Die schöne Müllerin, gesungen von Matthias Goerne, war vielleicht das einzig unverwechselbare Highlight der diesjährigen FESTTAGE der Staatsoper Unter den Linden
|
|
Bewertung:
Am kommenden Ostermontag enden die vor 30 Jahren von Daniel Barenboim initiierten FESTTAGE der Staatsoper Unter den Linden - er hatte sie damals ins Leben gerufen, um seinem Haus, halt durch die Etablierung eines hochkarätig besetzten Opernfestivals, noch mehr internationale Strahlkraft zu verleihen als es ohnehin (allein schon wegen seiner 1992er Berufung hierher) besaß; auch zog es seither einen regen Festival-Tourismus in das Haus und sodurch auch nach Berlin, was wiederum die Stadtverantwortlichen mit Genugtuung verfolgten; sowieso waren und sind dann jedes Jahr um diese Zeit die Berliner Philharmoniker sozusagen "außer Haus", weil sie sich entweder in Salzburg oder Baden-Baden dauergastspielmäßig verewigten und daher eine temporäre kulturelle Verödung in der deutschen Hauptstadt drohte, ja und Barenboim half dem dann, wie gesagt, sehr initiativreich ab.
In diesem Jahr nun oblagen die FESTTAGE erstmals der generalmusikdirektorischen Verantwortung von Christian Thielemann, der seinerseits bei einer dreimaligen Reprise von André Hellers Rosenkavalier-Inszenierung sowie dem morgigen Karfreitagskonzert mit Brahms Ein deutsches Requiem am Pult der Staatskapelle Berlin stand und steht - also nicht etwa bei einer Premiere, was natürlich etwas kläglich wirkte; ich selbst "ignorierte" dann sowohl den Rosenkavalier (den ich hier schon vor zwei Jahren mit Julia Kleiter als Marschallin sah und hörte) als auch das Brahms-Requiem, das er bereits im Januar d.J. aufführte. Ja und die eigentliche FESTTAGE-Premiere mit Verdis Maskenball ging dann auch uninteressiert an mir vorbei, auch weil ich keine Lust auf Netrebko, die völlig überteuert als Amelia eingekauift worden war, verspürte; sowieso hatte ich Un ballo in maschera vor einem Jahr in Bologna authentisch-italienisch erleben dürfen und prophezeite daher für mich, dass es hier und jetzt womöglich keine Steigerung hätte geben können...
Was blieb dann also dieses Jahr für mich groß übrig?
Es war Schuberts Die schöne Müllerin, die heute Abend von Matthias Goerne (59) und Martin Helmchen (44) (statt des krankheitsbedingt verhinderten Markus Hinterhäuser; der ist und war dann mehr als mittlerweile vom Kuratorium der Salzburger Festspiele beurlaubter Intendant in aller Munde) in ihrem FESTTAGE-Liederabend zum besten gegeben wurde.
Helmchen, der auf Krücken kam, musste sich quasi von jetzt auf gleich der gesanglichen Performance von Goerne (der seinerseits diesen und den anderen todtraurigen Liederzyklus, nämlich Winterreise, etliche Male gesungen hatte; ein Spezialist auf diesem Gebiet, ganz ohne jede Frage!) irgendwie "anzupassen" versuchen: Das schien zunächst ungelingbar; Helmchen legte sich mit einer schier ohrenbetäubenden Wucht in die Tasten, auch ließ sein Tempo keineswegs zu wünschen übrig - während Goerne sichtlich und auch hörbar Mühe zu haben schien, den pianistischen Vorgaben zu folgen oder sie in irgendeiner Weise mit seinen eigenen Vorstellungen vom "Wandern ist des Müllers Lust" (ein ätzend langes und nicht enden wollendes Auftaktslied) in Einklang zu bringen, auch klang es fast so, als würde er einen falschen Ton an den anderen reihen, sowieso kämpfte er mit den tieferen Lagen, die das alles ziemlich angestrengt aussehen ließen - - aber:
Nach und nach fanden die beiden gradezu kongenial zusammen, und ihr gemeinsamer Vortrag wurde besser und besser; und intensiver sowieso, dafür sorgte der Goerne schon mit seiner beispiellosen Intensität, die er in die mit einer fassungslosen Folgerichtigkeit in Richtung Suizid jagenden Überthemen der Müller'schen Lieder investierte.
Die Geschichte ist so simpel wie brutal zugleich: Ein Müllerbursche ist verliebt in die junge Müllerin; wahrscheinlich sind sich beide in der Müller-Mühle (bei der Ausbildung oder später bei der Arbeit) menschlich näher gekommen, doch die einseitige Liebe von ihm wird von ihr nicht erwidert, vielmehr noch existiert in ihrer stattgefunden oder nicht stattgefunden habenden Kommunikation ein Missverständnis sondergleichen, denn der Müllerbursche denkt, dass die Lieblingsfarbe der jungen Müllerin ("Ich hab das Grün so gern") auf ihre gemeinsame Naturverbundenheit zurückzuführen wäre, aber Irrtum! es ist die Farbe des Jägers, also desjenigen, den die junge Müllerin in Wahrheit begehrt, und der Müllerbursche ist total verzweifelt und geht am Schluss ins Wasser...
Grandios, wie Goerne & Helmchen die beiden letzten Lieder, Der Müller und der Bach sowie Des Baches Wiegenlied, gestalten und durchleiden; am Ende des vorletzten Liedes sieht man förmlich, wie Goerne in das Wasser steigt, und das letzte hat in seiner traurigen und wiederum endlos scheinenden Dimension eine gewisse Ähnlichkeit mit dem "Abschied" aus Mahlers Lied von der Erde (das Goerne auch oft sang).
Ergriffene Stille, danach aufbrausender Applaus.
Unvergesslich.
|
Matthias Goerne | © Marie Staggat/Deutsche Grammophon GmbH
|
Andre Sokolowski - 2. April 2026 ID 15784
Weitere Infos siehe auch: https://matthiasgoerne.org
https://www.andre-sokolowski.de
Ballett | Performance | Tanztheater
Konzerte
Musiktheater
Neue Musik
Rosinenpicken
Hat Ihnen der Beitrag gefallen?
Unterstützen auch Sie KULTURA-EXTRA!
Vielen Dank.
|
|
|
Anzeigen:
Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN
Rothschilds Kolumnen
BALLETT | PERFORMANCE | TANZTHEATER
CD / DVD
KONZERTKRITIKEN
LEUTE
MUSIKFEST BERLIN
NEUE MUSIK
PREMIERENKRITIKEN
ROSINENPICKEN
Glossen von Andre Sokolowski
RUHRTRIENNALE
= nicht zu toppen
= schon gut
= geht so
= na ja
= katastrophal
|