Unabhängigkeit
erzählen
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Einen Knüller der Musikgeschichte, der das Publikum anlockt, mit wenig bekannten oder vermeintlich „schwierigen“ Kompositionen zu koppeln, ist eine gängige Praxis. Bei den Sinfoniekonzerten des Staatsorcheters Stuttgart befolgte Manfred Honeck (von 2007 bis 2011 Generalmusikdirektor der Stuttgarter Oper und damit des Orchesters und seit 2008 als Nachfolger von Lorin Maazel und Mariss Jansons Chefdirigent des Pittsburgh Symphony Orchestra) dieses Modell mit der 9. Sinfonie Aus der Neuen Welt von Antonín Dvořák (1841-1903) und Tänzen von Carlos Simon und Erwin Schulhoff.
Dass es aber mehr ist als ein trickreiches Kalkül, was diese Kompositionen verbindet, was dem Konzert also ein Konzept unterlegt, erläutert Manfred Honeck in einem Begleittext:
"Die Idee zu diesem Programm ist eng mit einem großen historischen Moment verbunden, dem 250-jährigen Jubiläum der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten. Mich hat dieser Gedanke sofort fasziniert, nicht nur politisch oder historisch, sondern vor allem künstlerisch. Wie lässt sich 'Unabhängigkeit' in Musik erzählen? Welche Klänge, welche Geschichten tragen diesen Geist in sich? So entstand ein Programm, das gewissermaßen einen Bogen spannt, von den 4 Black American Dances, die für mich unmittelbar mit der kulturellen Vielfalt und der lebendigen, oft auch schmerzvollen Geschichte Amerikas verbunden sind, bis hin zu Dvořáks 9. Sinfonie 'Aus der Neuen Welt'.
Zwischen diesen beiden Werken steht Erwin Schulhoff, ein Komponist, den ich lange gar nicht so gut kannte, der mich aber umso mehr überrascht und begeistert hat. Schulhoff wurde in Prag geboren und war als junger Musiker von Antonín Dvořák gefördert worden. Gleichzeitig ist seine Musik etwas völlig Eigenständiges: mutig, manchmal provokativ, voller Witz und rhythmischer Energie. Gerade seine Fünf Stücke für Streichquartett, die im Kern Tänze sind, tragen für mich diesen Gedanken von Freiheit und Unabhängigkeit in sich. Sie lassen sich nicht festlegen, spielen mit Erwartungen und brechen sie zugleich."
Es ist nicht ohne Ironie und passt in unsere reale Gegenwart, dass von den drei Komponisten, die als Zeugen für die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten, wenn sie sich denn in Musik erzählen lässt, aufgerufen werden, nur einer Amerikaner ist. Und ob sich just Black American Dances als Ausdruck von Unabhängigkeit verstehen lassen, wäre doch eine Überlegung wert. Eignete sich für diesen Zweck nicht eher ein Werk von Charles Ives oder Aaron Copland? Das eindeutigste und eindrucksvollste Beispiel für die Forderung von Unabhängigkeit – nicht 1775, sondern im 20. Jahrhundert – in der amerikanischen Musik findet sich, nicht zufällig, im Jazz. Es ist die Freedom Now Suite von Max Roach.
Die Four Black American Dances von Carlos Simon (40) aus dem Jahr 2022 sind eine echte Entdeckung, ein wenig anachronistisch, aber ungeheuer wirkungsvoll, vor allem durch ihre Instrumentierung, das vom Jazz inspirierte Blech und die Perkussion. Manfred Honeck hat für das ganze Konzert eine Mischung aus amerikanischer und europäischer Orchesteraufstellung gewählt: die Kontrabässe links, vom Publikum aus gesehen, die Celli aber im Hintergrund.
Die Fünf Stücke von Erwin Schulhoff (1894-1942) aus dem Jahr 1925 wurden für Streichquartett geschrieben und von Manfred Honeck zusammen mit Tomáš Ille für ein großes Orchester, nicht unähnlich der vorausgegangenen Komposition von Carlos Simon, bearbeitet. (Das Programmheft mischt die tschechische Schreibweise „Tomáš“ mit der westlichen „Thomas“ zu „Thomáš“.) Wie bei Simon handelt es sich um eine Suite, bestehend unter anderem aus einem Walzer und einem Tango. Der zweite Satz "Alla Serenata" klingt wie eine Kreuzung aus Griegs In der Halle des Bergkönigs und Ravels Bolero.
Dvořáks populärste Sinfonie dirigiert Honeck, vor allem im zweiten Satz, extrem gefühlsbetont mit strenger Einhaltung der Pianissimi. Bei dem "Goin' Home", das der Sinfonie nicht etwa vorausging, sondern im Nachhinein mit einem Text versehen wurde, spürt man förmlich die Trauer von Spirituals und sieht vor Augen Farbige im Baumwollfeld. Von wegen Unabhängigkeit.
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Thomas Rothschild - 20. April 2026 ID 15810
STAATSORCHESTER STUTTGART (Liederhalle, 19.04.2026)
Carlos Simon: Four Black American Dances
Erwin Schulhoff: Fünf Stücke für Streichquartett (Bearbeitung für Orchester von Manfred Honeck und Tomáš Ille)
Antonín Dvořák: Sinfonie Nr. 9 e-Moll op. 95 Aus der Neuen Welt
Staatsorchester Stuttgart
Dirigent: Manfred Honeck
Weitere Infos siehe auch: https://www.staatsoper-stuttgart.de/staatsorchester/
Post an Dr. Thomas Rothschild
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