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nachDRUCK # 5

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Performance

Gesänge und

Stimmabrobatiken

vom Feinsten, alles

gut strukturiert -

und gleichsam

sinnlos, aber

halt authentisch



Foto (C) Marichka Shtyrbulova

Bewertung:    



Es begann mit einem über halbstündigen Erklärfilmchen - zur fast zweistündigen Performance VOX HUMANA von und mit der ukrainischen OPERA APERTA - , und es endete mit "...sink hernieder" (aus dem 2. Akt von Wagners Tristan und Isolde), wonach unsere acht hochsympathischen Performerinnen und Performer (die sowohl singenden wie tanzenden als auch verschiedene Musikinstrumente spielenden Alleskönnerinnen und Alleskönner Oleksandr Chyshii, Kateryna Hordiienko, Karolina Muzychenko, Sofiia Pavlichenko, Yuliia Vitraniuk, Marichka Styrbulova, Roman Grygoriv und Valeriia Vynogradova) sich ein Schlafplätzchen auf der vierstufigen Bühnentreppe in der Neuköllner Oper suchten und ihr Publikum letztendlich (Achtung! Mega-Gag) verschriftlicht aufforderten den Saal doch bitte, möglichst ohne die jetzt Schlafenden bei ihrem Gruppenschlaf zu stören, zu verlassen.

Ja und zwischendrin?

Ehrlich, ich wusste überhaupt nicht, was die Truppe von mir wollte.

Daher suchte ich im Nachhinein nach irgendeiner für mich nachvollziehbaren Plausibilität:


"Auf der Hinfahrt von Kyiv nach Berlin tauchen die Künstler*innen in eine surreale Klanglandschaft ein, in der sich die Stimme von Theodor Adorno, ukrainische Volkslieder und Musik der Zwischenkriegszeit miteinander vermischen. Die Busreise wird zur Zeitreise, an deren Ende sich die Busgesellschaft im Jahr 1933 in einem jiddischen Berliner Kabarett wiederfindet und dem letzten Treffen zwischen der Malerin Charlotte Salomon und dem Gesangslehrer und Psychotherapeuten Alfred Wolfsohn beiwohnt, der aus dem Ersten Weltkrieg mit einem akustischen Trauma aufgrund des Kriegsgeschreis zurückkehrte und sich durch Stimmübungen selbst kurierte.

Wie stellst Du Dir Krieg vor? Sucht Dich Krieg manchmal in Deinen Träumen heim? Wie klingt Krieg? Vielleicht wie ein Schrei, wie Stille, Heiserkeit, wie ein Chor aus akustischen Halluzinationen?
VOX HUMANA. Ein Singspiel sucht nach Antworten, sucht nach Antworten in Form eines 'rhizomatischen Theaters', das ständig zwischen einem Workshop für erweiterte Klangtechniken, einem Techno-Ritual, einem Vortrag über Performance-Theorie und postdokumentarischem Theater changiert."

(Quelle: neukoellneroper.de)



Gut, einverstanden, und von mir aus gern; man sollte höchstwahrscheinlich immer bei Performances das vorher lesen, was die Macher nachher mit ihnen beabsichtigten oder was sie sich so vorstellten, worauf der assoziative Gruppenausflug ihres Publikums sich konzentrieren sollte; und das scheint mir jetzt (nachdem ich es sooft schon, wenn ich bei Performances gewesen war, die ich Begriffsstutziger nicht verstand, erlebt hatte) gebotener denn je zu sein.

Also:

Ihr "Workshop für erweitere Klangtechniken" stellte ihre außerordentliche Begabung und Befähigung fürs Stimmakrobatische unter Beweis, das war dann schon beeindruckend, auch wie es ihnen glückte mich und den Rest des Publikums quasi mit einzubeziehen und zum Mitmachen (o wie ich das eigentlich hasse, wenn ich im Theater bin!) zu bewegen; lt. Wolfsohn, der seinerzeit die Stimmen von Kriegsversehrten studierte und zu therapieren versuchte, würde es die menschliche Stimme durchaus schaffen sich über fünf Oktaven von ganz unten bis ganz oben zu verlautbaren - und das probierte die Truppe an uns aus; es klang mitunter schräg, aber es klang...

Ihr "Techno-Ritual" hingegen nervte ungemein - das war dann, wie ich mich zu erinnern glaube, der ausufernde ESC-Block, der zwar ziemlich ironisch mit Nicoles belanglos-schwachsinnigem "Ein bisschen Frieden" (deutscher ESC-Sieg 1982) begann, allerdings mit endlosschleifigem Zitieren irgendwelcher aktueller Pop-Songs, die ich alle aufgrund meines etwas fortgeschritteneren Alters nicht kannte, ins Absurde abdriftete, was bestimmt so auch beabsichtigt gewesen war.

Und an den "Vortrag über Performance-Theorie" oder "postdokumentarisches Theater" hatte/ habe ich gerade null Erinnerungen.

*

Kurz bevor sich unsre acht dann auf den Treppenstufen schlafen legten, war ein gottlob unkommentiertes Video mit in einem Kiewer U-Bahnhof campierenden Menschen allen Alters, die den kollektiven Schutz vor den russischen Dauerbombardements suchten und immer wieder suchen, zu sehen.

Das war das Eindrücklichste von der VOX HUMANA - dafür danke ich besonders!



VOX HUMANA mit der ukrainischen OPERA APERTA - in der Neuköllner Oper
Foto (C) Peter van Heesen

Andre Sokolowski - 18. September 2026
ID 16045
VOX HUMANA (Neuköllner Oper, 17.09.2026)
Ein Singspiel

Text, Theorie und Raum: Illia Razumeiko
Komposition und musikalische Leitung: Roman Grygoriv
Dramaturgie: Marichka Styrbulova und Dennis Depta
Elektronische Musik: Valeriia Vynogradova
Kostüme: Kateryna Markush
Video: Ivanna Yakovyna
Kamera und Schnitt: Liubov Ploskonosova und Sophia Gera
Sound: Olha Goncharenko
Mit: Oleksandr Chyshii, Kateryna Hordiienko, Karolina Muzychenko, Sofiia Pavlichenko, Yuliia Vitraniuk, Marichka Styrbulova, Roman Grygoriv, Valeriia Vynogradova und Illia Razumeiko
Premiere war am 17. September 2026
Weitere Termine: 19., 20., 28., 30.09./ 08.-11., 15.-18.10.2026
Koproduktion der Neukölner Oper mit OPERA APERTA und proto produkciia (Olga Diatel, Yuliia Parysh, Daryna Drygola, Alina Konovalenko, Kateryna Vandych)



Weitere Infos siehe auch: https://opera-aperta.com.ua/


https://www.andre-sokolowski.de

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