Henzes
Neunte
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Bewertung:
Vor ungefähr 30 Jahren komponierte Hans Werner Henze (1926-2012) seine 9. Sinfonie. Als Ingo Metzmacher sie mit den Berliner Philharmonikern und dem Rundfunkchor Berlin uraufführte, war Henze 70 Jahre alt. An seiner zehnten und letzten Sinfonie, die er unmittelbar nach der Neunten in Angriff nahm, arbeitete er drei Jahre lang; da war er schon ziemlich krank...
Neunte Sinfonien haben seit jeher etwas Magisches, sie bedeuten nicht selten den kompositorischen Höhepunkt ihrer jeweiligen Schöpfer - das war nicht nur im Falle Beethovens so, sondern auch bei Schubert, Bruckner oder Mahler; nach ihnen (also den jeweiligen neunten Sinfonien) kam so gut wie nichts mehr, was sie ggf. noch hätte toppen können.
Henzes Neunte ist eine einstündige Chorsinfonie, hat sieben Sätze und war von Anna Seghers Das siebte Kreuz inspiriert, Hans Ulrich Treichel (73) hatte auf Wunsch des Komponisten einen mehr oder weniger sperrigen Text vorgelegt, welcher wiederum nicht etwa aus Seghers Roman zitierte sondern ausgewählt Erzähltes in ihm lyrisch nachempfand.
„Meine neunte Sinfonie befasst sich mit der deutschen Heimat – so, wie sie sich mir dargestellt hat, als ich ein junger Mensch war, während des Krieges und schon zuvor. Sie entstand in den Jahren intensiven Umgangs mit dem Thema und war auch bezüglich der künstlerischen Anstrengung das Extremste, was ich je erlebt habe. Was in dieser Sinfonie geschieht, ist eine Apotheose des Schrecklichen und Schmerzlichen. Sie ist eine Summa summarum meines Schaffens, der Versuch einer Abrechnung mit einer willkürlichen, unberechenbaren, uns überfallenden Welt. Statt der Freude, den schönen Götterfunken zu besingen, sind in meiner Neunten den ganzen Abend Menschen damit beschäftigt, die immer noch nicht vergangene Welt des Grauens und der Verfolgung zu evozieren, die weiterhin ihre Schatten wirft. Eine deutsche Wirklichkeit, ist diese Sinfonie aber vor allem Ausdruck der allergrößten Verehrung für die Leute, die Widerstand geleistet haben in der Zeit des nazifaschistischen Terrors und die für die Freiheit der Gedanken ihr Leben gegeben haben.“ (Hans Werner Henze, 1997)
In Anbetracht unserer aktuellen Gegenwart, die mit immer unübersehbareren und kaum noch zu befriedenden Kriegen und kriegerischen Auseinandersetzungen geprägt ist, scheint die deprimierende Botschaft, die von Henzes Neunter ausgeht, wirklichkeitsnaher denn je zu sein - in dem großartig-gewaltigen sechsten Satz Nachts im Dom flüstern die Toten ("zu sich selbst sprechend") unter anderem das hier:
"Sei ohne Hoffnung."
Punkt.
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Vladimir Jurowski | (C) Joseph Ruben
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Vladimir Jurowski (53) kann für sich in Anspruch nehmen, in zwei der wichtigsten Welt-Musikmetropolen gleichzeitig einen Spitzenposten angeboten bekommen zu haben - in München ist er Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper, und in der deutschen Hauptstadt Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin, mit dem er (seit dem Weggang von Marek Janowski, der sich mehr auf das klassische Repertoire und insbesondere die Gesamtaufführung und -einspielung des sog. Bayreuther Kanons von Richard Wagner fokussierte; er hatte aus dem Orchester im Übrigen einen der "deutschesten Klänge", seit es das RSB gibt, herauszuholen vermocht, und spätestens seit seinem großen Wagner-Zyklus von 2010 bis 2013 kriegte man das in den Live-Konzerten jedesmal bestätigt) deutlich mehr Neue oder neuere Musik zur Aufführung brachte und gewiss auch weiterhin bringt als sein weltweit hochgeschätzter und begehrter Vorgänger.
Jetzt hatte er - im Jahr des 100. Geburtstages des Komponisten - Henzes Sinfonia N. 9 auf seinem Dirigentenpult liegen.
Das Konzertpodium war mit fast hundert Musikerinnen und Musikern des RSB besetzt, hinzu kamen Florian von Radowitz (Klavier) und Karolina Juodelyte (Orgel).
Hinterm Orchester waren die Sängerinnen und Sänger vom Rundfunkchor Berlin (sprich: dem Uraufführungschor!) positioniert; sie standen allesamt und hatten fast alle statt ihrer Noten auf Papier je ein Tablet vor sich, auf dem sie sich entsprechend "vorwärtsflippten" - bei ihnen ist das digitalisierte 21. Jahrhundert voll angekommen; man kann nur staunen.
Der Sinfonietext, wie schon angedeutet, ist ziemlich sperrig, und ich konnte und wollte ihn daher nicht bis zum Schluss mitlesen, zumal ich die prosaische Zusammenfassung aller sieben Sätze durch unseren Lieblingsmusik- und -orchesterdramaturgen Steffen Georgi (die ich vor dem Konzert im Foyer der Philharmonie las) erinnernd abrufen konnte.
Alles in allem: ein Ereignis sondergleichen!
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Das Rundfunksinfonieorchester und der Rundfunkchor Berlin (Dirigent: Vladimir Jurowski) mit der Sinfonia N. 9 von Hans Werner Henze - am 24. Februar 2026 in der Philharmonie Berlin | Foto: @josephrubenheicks; Bildquelle: facebook.com/rsbOrchester
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Andre Sokolowski - 25. Februar 2026 ID 15724
RUNDFUNK-SINFONIEORCHESTER BERLIN (Philharmonie Berlin, 24.02.2026)
Ludwig van Beethoven: Ouvertüre Leonore Nr. 1 C-Dur op. 138
Johannes Brahms: Schicksalslied für gemischten Chor und Orchester op. 54, Text von Friedrich Hölderlin
Hans Werner Henze: Sinfonia N. 9
Rundfunkchor Berlin
Einstudierung: Florian Helgath
Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin
Dirigent: Vladimir Jurowski
Weitere Infos siehe auch: https://www.rsb-online.de
https://www.andre-sokolowski.de
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