Barockes Fest
der Sinne
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Bewertung:
Reduzierte Arrangements sprudeln von ergreifender Harmonik. Eindringlich oszillierende Klangflächen entführen in eine mit Affekt aufgeladene Musik. Im konzertierten Dialog entsteht kunstvoll ein Triumph voller ornamentierter, rhythmischer Variationen; mal wuchtig, mal fein.
Unter dem Titel "LA FOLLIA" (dt.: die Torheit/ der Wahnsinn) wurden die Mauern der Kirche im Hildegardzentrum auf dem Rupertsberg in Schwingungen orchestraler Weite versetzt. Im Rahmen des Festivals RheinVokal eröffnete Dorothee Oberlinger mit Musikern ihres Ensembles 1700 den Abend. Die Blockflöten-Virtuosin interpretierte Charakterstücke mit verblüffender Artikulation. Die halsbrecherischen Ayres von Nicola Matteis gerieten unter ihren Fingern zu einem Rausch.
Das Programm widmete sich der namensgebenden Follia – einem historischen Harmonie- und Bassmodell (Basso ostinato) aus dem Barock, über das insbesondere Musiker aus Spanien Melodien variierten, etwa Diego Ortiz, Antonio Soler oder Gerónimo Giménez. Doch auch von den Italienern Antonio Vivaldi, Andrea Falconieri und Tarquino Merula, welche die hypnotische, sich steigernde Basslinie zu farbenfrohen Variationen inspirierte, wurden Werke dargeboten.
Hille Perl an der Gambe, Axel Wolf an der Laute und Asís Marquéz am Cembalo zeichneten harmonisch aufschwingende Basslinien nach. Auch Jonas Zschenderlein ließ in wechselnden Konstellationen an einer Barockgeige, die um das Jahr 1750 gebaut wurde, aufhorchen; er brillierte mit einem schillernd agilen Solo zu Johann Paul von Westhoffs Violinsonate Nachahmung der Glocken.
Die katalanische Sopranistin Núria Rial sang mit glockenheller Stimme die Kantate Che si può fare (dt.: Was kann man tun?) aus Opus 8 der italienischen Komponistin Barbara Strozzi (1619-1677).
Mit grazilen Handbewegungen suchte Rial den direkten Kontakt zum Publikum. Während der Arien von Monteverdi und Händel blitzte mediterranes Temperament auf. Das sie begleitende Ensemble 1750 harmonierte mit rhythmischer Finesse und tänzerischer Leichtigkeit. Die dargebotenen Stücke entführten in einen geheimnisvollen Kosmos aus Verrücktheiten der Liebe, herber Melancholie und der Klage über unerwiderte Gefühle.
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Schlussapplaus für das Ensemble 1700 und Dorothee Oberlinger in der Kirche im Hildegardzentrum auf dem Rupertsberg in Bingen | Foto © Ansgar Skoda
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Das Konzert bestach durch eine dramaturgische Balance zwischen facettenreicher Instrumentalmusik und perlendem Sologesang.
Núria Rial & Ensemble 1750 boten als Zugabe die barocke Sopranarie "Più non m’alletta e piace" (dt.: Die anmutige kleine Nachtigall lockt und erfreut mich nicht mehr) aus Il giardino d'amore (Venere e Adone) von Alessandro Scarlatti.
In der ausverkauften Kirche sorgten die Musikerinnen und Musiker für ein meisterhaftes Wechselspiel aus weichen Cantabile-Linien, Tremolo-Effekten sowie glanzvollen Fiorituren und schnellen Laufkaskaden präsenter Flötenkunst.
Der barocke Sinnestaumel bewegte das Publikum sichtlich.
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Ansgar Skoda - 6. August 2026 ID 15978
Weitere Infos siehe auch: https://www.rheinvokal.de/
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