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Konzertkritik


5. Februar 2014 - Akamus im Konzerthaus Berlin

WERKE DER "BERLINER SCHULE"



Da ich im Folgenden und wiederum ausschließlich nur Positives und in den höchsten Tönen von einem Konzert mit der Akademie für Alte Musik schreiben kann, sei mir das zur Abwechslung mal mit negativen Formulierungen gestattet: Dieses mit den Berliner Philharmonikern sicher zurecht berühmteste Ensemble der Hauptstadt musiziert nie „akademisch“ glatt, nie museal-philologisch, nie pedantisch langweilig, nie leer perfektionistisch, kurz: nie fad. Nordische Gesetztheit sucht man vergeblich, die mitteleuropäische Behäbigkeit kommt nicht vor, man spürt nie eingefahrene Routine oder selbstgefällige Handwerklichkeit. Dergleichen braucht niemand bei einem Konzert dieses Ensembles wundervoller Solisten zu fürchten. Die Konzerte der Akamus waren seit ihrem Bestehen noch nie ein nur mittelmäßig gelungenes oder gar enttäuschendes Erlebnis.

Auch das aktuelle Programm : alles andere als konventionell. Um den Stargast Vittorio Ghielmi (Gambe) war wohldurchdacht eine Konzertfolge in wirkungsvoller Abwechslung von Ensemblestücken rauschenden Effekts, intimerer Kammermusik sowie farbenprächtigen Konzert- und Solowerken arrangiert. Dabei wurde der Bogen in das Aufblühen des Berliner Konzertleben geschlagen: um zwei Kleinodien aus der Feder des letzten großen Gambisten der Musikgeschichte, Carl Friedrich Abel, gruppierten sich Kompositionen von Carl Philipp Emanuel Bach, Johann Gottlieb Graun und Georg Philipp Telemann.

Sogleich die Ouvertüre in d-moll für Bläser und Streichergruppe von Graun (es handelt sich um den Bruder des berühmteren Berliner Opern- und Oratorienkomponisten) brach harsch und leidenschaftlich los, um das Publikum sofort in den Sog eines intensiven Musikstroms zu reißen. Dieses Stück machte wieder einmal höchst eindrucksvoll klar, wie absurd Bekanntheit und Bedeutung miteinander durch unsere Aufmerksamkeit stolpern und streiten. Was für Musik! Und natürlich wird das nur erfahrbar dank solcher Musiker! Konzertmeister Stephan Mai fachte einen furiose Spiellaune an, die den ganzen Saal in Hitze versetzte. Soviel Temperament und Lust finden sich auch unter den Künstlerinnen und Künstlern des Mediterraneums nur selten.

In der folgenden Gambensonate in C-Dur, Wq 136, des „Berliner Bachs“ nun vermochte der Gastsolist aus Mailand ungeahnte Klangspektren seinem Barockinstrument zu entlocken und alle, zumal in dem tiefgefühlten Andante, in Bann zu ziehen. Gleichberechtigt in diesem einst als „Solo“ geltenden Stück musizierten mit ihm der begnadete Raphael Alpermann am Cembalo und Nils Wiebald, Violoncello, um das Stimmengewebe ausdrucksvoll lebendig werden zu lassen. Eine Lust, dieser kleine Wettstreit!

Anschließend wetteiferte auch die wunderbare Oboistin der Akamus, Xenia Löffler, diesmal auf der Blockflöte, mit dem Gambensolisten in einem magisch schönen Doppelkonzert in a-Moll von Telemann: Ich weiß wirklich nicht, was mehr zu bewundern war – jedenfalls schien die Zeit vergessen zu sein und der Ort - und ich würde keinesfalls zögern, solche Momente glückliche zu nennen. Glücklich auch die Berliner, denen solche Stunden vergönnt sind!

Nach der Pause brillierte Vittorio Ghielmi mit kostbaren Solostücken aus dem Drexel Manuskript von Carl Friedrich Abel, einem Adagio in d-moll und einem Allegro in d-moll, unbegleitet. Schwer Worte zu finden, um zu beschreiben, wie diese filigranen Kleinodien von ungeahnter Schönheit (die unsereinem natürlich den Vergleich zu Johann Sebastian Bach oder Marin Marais aufdrängen) unter den Händen Ghielmis ihren Zauber verströmten und so, zart koloriert, wie aus alten Geschichten zu singen schienen.

Daraufhin dann die atemberaubende Es-Dur-Sinfonie, Wq 179, von Carl Philipp Emanuel Bach, in deren energieberstender Strahlkraft sich das gesamte Ensemble zusammen fand: ein einziges Schwelgen und Rauschen vitalster Musizierlaune, bei der keine der Einzelstimmen im Ganzen versank, nicht die Geigen mit dem vergnügten Konzertmeister, nicht Hörner, nicht das Oboenpaar, weder Kontrabass oder Cello, noch Fagott und keinesfalls das Cembalo inmitten!

Zum krönenden Abschluss wurde der Bogen mit einer weiteren Komposition von Johann Gottlieb Graun zum Anfang geschlagen, und in der Tat bekommt man diesen Graun zu selten zu hören: ganz erstaunlich ist seine ebenso temperamentvolle, wie dichte Musiksprache. Es gab ein Gambenkonzert in a-moll, das nun wieder Vittorio Ghielmi alle Möglichkeiten bot, so bravourös wie expressiv das Publikum zu bannen; andererseits war es schwer, nicht gleichzeitig die auffahrenden Läufe des Geigenchors zu verfolgen, deren spielerische Rasanz mindestens ebenso atemberaubend faszinierte, wie der blitzende Farbzauber des Solisten! Alle am Ende herzlich gefeiert und selber erfreut, schenkten sie uns nach dieser klug aufgebauten Programmfolge ein herrliches Da capo!



Bewertung:    

Olaf Brühl - 11. Februar 2014
ID 7594
AKADEMIE FÜR ALTE MUSIK BERLIN (Kammermusiksaal, 05.02.2014)
Johann Gottlieb Graun: Ouvertüre für zwei Oboen, Fagott, zwei Hörner, Streicher und Basso continuo d-Moll
Carl Philipp Emanuel Bach: Sonate für Viola da Gamba und Basso continuo C-Dur Wq 136
Georg Philipp Telemann: Konzert für Blockflöte, Fagott, Streicher und Basso continuo a-Moll
Carl Friedrich Abel: Adagio d-Moll und Allegro d-Moll für Viola da Gamba solo (aus dem Drexel-Manuskript)
Carl Philipp Emanuel Bach: Sinfonie Es-Dur Wq 179
Johann Gottlieb Graun: Konzert für Viola da Gamba, Streicher und Basso continuo a-Moll
Akademie für Alte Musik Berlin
Vittorio Ghielmi, Viola da Gamba
Stephan Mai, Konzertmeister
Georg Kallweit, Konzertmeister


Weitere Infos siehe auch: http://www.konzerthaus.de


Post an Olaf Brühl

Siehe auch die Konzertkritik zu Bejun Mehta



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