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Christophe Dumax als Giulio Cesare von Händel an der Deutschen Oper Berlin Foto (Detail): Nancy Jesse
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Bewertung:
Von den drei Berliner Opernhäusern ist die DEUTSCHE OPER BERLIN diejenige, die bisher die allerwenigsten Werke des Barock in ihr Repertoire verankerte, und nach einem Händel musste/ muss man daher lange suchen - selbst die für "Nachforschungszwecke" jeder Art mitunter brauchbaren KI-Tools auf meinem Rechner schienen diesbezüglich kläglich zu versagen, heißt: Es gibt dort keine nachprüfbaren Jahreszahlen, die das historisch belegen würden, und so lag das höchstwahrscheinlich zig Jahrzehnte zurück, dass irgendwann mal Probegesänge für 'ne Händel-Oper bis zur Richard-Wagner-Straße hinaus hätten gehört werden können (das Haus versteht sich halt in erster Linie als großartige Hüterin insbesondere des Wagner'schen Bayreuther Kanons inkl. Rienzi, aber auch als hochprofessionelle Dauerpflegerin jeglicher restlicher Romantik oder Spätromantik: Verdi, Strauss etc. pp.)...
Seit dem vergangenen Wochenende hat sich das geändert, und ich wurde Ohren- als wie Augenzeuge einer atemberaubend gut gesungenen und musizierten als wie glückvoll inszenierten Übernahmne-Produktion aus Glyndebourne:
Händels Giulio Cesare in Egitto hatte Premiere, und der Saal tobte hinterher; mehr als viereinhalb Stunden inkl. zweier Pausen dauerte das alles, und die Zeit verging doch gleichsam wie im Flug!
"Tiefste moralische Entrüstung steht direkt neben strategisch eingesetzter Koketterie, die Verzweiflung von schutzlosen Flüchtlingen ist verstrickt in das Ränkespiel der Mächtigen – wohl keine Oper des Barock bietet ein derart weites Spektrum menschlicher Emotionen und Verhaltensweisen wie Händels 1724 in London uraufgeführter Giulio Cesare in Egitto. Schon zu Lebzeiten Händels einer seiner größten Erfolge, ist das Stück über die Liebe zwischen dem alternden römischen Feldherrn Julius Cäsar und der jungen Pharaonin Cleopatra bis heute die meistgespielte Händeloper. Das liegt nicht nur daran, dass die zugrunde liegende Geschichte eine der bekanntesten historischen Lovestorys überhaupt ist und von Shakespeare über Liz Taylor und Richard Burton bis zuAsterix und Cleopatra immer neue Ausschmückungen erfahren hat, sondern auch am raffinierten Libretto, das Händel zu einer ganzen Reihe von Arien-Hits und überaus einprägsamen Figurenporträts inspirierte. Denn neben dem römisch-ägyptischen Liebespaar Cäsar und Cleopatra ist in Giulio Cesare in Egitto ein zweites Figurenpaar präsent, bei dem es nicht ums Flirten geht, sondern um das blanke Überleben: Cornelia, die Witwe des ermordeten Caesar-Widersachers Pompeius, und ihr Sohn Sesto, die in Ägypten Schutz gesucht haben, aber dort zum Spielball des Machtkampfes zwischen Cleopatra und ihrem Bruder Tolomeo werden." (Quelle: deutscheoperberlin.de)
Das mit der Handlung [s.o.] hätten wir dann also schon einmal geklärt.
In Glyndebourne vor knapp einem Jahr war kein Geringerer als William Christie für das musikalisch Aufzuführende zuständig, er leitete das in puncto historische Aufführungspraxis allzu vertraute Orchestra of the Age of Enlightenment; und ich vermute, dass sie dort ihren Händel stilechter denn je zu Gehör gebracht haben sollten.
Etwas anders gestaltete es sich jetzt im hoch gefahrenen Orchestergraben der DOB: Hier saßen die (in puncto historische Aufführungspraxis kaum erfahrenen) Musikerinnen und Musiker des hauseigenen Orchesters der Deutschen Oper Berlin und genossen das Privileg und sichtbar auch die Freude mit Alessandro Quarta am Dirigentenpult ihren Giulio Cesare einstudiert und dirigiert bekommen zu haben.
"Der italienische Dirigent Alessandro Quarta ist Leiter und Gründer des Vokal- und Instrumentalensembles Concerto Romano, das sich dem italienischen und römischen Repertoire des 16., 17. und 18. Jahrhunderts widmet. [...] Seit 2019 ist er Dozent für Ensemblemusik am Fachbereich Alte Musik des Konservatoriums E. F. Dall’Abaco in Verona und hat mit der HfK Bremen und der HMT Köln zusammengearbeitet. Seit 2007 unterrichtet er bei den internationalen Kursen für Alte Musik in Urbino der FIMA (Fondazione Italiana per la Musica Antica) und ist seit 2018 künstlerischer Leiter des Internationalen Festivals Urbino Musica Antica. Seit 2022 ist er Präsident der Fondazione Italiana per la Musica Antica." (Quelle: dto.)
Dass die Instrumentalgruppe des sog. Basso Continuo (mit Violincello, Theorben und Cembalo) weder auf dem Besetzungszettel noch auf der Website eine namentliche Erwähnung fand, erachte ich dann schon als armutszeugnishaft; auch die Namen der bei einigen Arien sensationell hervorstechenden Solo-Instrumentalistinnen und -instrumentalisten hätten genannt sein sollen - der Quarta hieß beim Schlussapplaus dann extra den Hornisten (!) sich von seinem Platz erheben, damit der Beifallsorkan auch ihn, also besonders ihn, erreichte.
Sängerisch brillierte die Aufführung in erster Linie durch das Protagonistenpaar mit dem erstaunlich hoch geratenen und mit seinen extraordinären Koloraturen kaum zu toppenden Countertenor Christophe Dumaux (in der Titelrolle) sowie der stimmlich UND schauspielerisch kaum zu bändigenden Elena Tsallagova (als Cleopatra) - letztere legte schon als Zdenko/ Zdenka in Tobias Kratzers Araballa vor drei Jahren einen Auftritt der absoluten Extraklasse hin; wer hätte gedacht, dass sie sich jetzt auch im Barockfach wie zuhause zu fühlen scheint!!
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Giulio Cesare in Egitto von Händel an der Deutschen Oper Berlin | Foto (C) Nancy Jesse
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Auch nicht übel: Martina Baroni (als Sesto), Cameron Shahbazi (als Tolomeo) und vielleicht auch Edu Rojas (als Nireno). Noch deutlich einprägsamer allerdings: die fulminanten TIefenlagen der Altistin Stephanie Wake-Edwards (als Cornelia) oder der ebenso fulminante Bass von Michael Sumuel (als Achilla).
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Die Inszenierung von David McVicar überzeugte durch ihre spielerische Leichtigkeit gepaart mit einer absichtlich historisch "verunstalteten" Übertragung der gesamten Handlung in die Zeit des europäischen Kolonialismus (Ägypten als britisches Protektorat, 1919-22).
Das Bühnenbild von Robert Jones bediente sich in seiner Proszenniumsrahmung barock anmutender Kulissenelemente mit Soffitten, Vorhängen usw.
Brigitte Reiffenstuels oftmals gewechselten Kostüme entsprachen dem historisch gewählten kolonialen Backround.
Das absichtlich gedimmte Lichtdesign von Paule Constable wirkte so, als würde alles mehr oder weniger mit Kerzenlicht beleuchtet.
Und die Choreografie von Andrew George? Sie bestimmte den überwiegend zählosen und also durchaus forttreibenden, um nicht zu sagen fortjagenden Ablauf des gesamten Stücks; das mit allen Mitwirkenden einstudiert und geprobt zu haben grenzte fast schon an Let's dance: Chapeau!
Begeisterter Applaus.
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Andre Sokolowski - 27. April 2026 ID 15820
GIULIO CESARE IN EGITTO (Deutsche Oper Berlin, 25.04.2026)
Musikalische Leitung: Alessandro Quarta
Inszenierung: David McVicar
Bühne: Robert Jones
Kostüme: Brigitte Reiffenstuel
Licht: Paule Constable
Choreografie: Andrew George
Schwertkampf und Kampfszenen: Mark Ruddick
Chöre: Thomas Richter
Dramaturgie: Flavia Wolfgramm
Besetzung:
Giulio Cesare ... Christophe Dumaux
Cleopatra ... Elena Tsallagova
Cornelia ... Stephanie Wake-Edwards
Sesto ... Martina Baroni
Tolomeo ... Cameron Shahbazi
Achilla ... Michael Sumuel
Nireno ... Edu Rojas
Curio ... Jared Werlein
Opernballett der Deutschen Oper Berlin
Chor der Deutschen Oper Berlin
Orchester der Deutschen Oper Berlin
Premiere beim Glyndebourne Festival: 5. Juli 2025
DOB-Premiere: 25. April 2026
Weitere Termine: 28.04./ 01., 03., 10.05./ 05., 08.07.2026
Eine Produktion der Glyndebourne Festival Opera
Weitere Infos siehe auch: https://deutscheoperberlin.de
https://www.andre-sokolowski.de
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