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Uraufführung

Mutter entherzt

Sohn; wahr-

scheinlich ist sie

ein Mitglied der

Schwarzwälder

Anubis-Sekte

DAS KALTE HERZ von Pintscher & Gerzenberg uraufgeführt


Matthias Pintscher (li.) und Daniel Arkadij Gerzenberg bei einem Spaziergang im Schwarzwald | Foto (Detail): Maximilian Semlinger

Bewertung:    



In meinem Privatbewusstsein nahm und nimmt Das kalte Herz in Gestalt des alten DEFA-Films von Paul Verhoeven einen zentralen Platz ein. Ich sah ihn als Kind und lernte mich seither erträglich und dosiert zu fürchten, vor allem der Holländermichel von Erwin Geschonneck hatte und hat es mir da immer wieder ganz besonders angetan. Vor ungefähr zehn Jahren gab es eine Neuverfilmung des Kunstmärchens von Wilhelm Hauff, in der Moritz Bleibetreu den Holländermichel spielte; den empfand ich natürlich - im Vergleich zu meinem vorigen Idol - als völlig un-unheimlich und belanglos; eine Fehlbesetzung, doch egal.

Der Lyriker Daniel Arkadij Gerzenberg (35) hatte jetzt für den Komponisten Matthias Pintscher (54) ein von der eigentlichen Hauff-Handlung ziemlich abweichendes Libretto gestrickt; die Uraufführung ihrer gemeinsamen Oper in 12 Bildern fand gestern Abend Unter den Linden statt.

Und [weswegen ich meine Premierenkritik, wie obig zu lesen, entsprechend einleitete]: Einen Holländermichel gab und gibt es bei den beiden nicht, sondern einen sog. Azaël (gesprochen und gespielt von der Münchner Star-Schauspielerin Sunnyi Melles!), und der hat zwar dem Namen nach eine gewisse Ähnlichkeit mit dem steinherzigen Ezechiel aus dem Hauff'schen Original, erfüllt jedoch bei Gerzenberg & Pintscher eine andere Funktion und "Aufgabe":



"Dieser Azaël ist 'sozusagen der Bösewicht', der Peters Mutter einredet, dass sie ihrem Sohn in einem unheimlichen Ritual das Herz entwenden muss.

Unter anderem zeigt sich hier, wie Gerzenberg und Pintscher Wilhelm Hauffs Märchen verwandelt haben. Peters Mutter spielt eine herausragende Rolle, die sich von Azaël überzeugen lässt, dass ihr auserwählter Sohn in den Bann der Göttin Anubis gezogen werden soll. In diesen beiden übersinnlichen Figuren vereint das Libretto Motive aus den drei monotheistischen Religionen und dem alten Ägypten."


(Olaf A. Schmitt, Eine Märchenoper in der Naturkathedrale; Quelle: staatsoper-berlin.de)



Sunnyi Melles (als Azaël) und Samuel Hasselhorn (als Peter) in Matthias Pintschers Das kalte Herz - an der Staatsoper Unter den Linden | Foto (C) Bernd Uhlig


*

Wir haben es also in der Gerzenberg'schen Verunstaltung des Hauff'schen Originals mit mindestens drei begehrlichen Protagonistinnen zu tun, die jeweils scharf auf Peters Herz sind: a) dem Gehelfsmann Azaël, b) der Göttin Anubis und c) Peters leibhaftiger Mutter; alle drei agieren mit demgleichen Ziel, und das Ganze lässt sich - nach meinem laienhaften Stückverständnis - nur mit einem pathologischen Sekten-Verhalten in Verbindung bringen; je 2 mal 7 Statistinnen und Statisten verkörpern selbige dann auch in Gestalt von a) den bisher mit demselben "Problem" betroffenen Müttern und b) ihren diesbezüglich geopferten Söhnen... Alles klar soweit?

Die per Übertitel ausgewiesenen Textpassagen waren/ sind dann eigentlich des Lesens nicht weiter wert, die meisten Sprachbilder stimmen nicht, es gibt unendliche Wiederholungen von immer wieder dengleichen Plattitüden, die das pseudolyrische Konstrukt "intellektuell" und sprachlich so an- wie aufzubieten hat; und einigermaßen vernünftig nacherzählbar ist der grauenhafte Unsinn letzten Endes auch nicht.

Ganz anders verhält es sich mit Pintschers Musik: Die hat was total Raumgreifendes, obgleich ihr fast durchgängiges Lamento im allerschönsten Waldfruchttee-Sound, je länger sie sich hinzieht, auf die Dauer nervt - allein die alleskönnerische Staatskapelle Berlin kam mit der gewaltigen Partitur (für großes Orchester mit größtmöglichem Schlagwerk) perfekt zurecht; als ob der Pintscher es exklusiv für sie komponiert hätte.

Die drei Frauen-Hauptfiguren (Sophia Burgos als Clara, Rosie Aldridge als Anubis und Katarina Bradić als Mutter) werden stimmlich gefordert, stellenweise sogar überfordert, sind also permanent in exaltistischster Aktion. Dasselbe muss und kann von Samuel Hasselhorn (!) behauptet werden; der stand in der Tat seine kraftzehrende Peter-Partie mit Anstand und Würde durch.

Pintscher dirigierte sein Opus höchstselbst.

Die Inszenierung von James Darrah Black trug wenig zur Enträtselung des an sich total verrätselten Librettos bei.

Zu beobachtende Fluktuationen während der Aufführung.

Auffällige Beifallsbekundungen am Schluss; ich vermutete ein paar Claqueure, aber nein, das sicher nicht.

Im Ganzen empfand ich die teure Chose als hohles Pathos.



Das kalte Herz - an der Staatsoper Unter den Linden | Foto (C) Bernd Uhlig

Andre Sokolowski - 12. Januar 2026
ID 15645
DAS KALTE HERZ (Staatsoper Unter den Linden, 11.01.2026)
Oper in 12 Bildern mit der Musik von Matthias Pintscher und dem Text von Daniel Arkadij Gerzenberg

Musikalische Leitung: Matthias Pintscher
Inszenierung: James Darrah Black
Spielleitung: José Darío Innella und Leander Teßmer
Bühne: Adam Rigg
Kostüme: Molly Irelan
Licht: Yi Zhao
Video: Hana S. Kim
Co-Regie: Anderson Nunnelley
Dramaturgie: Olaf A. Schmitt
Besetzung:
Peter ... Samuel Hasselhorn
Mutter ... Katarina Bradić
Anubis ... Rosie Aldridge
Clara ... Sophia Burgos
Azaël ... Sunnyi Melles
Alte Frau ... Adriane Queiroz
Kind ... Otto Glass
Staatskapelle Berlin
UA war am 11. Januar 2026.
Weitere Termin: 14., 16., 20., 23.01.2026
Koproduktion mit dem Théâtre national de l'Opéra-Comique, Paris


Weitere Infos siehe auch: https://www.staatsoper-berlin.de


https://www.andre-sokolowski.de

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