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MUSIKFEST BERLIN 2026

Lucerne Festival Contemporary Orchestra

TUTUGURI von Wolfgang Rihm


Bewertung:    



Vor fast genau 10 Jahren gab es schonmal TUTUGURI von Wolfgang Rihm († 2024) - das war bei einem Konzert des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks unter Daniel Harding; und es war der (für mich) absolute Kracher beim damaligen MUSIKFEST BERLIN.

Gestern war es also wiederum im Großen Saal der Philharmonie zu hören und zu sehen:


"In keinem anderen Stück wurden bisher solch unbändige Elementarkräfte entfesselt, an keiner anderen Stelle wird der Rhythmus, wird das imponierende Schlagwerk so sehr zur Mitte und zum Ziel wie in dieser Partitur, deren letzten Teil die sechs Solo-Perkussionist*innen mit einem über Lautsprecher zugespielten Chor allein bestreiten.

Wolfgang Rihms
Poème dansé basiert auf Antonin Artauds einzigem Hörspiel Pour en finir avec le jugement de Dieu – Schluss mit dem Gottesgericht, einer radikalen Abrechnung mit der Gesellschaft, der Kirche und der Psychiatrie, in der Artaud neun Jahre seines Lebens verbrachte. In dem radiophonen Vortrag entfaltet der Dramatiker sein Konzept des Theaters der Grausamkeit, das existenzielle Grenzerfahrungen hervorrufen sollte. Sein Gedicht über die rituellen Tänze der Tarahumaras sollte nicht nur durch das gesprochene Wort wirken: 'Alles muss haargenau in eine tobende Ordnung gebracht werden', so Artaud. Und so ist in Rihms Musik der Text auf verschiedene Weise 'in jedem Abschnitt, in jeder Note gleichermaßen präsent. Der Text brachte diese Musik mit hervor – ein rituelles Bild auseinanderstrebender Energien.'"

(Quelle: berliner-festspiele.de)



Im Unterschied zu 2016, wo Graham Forbes Valentine Originalpassagen Artauds auf Französisch deklamierte, kam ich dieses Jahr in den Genuss der ungeheuerlichen Poetik des geistig überspannten Theatervisionärs auf Deutsch zu lauschen: Der Schauspieler Michael Engelhardt steuerte mit seiner exzessiven Performance vor und während der musikalischen Gereichung den gesamten Ritus der schwarzen Sonne in der von ihm und Sarah Müller erarbeiteten Neuübersetzung bei. Und da blieb mir v.a. jenes sich permanent wiederholende Bild des nackten Mannes mit blutgetränktem Hufeisen auf einem der sechs oder sieben Sonnen entgegentrabenden schwarzen Hengst in deutlicher Erinnerung - im Grunde genommen diente Artauds Ritus dem zur Werkentstehung gerade mal 30 Lenze zählenden Rihm (Tutuguri kann man also getrost als ein Jugendwerk des Komponisten bezeichnen) als psychedelische Inspirationsquelle sprich der "Vorstellung eines dunklen und grellen Kultes"; Rihm fasste das abschließend so zusammen:


"Die uneingestandene Angst vor der minütlichen Vernichtung drängt nicht mehr aufhaltbar ins Bewusstsein; ohne Absicht steht der Versuch in Atavistisches zu gelangen vor der Gegenwart — wo das Vorweltliche anscheinend beheimatet ist." (Quelle: universaledition.com)


In den 1980ern - wie heutzutage erneut - hinterließ die große Angst vor einem atomaren Erstschlag der Russen wahrscheinlich nicht nur bei Rihm künstlerische Kreativität.

*

Das seit diesem Jahr von Komponist, Klarinettist und Dirigent Jörg Widmann (53) künstlerisch geleitete Lucerne Festival Contemporary Orchestra (einem aus Meisterschülerinnen und Meisterschülern zusammengestellten Klangkörper der Lucerne Festival Academy) war in Großaufgebot angerückt, um die ersten drei Sätze (I., II., III. Bild) des über zweistündigen Rihm-Opus zu musizieren - nach der Pause "reduzierte es sich" im IV. Bild auf sechs Solo-Schlagzeugerinnen und -schlagzeuger (Glenn Choe, Bárbara Ribeiro, Christoph Sietzen, Miguel Llorente Gil, Michele Di Modugno, Efe Sağıroğluları), deren unüberhörbare Gruppen-Fortissimi - komplettiert mit vier im Saal verstreut agierenden Tamtam-Spielern, den per Lautsprecher angereicherten Artaud-Verlautbarungen des SWR Vokalensembles und vereinzelten Performance-Einschüben Michael Engelhardts - durch Mark und Bein gingen; ich hätte vor Begeisterung am liebsten noch während des Konzerts losschreien wollen.

Wahnsinnsabend!
Andre Sokolowski - 3. September 2026
ID 16020
MUSIKFEST BERLIN (Philharmonie Berlin, 02.09.2026)
Wolfgang Rihm: Tutuguri

Michael Engelhardt, Sprecher und Dramaturgie
Glenn Choe, Bárbara Ribeiro, Christoph Sietzen, Miguel Llorente Gil, Michele Di Modugno und Efe Sağıroğluları (Schlagzeuggruppe)
Christoph Sietzen (Einstudierung Schlagzeuggruppe)
Markus Güdel, Licht
Maxime Le Saux, Klangregie
Nina Steinemann, Kostüm von Michael Engelhardt
SWR Vokalensemble
Rupert Huber (Einstudierung Chor vom Tonband)
Lucerne Festival Contemporary Orchestra
Dirigent: Jörg Widmann


Weitere Infos siehe auch: https://www.berlinerfestspiele.de/musikfest-berlin/


https://www.andre-sokolowski.de

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