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nachDRUCK # 5

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Konzertkritik

Dehnungen



Bildquelle: rsb-online.de

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Noch nie zuvor sind mir sowohl Brahms' 2. Klavierkonzert als auch der 1. Akt der Wagnerschen Walküre so auf den Geist gegangen wie am Samstagabend. Das lag bei Weitem nicht an der künstlerischen Gekonntheit sämtlicher Ausführender als vielmehr (vielleicht) an den beiden Werken an sich zuzüglich einer rein individuell und akut begreifbaren Misslaunigkeit meiner Wenigkeit als Hörer - und so dachte ich insbesondere beim Brahms: Wann hört diese viersätzige Sinfonie mit obligater Klavierbegleitung endlich auf, sie kommt und kommt einfach nicht zum Schluss... Die (oder wir) Brahmskenner sind im Eigentlichen total versessen auf dieses Klavierkonzert, auch weil es so unfassbar viele schöne Stellen zum Nachsummen hat; die allerschönste freilich ist die mit dem Solo-Cello (traumhaft gespielt von Konstanze von Gutzeit) zu Beginn des dritten Satzes.

Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (dessen Konzert ich hiermit rekapituliere) stand als kräftiges und kräftigendes "Hintergrundorgan" beim besagten Brahms parat, und Vladimir Jurowski konnte sich zudem auf den Einspringer Sir Stephen Hough [s. Foto unterhalb], der für den erkrankten Yefim Bronfman kurzfristig aufgeboten werden konnte, verlassen - ich selbst hatte bis dato noch nie etwas von oder über Sir Hough gehört, gesehen oder gelesen, von daher betrachte ich diese rein faktische Kennenlernerfahrung als einen persönlichen Hinzugewinn; und ich staunte nicht schlecht über alles das, was er (außer Klavierspielen) noch so können würde: Memoiren, Essays und Romane schreiben und komponieren obendrei! Respekt, Respekt.



Sir Stephen Hough und das RBS unter Leitung von Vladimir Jurowski spielten das 2. Klavierkonzert von Brahms am 19. April 2026 im Konzerthaus Berlin | Foto (C) Phil Dera


V.l.n.r.: Mika Kares (als Hunding), Irene Roberts (als Sieglinde) und Joachim Bäckström (als Siegmund) beim 1. Akt aus Wagners Walküre - mit dem RSB unter Vladimir Jurowski am 19. April 2026 im Konzerthaus Berlin | Foto (C) Phil Dera

*

Spätestens seit Marek Janowskis legendärem WAGNER-Zyklus (2010-2013) war klar, dass sich das RSB zu einem der weltweit besten Wagner-Orchester überhaupt emporgeschwungen hatte; die Kritiken waren überschwänglich, und das Publikum rastete vor Begeisterung jedesmal aus.

Jetzt, 13 Jahre später, kam diese Erinnerung an damals schlagartig wieder hoch; mit dem konzertanten 1. Akt aus der Walküre schien das irgendwie auch unvermeidlich.

Kurzer Abschweifer:

Kent Nagano (der Vor-Vorgänger von Vladimir Jurowski als GMD der Bayerischen Staatsoper) legte zwischenzeitlich eine atemberaubende Eigenentwicklung in puncto Wagner hin, das begann mit seinem historisch-informierten Rheingold zusammen mit Concerto Köln, was wiederum als Gesamtprojekt der unter heutigen musikwissenschaftlichen Erkenntnissen stehenden Aufführungspraxis hinsichtlich des Wagnerschen RINGs seinen Anfang nahm. In diesem Jahr (14. Mai) findet es während der Dresdner Musikfestspiele mit der Götterdämmerung seinen vorläufigen Abschluss. Hier wurde und wird alles, aber wirklich alles, was die herkömmlichen Wagner-Darreichungen falsch oder verkehrt machten resp. immer wieder weiter falsch und verkehrt machen, infrage gestellt resp. über Bord geworfen; und der eigentliche Knackpunkt jeglichen herkömmlichen Herummusiziertseins von Wagner-Opern ist der Umgang mit ihren (von Wagner ziemlich eindeutig bestimmten) Tempi, d.h. dass eigentlich heutzutage, mit wenigen Ausnahmen, prinzipiell zu langsam und zu langatmig musiziert und gesungen wird, und es fällt schwer sich an dieses immer wiederkehrend "Übliche" zu gewöhnen - vorausgesetzt, man hatte einen eigens erfahrenen Hörvergleich zum (wie es immer so schön heißt:) historisch Informellen.

Und so kam es, wie ich ahnte: Auch Jurowski wälzte sich genüsslich in der herkömmlichen Art und Weise Wagner aufzuführen; seine Tempi schwankten, meistens war das alles viel zu breit - das hatte dann wiederum den leiseweinenden Vorzug, dass die Leitmotive gut herauskristallisiert wurden und bei den drei Gesangssolisten eine ausgezeichnete Textverständlichkeit hergestellt werden konnte.

Irene Roberts & Joachim Bäckström (eine gottlob neue Generation, die jetzt für die Sieglinde und den Siegmund zur Verfügung steht) sangen sich quasi schon mal ein; der Jurowski hat sie nämlich für die anstehende szenische Walküre (Regie: Tobias Kratzer) in München vorbestimmt, und seine Wahl scheint eine gute Wahl zu sein: sie klingt glockenhell, und er hat eine unangestrengte und v.a. saubere Höhe, die er ja als Siegmund reichlich braucht.

Ja und den Mika Kares kennen wir bereits seit Längerem (im RING in Bayreuth und Berlin), ja und bei ihm war ein dezentes Überstrapaziertsein seiner bassgewaltigen Stimme zu bemerken; wahrscheinlich wird auch er inzwischen, wie so viele andere von seinem Prominentenschlag, zu oft gebucht also verheizt.

So weit, so gut.
Andre Sokolowski - 20. April 2026
ID 15811
RUNDFUNK-SINFONIEORCHESTER BERLIN (Konzerthaus Berlin, 18.04.2026)
Johannes Brahms: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 B-Dur op. 83
Richard Wagner: Die Walküre WWV 86 b – 1. Akt
Sir Stephen Hough (für den erkrankten Yefim Bronfman), Klavier
Irene Roberts, Sopran
Joachim Bäckström, Tenor
Mika Kares, Bass
Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin
Dirigent: Vladimir Jurowski


Weitere Infos siehe auch: https://www.rsb-online.de


https://www.andre-sokolowski.de

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