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Mahler-

Meister



Cornelius Meister | Foto (C) Matthias Baus; Bildquelle: staaztsoper-stuttgart.de

Bewertung:    



Das Repertoire von Cornelius Meister ist umfangreich. Seit seiner Ernennung zum Generalmusikdirektor der Staatsoper und des Staatsorchesters Stuttgart im Jahr 2018 hat er das musikalische Erbe und das kompositorische Schaffen der Gegenwart mit der gleichen Leidenschaft und Sorgfalt betreut. Entgegen den Gepflogenheiten der Branche, hat er am Ort seines Orchesters weit mehr angeboten, als ihm sein Dienstvertrag abverlangt, anstatt anderswo als Stargast Lob einzukassieren. Das ist umso bedeutsamer, als das Staatsorchester nach der Fusion der beiden SWR-Sinfonieorchester das einzige ständig anwesende Spitzenorchester in der baden-württembergischen Hauptstadt ist.

Bei aller Vielseitigkeit aber hat Cornelius Meister seine Vorlieben. Eine gehört Gustav Mahler. Von Anfang an hat sich Meister seiner Sinfonien angenommen. Jetzt, kurz vor seinem Abschied aus Stuttgart, setzte er noch einmal einen Akzent, indem er im Rahmen des traditionellen Sinfoniekonzert-Zyklus nicht, wie üblich, ein Konzert vom Sonntagvormittag am Montagabend wiederholte, sondern stattdessen drei unterschiedliche Konzerte nützte, um die noch ausstehenden Mahler-Sinfonien Nr. 1, 6 und 9 aufzuführen. Hinzu kamen, gleichsam als Rahmen, zu Beginn die 7. Sinfonie Le Midi von Joseph Haydn und im dritten und letzten Konzert der Psalm 23 für gemischten Chor und Orchester op. 14 von Alexander von Zemlinsky, uraufgeführt zwei Jahre vor Mahlers Neunter und ein Jahr vor dessen Tod.

Die 1. Sinfonie beim Sonntagvormittagskonzert nahm ich leider nur im Halbschlaf wahr. Die penetranten Bässe zum WM-Spiel Deutschland:Elfenbeinküste vom nahen Public Viewing hatten mich in der Nacht davor bis halb drei wachgehalten. Gegen Fußball hat Mahler keine Chance, und die Mehrheiten bestimmen, wer zu schützen sei und wer sich womit abfinden muss. Nur Snobs ziehen dem Disco-Schwachsinn plus Gejohle nach jedem Tor und noch spät in die Nacht hinein eine Mahler-Sinfonie vor. Schließlich weiß man nichts über Mahlers Fähigkeiten als Fußballer. Also kusch.

Soviel aber konnte einem schon bei dem ersten Konzert dieses kleinen MAHLER-ZYKLUS nicht entgehen: dass Cornelius Meisters Dramaturgie der dynamischen Nuancen die Sinfonien der Oper annähern, was insofern bemerkenswert ist, als Mahler zwar mehrere Opern bearbeitet, aber keine komponiert hat.

Die Einleitung zur 1. Sinfonie mit dem auf Jean Paul anspielenden Titel Titan, den Mahler später zurücknahm, entwirft ein plastisches, tonmalerisches Bild von Natur und Jagd. Die dominierende Stellung der Hörner in diesem Werk lenkt die Aufmerksamkeit auf die Perfektion, mit der die Stuttgarter Hörnergruppe ihren Beitrag leistet. Zu Recht erntete sie am Ende besonderen Applaus. Auf den zweiten Satz mit einem Ländler, der Motive des ersten Satzes zitiert und an den Walzer aus dem Rosenkavalier denken lässt (eìnen Tanz, den es zum Zeitpunkt der Handlung noch nicht gab), folgt der pathetische Trauermarsch, den Cornelius Meister mit feierlichem Ernst dirigiert. Immer wieder verblüfft die starke Wirkung eines einfachen Themas, des in Moll wiederholten allgemein bekannten Kanons Frère Jacques. Der vierte Satz liefert die Apotheose, deren Wirkung man sich kaum entziehen kann. Die Hörner haben noch einmal ihren Auftritt – im wörtlichen Sinne, nämlich stehend.

Cornelius Meister forciert nicht das Verständnis als Programmmusik, das für Mahlers 1. Sinfonie, nicht zuletzt wegen seines Rückgriffs auf Themen seiner eigenen Lieder, suggeriert wird. Seine Interpretation geht vielmehr von der inneren Logik des musikalischen Ablaufs aus, von dessen Brüchen und Kontrasten. Sie macht die tendenzielle Unüberschaubarkeit, die schon dem vergleichsweise kurzen sinfonischen Debüt eignet, transparent. Die komplexen Strukturen werden auch ohne einen Blick in die Partitur erkennbar.

Bei der 6. Sinfonie hat sich Meister für die heute übliche, historisch jedoch umstrittene Reihenfolge des Andante vor dem Scherzo entschieden. Was hat ein Scherzo in einer „tragischen“ Sinfonie zu suchen? Cornelius Meister inszeniert den Satz als Totentanz, als Danse Macabre, grotesk eher als tragisch. Hier kommt die Perkussion in der hintersten Reihe zu ihrem Recht. Für die beiden Hammerschläge im letzten Satz betritt ein Schlagzeuger zweimal die Chorempore und vollzieht im Extra-Spot, fast ein wenig komisch, den sportlichen Akt. Und wieder fühlt man sich an Richard Strauss und seinen Rosenkavalier erinnert, wenn Mahler ein paar Jahre zuvor die Effekte der damals noch jungen Celesta nutzt.

Zu den Klischees der Mahler-Literatur gehört die Verwunderung darüber, dass die Sinfonie mit dem (nicht von Mahler selbst stammenden) Beinamen „Tragische“ in einer glücklichen Phase seines Lebens entstand, als ließe sich Kunst auf biografische Details ihres Schöpfers zurückbinden. Das mag ja gelegentlich der Fall sein, aber daraus ein Gesetz zu machen, ist schlicht hanebüchen. Weil diese Methode aus dem 19, Jahrhundert bei Mahlers Sechster nicht funktioniert, unkt die Autorin des Textes im Programmheft mit Berufung auf Alma Mahler, der Komponist habe mit dieser Sinfonie die „tragische Wendung seines Lebens“ vorweggenommen. Lieber macht man den Künstler zum Hellseher, als sich auf die Autonomie der Musik und ihrer Entstehung einzulassen.

Zum Abschluss: die Neunte, komponiert kurz vor Gustav Mahlers Tod. Cornelius Meister legt sich von Anfang an ins Zeug. An seinen Bewegungen konnte man von hinten die Vielschichtigkeit dieser späten Komposition erkennen. Überhaupt: neben Dirigenten der Beherrschtheit und des Understatements gibt es solche, deren Dirigat ein auch visuelles Erlebnis bedeutet, außer Meister beispielsweise Leonard Bernstein oder der Russe Gennadi Roschdestwenski.

Die Ländler des zweiten Satzes interpretiert Meister an der Grenze von Zitat und Parodie. Den vierten Satz schließlich lässt er in einem atemberaubenden Pianissimo ausklingen, das zurückweist auf den quasireligiösen Charakter von Alexander von Zemlinskys zur gleichen Zeit entstandenen Psalm 23, mit dem das Konzert eröffnet wurde und der dem großartigen Staatsopernchor die Hauptrolle überließ. Diese Coda bildete den würdigen Abschluss nicht nur der Sinfonie, sondern auch des ganzen Zyklus und der Jahre mit Cornelius Meister, der 15 Minuten lang bejubelt und geehrt wurde. Zugleich bot dieser Zyklus in einem Zeitrahmen von sechs Tagen die Möglichkeit, sich davon zu überzeugen, einen wie großen Weg Mahler zwischen seiner ersten und seiner letzten Sinfonie zurückgelegt hat. Darin hat er wenig Rivalen.

Cornelius Meister legt zwischen den Sätzen der Sinfonien lange Pausen ein, sei es, um sich zu sammeln, sei es, um dem Publikum Gelegenheit zu geben, die Musik nachklingen zu lassen. So oder so: die hustenfreie Stille ist wohltuend.

Nachsatz: In der Süddeutschen Zeitung vom 12. Juni hat Christine Dössel ihrem Ärger über die zunehmende Lärmbelästigung im Theater mit scharfen Worten Ausdruck verliehen. Auch Cornelius Meister hat sich in einem Interview aus der Sicht der Musiker zum Thema geäußert:


„Wir erreichen jetzt ein super Pianissimo! Das führt allerdings auch dazu, dass wir umso genervter sind von den vielen Martinshörnern, die bei den Aufführungen von der Bundesstraße ins Opernhaus dringen. (…) Kulturelle Werte können ganz vielfältig sein, das Zuhören wäre ein Beispiel. Wenn am Abend Hunderte von Menschen zwei Stunden lang gebannt lauschend in einem Raum sitzen und dabei nicht auf ihre Handys schauen, dann ist das in einer Welt, die sich immer schneller zu drehen scheint, etwas Außergewöhnliches. Außerdem ist Zuhören die Grundlage für ein demokratisches Miteinander.“


Recht hat er.

Cornelius Meister war ein Glücksfall für das Staatsorchester Stuttgart wie Mariss Jansons für das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks oder Paavo Järvi für die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen. Sein Nachfolger tritt in große Fußstapfen. Wir sind gespannt.



Cornelius Meister und das Staatsorchester Stuttgart | Foto (C) Sebastian Mare

*

Und ich entschuldige mich für den Kalauer im Titel. Aber die Verführung war zu groß.

Thomas Rothschild – 29. Juni 2026
ID 15925
MAHLER-ZYKLUS (Liederhalle - 21., 22., 27.06.2026)

I

Joseph Haydn: Sinfonie Nr. 7 C-Dur Hob. I:7 Le Midi
Gustav Mahler: Sinfonie Nr. 1 D-Dur

II
Mahler: Sinfonie Nr. 6 a-Moll

III
Alexander Zemlinsky: Psalm 23 für gemischten Chor und Orchester op. 14
Mahler: Sinfonie Nr. 9 D-Dur

Staatsopernchor Stuttgart
(Choreinstudierung: Manuel Pujol)
Staatsorchester Stuttgart
Dirigent: Cornelius Meister


Weitere Infos siehe auch: https://www.staatsoper-stuttgart.de/staatsorchester/


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