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Demütigung
und Hochmut
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Bewertung:
Es gibt Regisseure, die sich mit jeder Inszenierung, jeder Herausforderung durch einen Stoff, durch jede Struktur einer Vorlage neu erfinden. Und es gibt Regisseure mit einer dezidierten Handschrift, die an einem einmal entwickelten Verfahren festhalten, unabhängig davon, worauf es angewandt wird. Ulrich Rasche gehört zur zweien Sorte, sein Kennzeichen ist die sich drehende Scheibe, auf der sich Schauspielerinnen und Schauspieler, Sängerinnen und Sänger unaufhörlich bewegen, choreografischen Gesetzen eher folgend als mimetischen. Das hat zu einer extremen Spaltung unter Kritikern und „normalen“ Zuschauern geführt, die diese Hartnäckigkeit entweder bewundern oder mehr oder weniger wütend ablehnen.
Jetzt ist seine Version von Gaetano Donizettis Maria Stuarda, die er im vergangenen Jahr auf die Bühne des Großen Salzburger Festspielhauses gestellt hat, als DVD und Blu-ray erschienen, die eine Überprüfung der eigenen Wahrnehmung erlaubt. Auch bei audiovisuellen Aufzeichnungen von Bühnenereignissen stehen sich zwei Optionen diametral gegenüber. Sie können sich, dokumentarisch, zurücknehmen, unauffällig bleiben, um dem Original so nahe wie nur machbar zu kommen. Oder sie können den Film, die Fernsehübertragung, die DVD als selbstständiges Medium mit Einschränkungen und eigenen Möglichkeiten begreifen. Bei dieser Maria Stuarda hat man sich für die zweite Variante entschieden. Schon der Vorspann zur Ouvertüre signalisiert das Bekenntnis zur DVD als autonomem Medium. Die auffälligste Einschränkung liegt auf der Hand: der Eindruck von der überdimensionalen Bühne lässt sich via DVD nicht vermitteln.
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Der Video-Regisseur Michael Beyer nützt das medienspezifische Mittel des Bildschnitts ausgiebig. Die wechselnden Perspektiven, die dem an seinen Platz gefesselten Theaterbesucher vorenthalten bleiben, konterkarieren die Monotonie von Rasches Schreitritualen. Die zwei Scheiben als Spielfläche werden durch wiederholte Draufsicht deutlicher als im Festspielhaus wahrgenommen, eine dritte Scheibe dient als Lichtquelle oder – Video im Video – als Projektionsfläche für schwarz-weiße Filmszenen.
Bei Aufzeichnungen von Sprechtheater spielt die Großaufnahme eine besondere Rolle. Sie ermöglicht es, den Zuschauer näher an die Darsteller zu rücken, als es im Theater möglich ist. Bei der Oper verhält es sich anders. Selbst wenn Sängerinnen oder Sänger überdurchschnittlich begabte Schauspieler sind, ist der Gesichtsausdruck beim Singen, sind der aufgerissene Mund, das bebende Zäpfchen nicht unbedingt vorteilhaft. Da bedarf es einer sorgfältigen Planung, um ein Umschlagen ins Groteske zu verhindern. Bei dieser Maria Stuarda ist das gelungen. Nicht zuletzt, weil die Darstellerinnen der königlichen Antagonistinnen nicht nur sängerisch eine gute Figur machen.
Die räumliche Nähe zu den Figuren in der zentralen Begegnung von Elisabeth und Maria erhöht die Wirkung jenes Kerns, der schon bei Schiller angelegt ist: die Macht von Demütigung und die Provokation durch den Stolz und den Hochmut, die diese beantworten. Wer Krieg psychologisch erklären will, als Reaktion derer, die ihn auslösen und durchführen, findet hier ein zeitloses Modell. Dass es an Frauen exemplifiziert wird, ist eine Besonderheit des Stoffes. Die Oper über Trump und Chamenei wurde noch nicht geschrieben.
Thomas Rothschild – 2. August 2026 ID 15972
NAXOS-Link zur
Maria Stuarda
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