flughafen Tempelhof, Hangar 4 - 16.09.2026)
von Aribert Reimann
Musikalische Leitung: Nicholas Carter
Inszenierung: Barrie Kosky
Bühnenbild: Rebecca Ringst
Kostüme: Klaus Bruns
Dramaturgie: Sophie Jira
Chöre: David Cavelius
Licht: Olaf Freese
Sounddesign: Holger Schwark
Besetzung:
König Lear ... Scott Hendricks
König von Frankreich ... Dimitry Ivashchenko
Herzog von Albany ... Philipp Meierhöfer
Herzog von Cornwall ... Johannes Dunz
Graf von Kent ... Ivan Turšić
Graf von Gloster ... Günter Papendell
Edgar ... Aryeh Nussbaum Cohen
Edmund ... Brenton Ryan
Goneril ... Rosie Aldridge
Regan ... Nicole Chevalier
Cordelia ... Penny Sofroniadou
Narr ... Dagmar Manzel
Bedienter ... Philipp Schreyer
Komparserie
Vocalconsort Berlin
Chorsolisten der Komischen Oper Berlin
Orchester der Komischen Oper Berlin
Premiere an der Komischen Oper Berlin: 16. September 2026
Weitere Termine: 22., 24., 26., 29.09./ 01., 03.10.2026
Weitere Infos siehe auch: https://www.komische-oper-berlin.de
https://www.andre-sokolowski.de
Ballett | Performance | Tanztheater
Konzerte
Musiktheater
Neue Musik
Rosinenpicken
Hat Ihnen der Beitrag gefallen?
Unterstützen auch Sie KULTURA-EXTRA!
Vielen Dank.
|
|
|
Anzeigen:
Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN
Rothschilds Kolumnen
BALLETT | PERFORMANCE | TANZTHEATER
BAYREUTHER FESTSPIELE
CD / DVD
KONZERTKRITIKEN
LEUTE
MUSIKFEST BERLIN
NEUE MUSIK
PREMIERENKRITIKEN
ROSINENPICKEN
Glossen von Andre Sokolowski
RUHRTRIENNALE
SALZBURGER FESTSPIELE
= nicht zu toppen
= schon gut
= geht so
= na ja
= katastrophal
|