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Feuilleton


9. April 2009, Premiere an der Deutschen Oper Berlin

MARIE VICTOIRE von Ottorino Respighi



So toll sieht Takesha Meshé Kizart aus, wenn sie in einem Konzert auftritt - an der Deutschen Oper Berlin konnte und kann man sie jetzt als MARIE VICTOIRE in der gleichnamigen Oper von Ottorino Respighi bewundern, und sie ist wohl, für Berlin zumindest, die Entdeckung der zu Ende gehenden Saison...

Bombastisches Schnulzenwunder über die Lieben einer Hutmacherin

Die Deutsche Oper Berlin hat - nach ihrer sensationellen Neuentdeckung von Braunfelsens JEAN D'ARC im letzten Jahr - ein neues "unbekanntes" Wunderwerk für sich und uns (das operngeile Zuhör-/Zuschauvolk) hervogestemmt: MARIE VICTOIRE von Ottorino Respighi.

Von Respighi kennt man grade mal die PINIEN VON ROM oder, wenns hoch kommt, noch die andern beiden Programmsinfonien aus der sog. Römischen Trilogie; mehr nicht. Wer hätte so gedacht, dass er auch außerdem 10 Opern und 7 Ballette schrieb? Das Meiste ein- und keinmal aufgeführt. Und prima, dass es jetzt dann Einen gab - denn irgendeiner muss ja die Idee gehabt haben - eine von den Respighi-Opern zu erangeln. (Katharina Wagner war ja eigentlich mit dem Projekt betraut gewesen; und sie hatte wohl dann auch die Wucht des Werks und seine Anstrengungen rechtzeitig als Fallgrube für sich erkannt, vermute ich, und gab die Inszenierung an die Intendanz zurück.)


Das ist der Website-Aufmacher der Deutschen Oper Berlin für MARIE VICTOIRE, die am 9. April 2009 ihre umjubelte Premiere in der Bismarckstraße feierte. Leider können wir mit keinen Szenenfotos dienen, da sie alle furchtbar kostenpflichtig sind... - Abbildung (C) http://www.deutscheoperberlin.de


Johannes Schaaf, ein Altvater des altmodischen Regissierens, wurde als "Ersatzhäuptling" bestimmt; und sein Regiestil muss als Idealhandschrift für dieses so bombastisch anmutende Schnulzenwunder über die MARIE VOCTOIRE und ihre Lieben - Plot folgt gleich - bezeichnet werden!

In der Schule lernte ich, dass Revolutionieren etwas Richtiges und Gutes sei. Die Armen hätten sich gegen die Reichen stark gemacht, ja und das wäre also richtig gut gewesen. Von der Stunde ab, also nachdem diese Revolten endgültiger Weise ausgestanden waren, hätte die Gerechtigkeit über die Sache halt gesiegt. So wäre es beim Spartakusaufstand gewesen, und so hätte die Große Sozialistische Oktoberevolution letztendlich auch gesiegt. Genauso ungenau und albern habe ich das Alles - und ich überspitze freilich jetzt im Nachhinein - als kleiner und auch nicht mehr ganz so kleiner Junge in der Schule mitgekriegt; als DDR-Würfchen, gewiss.

Nun aber, in MARIE VICTOIRE, begreife ich den eigentlichen Grundzusammenhang von Gut und Böse, und der funktioniert nur zwischenmenschlich, also nicht in den "Ideen". Denn der zweite Akt - er spielt in/nach der Terrorzeit des Robespierre; die grandnationige Revolution fraß, wie es später so schön heißen sollte, ihre Kinder - lässt mir in der Zeichnung der Figuren schier das Blut in dem Geäderwerk erfrieren: Ja, der Fallbeilhenker fordert, völlig willkürlich, pro Tag so an die sieben Opfer. Und es kommt, wie jeden Früh, der Vorleser der Liste und sagt so die nächsten Sieben für das Fallbeil an. Im Kerker warten dann die "bösen Reichen" (Adeligen) oder andere und weitere Verdächtige (die mit den Adeligen kumpanierten) auf die Hinrichtungen...

Die Geschichte (= Plot) - also diejenige, die wirklich opernhaft interessiert - speist sich aus diesem so gesellschaftlichen und politischen Rundum und geht in etwa so:
MARIE VICTOIRE war früher, also vor dem Sturz des Massenmörders Robespierre, selbst eine reiche Adelige. Und sie war mit einem andern Adeligen, der hieß/heißt Maurice, zusammen, und sie beide taten, außer reich und adelig zu sein, den Menschen um sie rum kein Leids an; nein, sie liebten sich halt bloß. / Dann brach der Terror über Nacht in das Idyll; der aufgehetzte Mob bemächtigte sich ihrer reichen adeligen Kleider usf. // Maurice musste zu seinem reichen adeligen Vater nach Bretonien fliehen, um von ihm das Schlimmste abzuhalten... /// Es ging das Gerücht, Maurice wäre inzwischen tot o.s. ä. //// Alles irgendwie vergeblich, denkt Marie, die zwischenzeitlich auch im Kerker auf der Warteliste für das Fallbeil steht; mit ihr, das gleiche Schicksal wohl erwartend, Clorivière, ein guter Freund Maries aus Jugendtagen, und er macht sich, einen Tag vor ihren anbestimmten Hinrichtungen, an die Jugendfreundin ran... //// Dann platzt die Nachricht über Robespierres Tod herein; die reichen Adeligen kommen plötzlich wieder frei... ////// Sechs Jahre später - und Marie kriegte von Cloriviére ein Kind - kehrt über Nacht Maurice, den alle schon für tot gehalten hatten, aus Bretonien zurück. Er ist schockiert über die "Untreue" der Braut. //////// Inzwischen hat Napoleon das Sagen; auf den Bonaparten wird ein Attentat verübt; der Attentäter, Clorivière, muss sich verbergen; und Maurice gibt sich, auch weil er keinen Lebenssinn mehr sieht (siehe das sechsjährige Clorivière-Balg), als der Attentäter aus; aber der echte Attentäter, also Clorivière, kommt doch noch mal ganz kurz bei Hutmacher's - MARIE VICTOIRE hat, seit Napoleon, einen eignen Hutsalon - vorbei und stellt sich so der Polizei und: Er erschießt sich vor Marie/Maurice. Vorhang.

* * *

Takesha Meshé Kizart ist die fulminanteste Entdeckung aller drei Berliner Opernhäuser der zu Ende gehenden Saison!!! Ihre Marie ist eine stimmliche Verheißung - ihre Stimme, und die Sensibilität und Kraft von dieser Stimme, rühren und bewegen einen ganzen Saal. Das operngeile Zuhör-/Zuschauvolk kam aus dem estrogenen Wippen der Gefühle nicht mehr raus. Der absoute Wahnsinn, das!

Und Markus Brück (er half noch einen Abend vorher "nebenan", also bei Daniel Barenboim, als Heerrufer im LOHENGRIN kurz aus) ließ sich von seiner Partnerin zu Exzessivausbrüchen seiner bassbaritonalen Grundbelastbarkeit verführen; und auch seine Interpretation kam voll und wuchtig bei den Adressaten in der Bismarckstraße an.

Wie auch die meisten Anderen, ob große oder kleine Rollen spielend (so Germán Villar als Clorivière zum Beispiel), der Erwähnung wert sind.

Michail Jurowski zeigte sich als griffiger und kräftig "aussingender" Dirigent der Megapartitur; der Chor (von William Spaulding einstudiert) vollbrachte wieder eine Extra-Glanzleistung.

Und Schaafs Regie - und wie gesagt - muss als ein Ideal für dieses ungeheuerliche Opern-Unding nachbezeichnet sein; so derart Viel-auf-Einmal kann wohl nur durch eine Eins-zu-eins-Sicht in ein halbwegs nachvollziehbares (und atemmögliches) Korsett gepresst sein. Gut so!!

Keine Ahnung, wieviel Geld die Produktion geschluckt hat; wenig war es sicher nicht... Doch Augen, Ohren, Herzen kommen vollends auf die Kosten!!!


Andre Sokolowski - red / 10. April 2009
ID 4265
www.andre-sokolowski.de



MARIE VICTOIRE von Ottorino Respighi (Deutsche Erstaufführung!)
Musikalische Leitung: MICHAIL JUROWSKI
Inszenierung: JOHANNES SCHAAF
Bühne: SUSANNE THOMASBERGER
Kostüme: PETRA REINHARDT
Premierenbesetzung:
Marie de Lanjallay ... TAKESHA MESHÉ KIZART
Maurice de Lanjallay ... MARKUS BRÜCK
Clorivière ... GERMAN VILLAR
Simon ... SIMON PAULY
Cloteau ... STEPHEN BRONK
Kermarec ... JÖRN SCHÜMANN
Lison Fleuriot, Emerantine ... MARTINA WELSCHENBACH
Caracalla ... GREGORY WARREN
La Marquise de Langlade ... NICOLE PICCOLOMINI
Le Marquis de Langlade ... YOSEP KANG
u. v. a.
CHOR DER DEUTSCHEN OPER BERLIN
(Choreinstudierung: WILLIAM SPAULDING)
ORCHESTER DER DEUTSCHEN OPER BERLIN

Weitere Infos siehe auch: http://www.deutscheoperberlin.de





 
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