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Feuilleton


27. August 2006, Theaterkapelle Berlin

mitten wir im leben sind mit dem tod umfangen

Texte und Lieder von Rilke, Büchner, Gryphius, Hölderlin, von der Vogelweide, Weinert u. v. a.

Regie: Christina Emig-Könning

Seit Mai 2006 gibt es die THEATERKAPELLE BERLIN, Adresse: Boxhagener Str. 99, 10245 Berlin-Friedrichshain



Fröhlich sterben

Mittendrin wirds dunkel.

Dort wo ich sitz streift Björn Langhans wie ein Kater um mich rum. Ich seh ihn nicht, aber ich kann ihn atmen, sich auf seine Rezitate vorbereiten hören, seine Haut duftet verführerisch nach Seife, und ich bin versucht die Hände nach ihm auszustrecken. Nach und nach ist wieder Licht. Jetzt sind sie optisch da die so gut spielen, sprechen, singen: Auch Elisabeth Milarchmit ihrer atzend-eindringlichen Brüllerstimme. Und Susanne Menner, rückhaltlos, manchmal mit Mikrofon, als eine deklamierende Sirene.Alexander Flache's Sound, hab ich den Eindruck, kennte ich aus Funk und Fernsehen, der kommt mir so vertraut und nah, wie'n Stimmenimitator, vor. Martin Andreas Greif... mit einem Lippenpaar von überquellig-geiler Sinnlichkeit - - - - - die Fünf im Stück lehren mich diesen Abend, dass der Tod die allerfreieste und "schönste" Endstufe menschlichen Daseins ist; danach kommt nur noch Asche.


Die versinnbildlicht in einem Erdhaufen.

Der reicht bis hoch hinauf zur eigentlichen Bühne: dem Altar.

Auf ihm, nach unten eingelassen, eine Falltür.

Die führt schnurgeradewegs: ins Grubengrab.

Von oben dicke Seile baumelnd, wo man Glocken und sich selber hin und her
(be-)schwingen kann.
Christina Emig-Könnin - ein Geheimtipp ausgeartetst-funktionierenden Regietheaters - hat sich für die allererste Vorstellung in der von ihr bespielten und betriebenen "Theaterkapelle" im Berliner Friedrichshain eine Performance ausgedacht, welche, was ihre optische Gereizung und die allzu menschliche Verführungskraft ihrer Akteure anbelangte, ihres Gleichen suchen dürfte. Diese Regisseurin scheint das unnachgiebigste Talent in Sachen Haut & Haare nicht nur der ihr anvertrauten Schützlinge zu haben, nein - denn auch dem anonymsten Glied in dieser mysteriös-erotisch anmutenden Kette (wenn ein unsichtbares Band den Zuschauenden mit dem Schauspieler verknüpfend trägt, und wenn's die beiden in der Tat dann spüren, existiert tatsächliches Theater) macht sie Gänsehaut, lässt ihm die Härchen stehen. Wie? wie macht sie das??


Leben unter der Dusche! Die THEATERKAPELLE BERLIN verdeutlichte mit unbändiger Lebensfreude eine Art von Unangst vor dem Tod - Foto (C) Burchard


Sie konzentriert die Schauspieler vor allem auch auf ihre Körper. Lässt sie sich dann sozusagen ausprobieren. So was kennt man eigentlich dann "nur" vom Tanztheater. Auch die Berghaus hatte eine ähnliche, um nicht zu sagen eine medizinfrauartige Methode, dass sich ihre Darsteller "unter der Fuchtel" wie von selber von sich selbst befreiten. Lauterbach (in ihren besten Inszenierungen, die stammten alle ausnahmslos aus Leipzig) war noch sinnlicher. Doch Emig-Könning hat den vorzeigbaren Vorteil, dass man justament in ihren Arbeiten erkennt a) dass sie körperliche Lust "versteht" und b) dass sie sie dann mit einer herzdurchwärmend großen Menschlichkeit in die sie (diese Körperlüste) darzustellen Habenden verbringt. Die Resultate sind von einer singulärer Spiritualität.
Man hat an diesem einprägsamen Abend vielen Liedern und Gedichten, was weiß ich von wem auch immer, lauschen können. Alle handelten sie irgendwie vom Tod, also vom Leben UND vom Tod, also vom Leben NACH dem Tod, also vom Leben OHNE Tod schlechthin und überhaupt. Nicht einen Augenblick stellten sich irgendwie dann Trauer und Verzweiflung ein, zu "positiv", zu lebensnah waren die Themen einer sonnenhingewandten Ja-Verkündigung anheimgestellt.

Wie die Lemuren aus dem Zweiten Goethe-Faust sahen die Fünf am Schluss "verwandelt" aus; sie wälzten ihre nass geschwitzten Leiber in dem Erdhaufen und ließen sich mit Haferflockenbrei begießen, den sie sich sehr sehr genüsslich gegenseitig auf- und breitverteilten; hierzu irgendein humoriges Gedicht vom Schweinemann und seiner Sau; zuallerletzt erscheint ein kleines Mädchen, es heißt Lina von der Ahre, und es macht den Mund auf, und aus ihm ertönt "Da hat das Hottepferd sich einfach umgedreht und hat mit seinem Schweif die Fliegen weggefegt", und alle andern machen mit... Ein Hoheliedchen auf den Untod.


Absolut genial.


Andre Sokolowski
ID 00000002624
www.andre-sokolowski.de


"mitten wir im leben sind mit dem tod umfangen"

Texte und Lieder von Rilke, Büchner, Gryphius, Hölderlin, von der Vogelweide, Weinert u. v. a.

Regie: Christina Emig–Könning
Dramaturgie/Text: Carsten Wilhelm
Produktionsleitung : Yvonne Wagner
Technische Leitung: Georg Köhler
Bühne: Frank Prielipp

Es spielen und singen:
Elisabeth Milarch
Susanne Menner
Björn Langhans
Alexander Flache
Martin Andreas Greif
Jonathan Prösler
(Bodyguard)
Lina von der Ahre (Kind)

Es musizieren Alexander Gutman und Marcel Weller.

Weitere Infos siehe auch: http://www.theaterkapelle.de






 
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