Synthesizer,
Sheng und
Sakralraum
|
Musiker Florentin Ginot und Tänzer Germain Zambi beim Applaus für ihr Programm Intimacy in der Kunst-Station Sankt Peter in Köln | Foto © Ansgar Skoda
|
Bewertung:
Nur was atmet, lebt. Luft ist nicht nur für Lebewesen und die Pflanzenwelt, sondern auch für die Musik ein Lebenselixier. Erst der Atem beim Singen versetzt Stimmbänder und Blasinstrumente in Schwingung – und schlussendlich springt dieser Funke auch auf die Zuhörer über.
Der ROMANISCHE SOMMER stand in diesem Jahr unter dem Motto "Odem", was Atem, Luft oder Hauch und im religiösen Sinne auch Seele meint. Seit 1988 feiert das Musikfestival alljährlich in Köln neben der Architektur auch die Akustik, den Hall und die Resonanz der romanischen Kirchen der Domstadt. In den vergangenen Jahren beleuchtete ich bereits die Romanische Nacht, den Höhepunkt des alljährlichen Festivals, zuletzt 2025. Dieses Jahr hörte ich auch in andere Programmpunkte hinein und besuchte weitere Aufführungsorte.
Am 11. Juni trat mittags in der Kirche St. Cäcilien, einem Ausstellungsraum und Exponat des Museums Schnütken, ein Duo aus der Ukraine auf. Oleh Shpudeiko, ein Komponist elektronischer Musik und bekannt als Heinali, trat zusammen mit der Sängerin Andriana-Yaroslava Saienko auf. Unter dem Motto "Zelenaia Dubrovonka (Hauch aller Heiligkeit, Feuer der Liebe)" widmeten sich beide Werken der Mystikerin Hildegard von Bingen, interpretierten jedoch auch eigene Kompositionen.
Saienko sang einfühlsam mit stimmlich farbiger Dramatik und nuancierter Ausdruckskraft. Sie verband die Gesänge aus dem Oeuvre der Hildegard authentisch mit ukrainischem Volksgesang. Shpudeiko setzte mit modularen Synthesizern tiefe Haltetöne, die an langgezogene Klänge des Mittelalters etwa von Leiern oder Dudelsäcken erinnerten. Saienko reagierte auf die Elektronik, sodass ihr Gesang mit den Synthesizerklängen verschmolz. Das Duo sorgte mit seinen expressiv pulsierenden und mäandernden Klängen glanzvoll für eine intensive, nahezu mystische Atmosphäre in dem besonderen sakralen Raum.
Am Abend brachte in der Kunst-Station Sankt Peter ein anderes Duo mit dem Programm "Voice, body and oscilating air" harmonisch repetitive Klangwelten fühlbar zum Schwingen. Der New Yorker Komponist und Performer Paul Pinto brachte Codex 1528 mit Live-Elektronik zur Uraufführung, ein von Michael Veltman an der Orgel dargebotenes Werk. Dissonanzen und dichte Reibungen pulsierten hypnotisch, während durchdringende Klanglinien in großen Bögen gewebt wurden. Später sang Pinto eindringlich ein Neues Werk, musikalisch begleitet vom Organisten Veltman.
|
Oleh ´Heinali` Shpudeiko & Andriana-Yaroslava Saienko aus der Ukraine beim Abschlussapplaus im Museum Schnütken/ St. Cäcilien in Köln | Foto © Ansgar Skoda
|
Nach einer Pause zeigten der Musiker Florentin Ginot und der Tänzer Germain Zambi ihr Programm Intimacy, ein bemerkenswertes Doppelsolo. Während Zambi ausdrucksvoll stampfte, sich elegant drehte und mit seinen Armschwüngen sowie Bruststößen die Blicke auf sich zog, begleitete Ginot ihn durch Live-Spiel auf einem tiefen Kontrabass und an einer Drehleier. Gelegentlich wurde auch Elektronik eingespielt. Ginot, seit 2015 Mitglied des Ensembles Musikfabrik, spielte neben alten Volksliedern und traditionellen Melodien aus Galicien, Irland und Schottland auch neuere Kompositionen und eigene Werke.
Am Folgetag war mittags in der Kirche St. Cäcilien im Museum Schnütken der Sheng-Virtuose Wu Wei zu erleben. Er musizierte während seines Programms "Atem - der göttliche Klang des Sheng" an der traditionellen chinesischen Mundorgel Musik aus dem 7. Jahrhundert und Neue Musik. Auch er brachte eigene Werke im Rahmen seiner Performance zur Uraufführung. Die zu den ältesten Blasinstrumenten Chinas gehörende Sheng gilt als früher Vorläufer der Harmonika-Instrumente. In vielstimmigen Klangfacetten und harmonischen Wendungen rauschte, zischte und fauchte das Instrument aus 37 Röhren, die als Pfeifen oder Öffnungen senkrecht stehen. Es gab während des Konzertes eine kurze Pause, in der Wei die Mundorgel reinigte. Während der Aufführung seiner Komposition Innere Landschaft I spielte der Instrumentalvirtuose die Rohrblattflöte Bawu, eine aus Bambus gefertigte Holzquerflöte. Das präsentierte Repertoire reichte von mittelalterlicher Gagaku-Musik des japanischen Kaiserhofs über Jazz hin zu Motiven der chinesischen Kunqu-Oper.
Auch diese Klangtechniken aus Fernost sorgten mitunter in experimentellen Farben für ein intensives und bereicherndes Konzerterlebnis.
So zeigte der ROMANISCHE SOMMER eindrucksvoll, wie der gemeinsame Nenner des Atems – ob durch ukrainische Kehlen, westliche Elektronik oder die Röhren einer chinesischen Mundorgel – die Jahrhunderte überbrückt und die Kirchenräume mit neuem, lebendigem Odem erfüllt.
|
Sheng-Virtuose Wu Wei an der chinesischen Mundorgel im Museum Schnütgen/ St. Cäcilien in Köln | Foto © Ansgar Skoda
|
Ansgar Skoda - 16. Juni 2026 (2) ID 15909
Weitere Infos siehe auch: https://www.romanischer-sommer.de
Post an Ansgar Skoda
skoda-webservice.de
Konzerte
Hat Ihnen der Beitrag gefallen?
Unterstützen auch Sie KULTURA-EXTRA!
Vielen Dank.
|
|
|
Anzeigen:
Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN
Rothschilds Kolumnen
BALLETT | PERFORMANCE | TANZTHEATER
BAYREUTHER FESTSPIELE
CD / DVD
KONZERTKRITIKEN
LEUTE
MUSIKFEST BERLIN
NEUE MUSIK
PREMIERENKRITIKEN
ROSINENPICKEN
Glossen von Andre Sokolowski
RUHRTRIENNALE
= nicht zu toppen
= schon gut
= geht so
= na ja
= katastrophal
|