Ein Fluss
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Wenn erklärt werden soll, was eine Tondichtung sei, wird meist an einer der ersten Stellen neben Till Eulenspiegels lustige Streiche von Richard Strauss und Der Zauberlehrling von Paul Dukas Die Moldau von Bedřich Smetana genannt. Bei den Sinfoniekonzerten des Staatsorchesters Stuttgart hat jetzt Dennis Russell Davies, vor längerer Zeit sein Chef, den ganzen Zyklus Má vlast (Mein Vaterland) dirigiert, aus dem Die Moldau entnommen ist. Er ist zugleich ein Paradebeispiel für den gegen die Habsburgerhegemonie gerichteten Nationalismus des 19. Jahrhunderts in der Musik und hat als solches für Tschechen bis heute Geltung.
Davies ließ das Orchester mit unspektakulärer Stabführung zur Höchstform auflaufen. Die Rubati, ergänzt durch eine nicht alltägliche Feinjustierung der dynamischen Differenzierungen, setzte er großzügig, um dem 75-minütigen Werk Leben einzuhauchen. Was genau ist eine Tondichtung oder Sinfonische Dichtung? Wann sind Melodien oder Rhythmen effektiv der außermusikalischen Wirklichkeit, der Natur, einem literarischen Entwurf abgelauscht? Wann sind Assoziationen musikimmanent? Wann sind sie konventionalisiert wie das Signal des Martinshorns? Wann werden sie bloß behauptet? Wie weit geht die Erkennbarkeit des Programms auf Kosten des kompositorischen Kunstanspruchs? Es gibt namhafte Bewunderer und ebensolche Verächter von Tondicjtungen. Und: die Grenzen zwischen Má vlast und Beethovens Pastorale auf der einen und Ketèlbeys In a Persian Market auf der anderen Seite sind ja tatsächlich fließend.
Applaus bedankte sich beim zweiten Teil des Zyklus, für Die Moldau eben, dann aber, schwächer, auch für die nachfolgenden Teile.
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In Österreich findet zurzeit eine heftige Debatte statt, ob man Latein an den Gymnasien abschaffen soll. Stellt sich die Frage, ob Latein für das kulturelle Gedächtnis wirklich mehr leistet als Musik als Pflichtfach, auch in der Oberstufe. Wer Latein vorzieht gegenüber Chinesisch, das immerhin von 17 Prozent der Weltbevölkerung gesprochen wird, gleicht einem Zeitgenossen, der Taylor Swift kennt, nicht aber Monteverdi und Bartók. Gut so?.
Wenn der Eindruck nicht täuscht, wird Má vast bei uns seltener gespielt als vor ein paar Jahrzehnten. Immerhin bewahrt das Werk die Erinnerung an die tschechische Nationalkultur. Wer liest in Deutschland Babička (Die Großmutter) von Božena Němcová oder auch Plutarch im Original? Da ist die Musik der Literatur überlegen.
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Thomas Rothschild - 23. Februar 2026 ID 15721
STAATSORCHESTER STUTTGART (Liederhalle, 22.02.2026)
Bedřich Smetana: Má vlast (Mein Vaterland)
Staatsorchester Stuttgart
Dirigent: Dennis Russell Davies
https://www.staatsoper-stuttgart.de/staatsorchester/
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