Mörike, Mörike, Mörike...
bis zum Überdruss
"Lied und Lyrik" im Berliner Pierre Boulez Saal - mit dem Schauspieler Udo Samel, dem Tenor Christoph Prégardien und dem Pianisten Julius Drake
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Bewertung:
Gestern Abend (im Berliner Pierre Boulez Saal) erhielten Eduard-Mörike-Fans die einmalige Gelegenheit, der mitunter ziemlich altzopfenen Sprache des schwäbischen Biedermeiers über zwei Stunden lang ihr geneigtes Ohr zu leihen. Damit wir uns nicht missverstehen: Die Gedichte Mörikes zählen zweifelsohne zu den schönsten lyrischen Ergüssen aus der Zeit um 1815 bis 1848, jener von politischer Restauration, Zensur und Rückzug ins Private geprägten Epoche in Deutschland und Österreich; und meine Google-KI fasst diese Ära nochmal wie folgt ganz kurz zusammen:
"Das Bürgertum konzentrierte sich auf Häuslichkeit, Gemütlichkeit, Familie und Kunst, während sie sich von der Politik abwandten. Typisch waren ein schlichter Einrichtungsstil, realistische Malerei und eine idyllische Literatur."
Der Veranstalter nennt seine Reihe "Lied und Lyrik", und in ihr kamen dann diesmal drei wahre Urgesteine des Theaters und der Musik zusammen, um in puncto Eduard Mörike ihr Publikum zu unterhalten: der Schauspieler Udo Samel (72), der Tenor Christoph Prégardien (70) und der Pianist Julius Drake (66).
Es wurde also sowohl gesprochen als auch gesungen, und die jeweiligen Anteile hielten sich ungefähr die Waage.
Und im Grunde genommen gelang diese Zusammenstellung, obgleich das schier üppige Anhäufen von Mörike-Texten die Aufnahme- und Durchhaltebereitschaft der hierfür eigentlich ziemlich aufgeschlossenen Hör- und Sehgemeinschaft, je länger sich das Programm hinzog, sichtlich überzustrapazieren drohte; nicht nur ich war zum Schluss hin versucht meine Gähnkrämpfe zu unterdrücken, nein, manch anderem ging's da wohl nicht anders - und das lag nicht etwa an den drei Protagonisten, sondern vielmehr an der im Großen und Ganzen mehr unglücklichen Dramaturgie dieses zwar erbaulich-vergnüglichen, letztendlich aber doch ziemlich hinausgezerrten Abends.
Hauptkritikpunkt sollte daher v.a. sein, dass der Samel völig überflüssigerweise die meisten der von Prégardien gesungenen Mörike-Gedichte (in Vertonungen durch Wolf, Killmayer, Schumann, Brahms, Pfitzner und Bruch) extra nochmal vor oder nach Prégardiens Vortrag deklamatorisch zum Besten gab, obgleich die Textverständlichkeit des Tenors geradezu exzeptionell war; also alles bzw. das meiste, was dann insgesamt erklang, wurde "doppelt gemoppelt"; und Derartiges zieht sich freilich in die Länge und erschlafft den hörerischen MItmachgeist.
Besonders interessant (jedenfalls für mich als Kunstlied-Liebhaber) war das Kennenlernen der sechs Liedvertonungen von Wilhelm Killmayer (1927-2017), für die sich Prégardien Zeit seines künstlerischen Lebens stark machte; beide kannten sich von der zeitgenössischen Musik her, und es gab mehrere gemeinsame Projekte, die sie zusammen stemmten - dahingehend gab es auch zwei aufschlussreiche Gegenüberstellungen der Liedvertonungen von Mörikes Er ist's sowie Denk' es, Seele! - das erstgenannte hatte nämlich auch schon Robert Schumann und das zweitgenannte Hugo Wolf komponiert.
Als Zugabe sprach Samel noch paar Sätze aus Mörikes Erzählung Mozart auf der Reise nach Prag, und Prégardien & Drake erfreuten mit dem Hugo-Wolf-Lied Abend.
Summa summarum war es Mörike pur, und mir war es am Ende definitiv zu viel.
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Heb des Gänsleins Feder auf!, Zeichnung von Eduard Mörike | Bildquelle: boulezsaal.de
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Andre Sokolowski - 22. Februar 2026 ID 15717
LIED UND LYRIK: EDUARD MÖRIKE (Pierre Boulez Saal, 21.02.2026)
Hugo Wolf: Das verlassene Mägdlein (Mörike-Lieder Nr. 7)
Wilhelm Killmayer: Jägerlied
Wolf: Der Feuerreiter (Mörike-Lieder Nr. 44)
- Begegnung (Mörike-Lieder Nr. 8)
- Gebet (Mörike-Lieder Nr. 28)
- Verborgenheit (Mörike-Lieder Nr. 12)
Killmayer: Er ist’s
Robert Schumann: Er ist’s op. 79 Nr. 23
Wolf: Denk es, o Seele! (Mörike-Lieder Nr. 39)
Killmayer: Denk’ es, o Seele!
Wolf: Der Gärtner (Mörike-Lieder Nr. 17)
Johannes Brahms: Agnes op. 59 Nr. 5
Wolf: Auf ein altes Bild (Mörike-Lieder Nr. 23)
Hans Pfitzner: Das verlassene Mägdlein op. 30 Nr. 2
Max Bruch: Um Mitternacht op. 59 Nr. 1
Killmayer: Die traurige Krönung
- Der Gärtner
- Herr Dr. B. und der Dichter
Wolf: Abschied (Mörike-Lieder Nr. 53)
- An die Geliebte (Mörike-Lieder Nr. 32)
Udo Samel, Rezitation
Christoph Prégardien, Tenor
Julius Drake, Klavier
Weitere Infos siehe auch: https://www.boulezsaal.de
https://www.andre-sokolowski.de
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