Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

Unsere Anthologie:
nachDRUCK # 5

KULTURA-EXTRA durchsuchen...

Konzertkritik

Bachs Kunst

der Fuge

mit Sir András Schiff


Foto (C) Nadja Sjöström; Bildquelle: boulezsaal.de

Bewertung:    



Bachs Kunst der Fuge hatte ich in meinem bisherigen Leben nur einmal live gehört, und zwar mit Ton Koopman und seiner Frau Tini Mathot, sie spielten sie vor ein paar Jahren auf zwei Cembali in der Berliner Matthäuskirche; und ich erinnere mich daran, dass es im Kirchenraum ziemlich kalt gewesen war; und entweder waren es die Eisheiligen (das Konzert fand im Mai statt), oder ich war nicht warm genug angezogen...

Die Kunst der Fuge hatte Bach eigentlich "nur" für ein Tasteninstrument bestimmt. Dass sie drei Jahrhunderte nach seinem Tod auch als diverse Fassungen für Streichquartett oder gar Kammerorchester existiet, entsprach oder entspricht dem jeweiligen Zeitgeist jener Jahre, da sowas erfolgte; ich selbst (als DDR-Kind) besaß eine Hungaroton-Aufnahme aus den 1980ern mit dem Liszt Ferenc Kamarazenekar unter János Rolla - obgleich ich die 1977er Orgel-Einspielung mit Johannes Ernst Köhler (erschienen bei ETERNA) immer mehr bevorzugte.

Gestern Nachmittag hatte sie Sir András Schiff (72) auf einem Steinway-Flügel im Berliner Pierre Boulez Saal gespielt.


"Es ist für mich auch ein Privileg, ein solches Werk aufführen zu dürfen in unserer heutigen schrecklichen Welt. Wenn diese Musik erklingt, entsteht jedes Mal das Gefühl einer Gemeinde – für diese 90 Minuten ist die Welt in Ordnung. Das ist keine Flucht, kein Elfenbeinturm. Da ist eine Harmonie in der Welt, weil so eine Fuge repräsentiert, wie die Gesellschaft sein sollte: Die Stimmen diskutieren miteinander, und keine ist wichtiger als die andere. Manchmal übernimmt die eine Stimme die Führung, zwei Minuten später die dritte, und die anderen spielen mit oder lauschen. So kann auch die Gesellschaft funktionieren – mit Geduld, mit Toleranz." (András Schiff in einem Gespräch mit der Musikwissenschaftlerin Monika Mertl; Quelle: Programmheft)


Schiff hatte sich mit der Kunst der Fuge jahrzehntelang beschäftigt, sie analysierend erforscht und studiert, und er wollte bis zu seinem 70. Lebensjahr abwarten, um sie in sein pianistisches Repertoire aufzunehmen, ja mehr noch beabsichtigte er ab da (oder halt was später), wenn er mit Bach konzertieren würde, ausschließlich "nur noch" auf sie zurückzugreifen. Gottlob ist es noch nicht ganz soweit, was sein jüngster sechsteiliger Konzert-Zyklus beruhigend belegte; so spielte er im Dezember Werke von Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Schumann und Mendelssohn-Bartholdy: alles im Boulezsaal.

*

Er betritt das Parkett (mit ihm ein Assistent zum Notenumblättern), setzt sich an den Steinway, schlägt sein Faksimile-Exemplar auf, holt seine Lesebrille hervor, konzentriert sich kurz - und los geht's...

Der Flügel hat einen "warmen Klang", was Schiffs Selbstverständnis bekräftigt, wonach "nur eine Musik, bei der das Emotionelle und das Intellektuelle im Gleichgewicht sind", ihn faszinieren würde, und das sei nun mal bei Bach im hohen Maße der Fall.

Die Kunst der Fuge gilt als Gipfel der barocken Polyphonie. Und obgleich alle 14 Kontrapunkte in d-Moll, also einer einzigen Tonart, gehalten sind und alles, auch die vier Kanons, mehr oder weniger auf einem einzigen Thema basiert, erlebt der Hörer anderthalb Stunden lang eine derart vielgestaltige und vielgeschichtete Welt, um nicht zu sagen: Welten, dass ihm, auch wenn er zwischendurch seine Augen verschließt, um vielleicht den leitmotivischen Faden nicht zu verlieren, Hören und Sehen vergehen... Diesem gigantischen Fugenwerk zu folgen strengt wahrlich an; ja und ehe man sich versieht, endet es (so überraschend wie erwartungsgemäß) total abrupt; Schiff meint hierzu:


"Ob Bach in Takt 239 zufällig oder absichtlich abgebrochen hat, wer weiß… Ich glaube sehr gern an die Theorie, dass die Zahlensymbolik hier eine Rolle spielt: Die Quersumme aus 239 ist 14, die Quersumme aus den Buchstaben B–A–C–H ist auch 14, und noch dazu ist es der Contrapunctus Nr. 14! Als sehr frommer, gläubiger Mensch darf man den lieben Gott nicht lästern, indem man perfekter sein will als er." (Quelle: dto.)


Ein Ereignis.
Andre Sokolowski - 5. Januar 2026
ID 15634
Weitere Infos siehe auch: https://www.boulezsaal.de


https://www.andre-sokolowski.de

Konzerte

Musiktheater

Neue Musik

Rosinenpicken



Hat Ihnen der Beitrag gefallen?

Unterstützen auch Sie KULTURA-EXTRA!    



Vielen Dank.



  Anzeigen:





MUSIK Inhalt:

Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN

Rothschilds Kolumnen

BALLETT |
PERFORMANCE |
TANZTHEATER

CD / DVD

KONZERTKRITIKEN

LEUTE

MUSIKFEST BERLIN

NEUE MUSIK

PREMIERENKRITIKEN

ROSINENPICKEN
Glossen von Andre Sokolowski

RUHRTRIENNALE


Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal




Home     Datenschutz     Impressum     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2026 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)